Profunde Halbbildung auf dem Weg zum Journalismus

von Bastian Buchtaleck

„Die Medien transportieren, was in der Welt geschehen ist (…). Der Journalist, der diesen Informationstransport festlegt, auswählt, wertet, kommentiert, hat selbst eine Bedeutung, die ihn aus der Masse der Mitbürger heraushebt.“ Sehr knapp und präzise fasst die Professorin für Journalismus, Mediengeschichte und Medienpolitik Gabriele Goderbauer-Marchner die Arbeitsaufgaben eines Journalisten zusammen. Interessant hierbei ist, dass sie im ersten Kapitel ihres Buchs „Journalist werden!“ zwar die Bedeutung, aber nicht die Verantwortung des Journalisten gegenüber der Öffentlichkeit erwähnt. In den letzten 30 Jahren hat sich im Berufsbild offenbar einiges geändert. Laut Goderbauer-Marchner fangen beispielsweise immer weniger Menschen ohne journalistischen Hintergrund an,  im Journalismus zu arbeiten – auch wenn es hier vergleichsweise viele dieser Quereinsteiger gebe.  Zudem habe sich die Ausbildung selbst im Laufe der Zeit sehr professionalisiert.

Auch die klare Trennung zwischen dem klassischen Journalismus der Printmedien und des Rundfunks auf der einen und der Unternehmenskommunikation und den Public Relations auf der anderen Seite würde immer durchlässiger. Eine weitere Veränderung beträfe die Arbeitsweise selbst. Die ehemalige Journalistin schreibt, sie werde „in Zukunft immer mehr mit den Fragen der Medienkonvergenz und der Digitalisierung zu tun haben. Denn die junge Zielgruppe wandert ins Internet“. Wer sich dort als Journalist behaupten wolle, sollte nicht nur das Handwerk des klassischen Journalismus, sondern eben auch die Multimedialität des neuen Mediums Internet beherrschen. Diese „Crossmedialität“ verlange von erfolgreichen Journalisten deshalb ein Denken und Zurechtfinden in mindestens zwei „Medienwelten“. Offensichtlich verschiebt sich also das Berufsbild des Journalisten.

Die Autorin stellt fest, dass sich der Journalismus heute in weiten Teilen auf die sogenannten „Freien“ stützt, die zwar meist selbst schreiben – während Redakteure Geschriebenes nur noch übernehmen – zugleich jedoch wenig Geld verdienen. Das Buch enthält eine Liste mit unentbehrlichen Charaktereigenschaften wie Neugierde und Unabhängigkeit.

Neben einem Studium seien Praktika unabdingbar für einen späteren Berufseinstieg, so die Autorin. Am besten in einer kleinen Redaktion, weil man dort mehr tun dürfe und das gleich für drei bis sechs Monate. Diese meist unbezahlten Praktika gehen jedoch an der Lebensrealität aller jungen Menschen vorbei. Vielmehr scheint hier ein wenig Betriebsblindheit der ehemaligen langjährigen Redaktionsleiterin vorzuliegen. Finanziell ist solch ein Praktikum für die meisten ein Desaster. Die Betreuung durch die Redakteure lässt auch oft zu wünschen übrig. Das Motiv, ein Praktikum über sich ergehen zu lassen ist die Hoffnung auf ein Volontariat. „Ein Volontariat zählt zu den klassischen und nach wie vor begehrtesten Einstiegen in den Beruf des Journalisten. 80 Prozent der Berufseinsteiger nehmen diesen Weg.“

Vor solch einem Volontariat steht meistens ein Studium, in dem man lernt, Informationen auszuwerten und zu kommentieren. „Der Journalismus fällt einem nicht in den Schoß, sondern ist eine Tätigkeit, die erlernt werden kann.“, so Goderbauer-Marchner. Um über ein Studium zum Journalismus zu gelangen, seien die Wege allerdings vielfältig. Immer jedoch sollte zumindest ein kleiner Teil mit Medien zu tun gehabt haben. Der Journalist „muss sich in ein Thema vertiefen können. Hartnäckig und nachhaltig“, dabei das Ziel verfolgen, „ein kompliziertes Thema sachlich korrekt, aber für die Allgemeinheit verständlich“ zu formulieren. Zugleich eigne man sich im Studium eine, wie der Münchener Journalist Herbert Riehl-Heyse es nennt, „profunde Halbbildung“ an.

Genau das vermittelt „Journalist werden!“: eine profunde Halbbildung. Das Buch hat den Charakter eines Ratgebers für Neulinge und richtet sich damit eher an Abiturienten als an ambitionierte Quereinsteiger. Es bietet einen Überblick über den aktuellen Journalismus. Allerdings ist es kaum mehr als eine erste Orientierung. Meint man es wirklich ernst, sollte die Lektüre unbedingt vertieft werden – beispielsweise anhand der aufgeführten Tipps und Links. Bedauernswert ist die ab und zu auftretende Betriebsblindheit der Autorin, die den Beruf des Journalisten ein wenig verklärt und aus ihm einen „Helden des Alltags“ macht. Letztlich – so kann man aus „Journalist werden!“ lernen – ist der Spaß am Schreiben entscheidend für den Karriereweg eines angehenden Journalisten.

Goderbauer-Marchner, Gabriele: Journalist werden!, UVK-Verlag, Konstanz 2009, ISBN 978-3-86764-132-6, 134 Seiten, 14.90 €

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Carl Sagan trifft Umberto Eco

 

von Hans W. Giessen

 

Das Buch „Eifelheim“ hat einen deutsch klingenden Titel, obgleich es ein amerikanisches Buch ist, von einem amerikanischen Autor, in einem amerikanischen Verlag erschienen. Aber der Titel trügt nicht: „Eifelheim“ ist der Name eines „deutschen“ Dorfes, genauer: eines Schwarzwalddorfes zur Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit (also, wenn wir streng sind, zu einer Zeit, als es „Deutschland“ noch nicht gab).

Tatsächlich handelt es sich um zwei Parallelgeschichten, die sich einerseits im titelgebenden Ort „Eifelheim“ des 14. Jahrhunderts und zum anderen in der (in einer nahen Zukunft angesiedelten) Gegenwart eines Akademikerpärchens an einer US-amerikanischen Universität entwickeln. Verbunden werden die beiden Geschichten in der Person des Historikers Tom Schwoerin. Er versucht, herauszufinden, wieso der Ort im Jahr 1349 nach einer Pestepidemie aufgegeben und dann nie wieder besiedelt wurde, obgleich es sich von der Lage her angeboten hätte. Alle geographischen und ökonomischen Daten sprechen dafür, dass hier eine Siedlung stehen müsste. Es muss also etwas Dramatisches passiert sein, dass es dazu nicht gekommen ist – aber was? Dies erläutert der Teil der Handlung, der in „Eifelheim“ selbst angesiedelt ist. Wobei die Handlung selbst schnell erzählt ist – es handelt sich gerade nicht um eine mäandernde, aber vorwärtstreibende ,Handlung’ im Sinn anderer historischer Romane à la „Wanderhure“, die auf eine anderes Publikum zielen, das Sex und Krimieffekte im historischen Ambiente sucht. „Eifelheim“ beschreibt Sozialstrukturen, Verhaltensschemata, philosophische und weltanschauliche Konzepte, dazu kommen wissenschaftliche Konzepte insbesondere aus der Quantenphysik – aber weniger vorwärtstreibende Handlung im Sinn zahlreicher äußerer Ereignisse. Von daher können die Ereignisse des Buches hier bedenkenlos erzählt werden, da die Spannung andere Quellen hat. Immerhin beginnt die Geschichte buchstäblich mit einem Donnerschlag: Ein Raumschiff stürzt in einen nahegelegenen Wald. Offenbar handelt es sich um eine Bruchlandung, die Passagiere sind auf der Erde gestrandet, müssen ihr Raumschiff reparieren. Der Dorfpfarrer entdeckt eine Art Haus, das plötzlich im Wald aufgetaucht ist. In der Folge liegt der Schwerpunkt dann aber nicht mehr auf schnellen Handlungseffekten. Vielmehr geht es um den sich langsam anbahnenden Kontakten zwischen den Außerirdischen, insektenartig aussehenden Wesen, die von den Menschen, die ihre Sprache und Art des Kommunizierens nicht verstehen, „Krenken“ genannt werden.

Das Buch wirbt, meiner Meinung nach völlig gerechtfertigt, mit einem Zitat aus einer Rezension des “Entertainment Weekly“: “Carl Sagan meets Umberto Eco“. Wobei der Hinweis auf den Astrophysiker Sagan eher auf seinen Roman “Contact“ aus dem Jahr 1995 abzielt als auf seine wissenschaftlichen Bücher (von denen in Deutschland sicherlich und zumindest noch “Cosmos“ aus dem Jahr 1980 bekannt sein dürfte), und der Hinweis auf Eco ebenfalls nicht vorrangig den Semiotiker meint, sondern wohl eine Referenz auf seinen berühmtesten Roman „Il nome della rosa“, ebenfalls aus dem Jahr 1980, darstellt, der in der selben Zeit wie „Eifelheim“ spielt (korrekterweise: zwanzig Jahre früher, 1327). Also ein Buch, das literarische Kategorien überschreitet, natürlich historischer Roman, gleichzeitig Science-Fiction, ebenso aber auch philosophischer Dialog…

Die Außerirdischen sind im Wortsinn Fremde, im Denken, Handeln, im Anblick. Sie sind auf den ersten Blick ausgesprochen unsympathisch: nicht nur, dass sie bizarr aussehen, wie übergroße, graufarbene Heuschrecken. Sie sind auch cholerisch, neigen zu Gewaltausbrüchen, sind eingebunden in eine strenge Hierarchie, dort äußerst statusorientiert. Insektenmäßig ist also nicht nur ihr Aussehen: Ihre Instinkte sind durch ihre Jugend geprägt, die sie in einem bienenartigen Schwarm erleben. Aber die Krenken werden, ihrer Sozialstruktur zum Trotz, dennoch auch als Individuen gezeichnet. Manche werden geradezu sympathisch, andere bleiben unangenehm. In der Tat ist ein Reiz des Buches, dass und wie sehr es sie sich als individuelle, realistisch anmutende ,Personen’ entwickeln lässt.

Was ich besonders faszinierend finde, ist, dass es eher die Außerirdischen sind, die sich den Menschen zuwenden, als umgekehrt. Unter den Dorfbewohner gibt es nur wenige, die neugierig sind, wieso die Krenken hierhergekommen sind, wie es in der Hölle (oder wo auch immer diese Wesen herstammen) aussieht, geschweige denn, wer sie wirklich sind. Offensichtlich ist die Gegenwart, sind die eigenen Ängste zu dominant – oder ist die menschliche Natur so? Aber auch hier zeichnet Michael F. Flynn ein differenziertes Bild. Einige Dorfbewohner suchen den Kontakt. Zunächst fühlt sich der Dorfpfarrer durch ihre Ankunft herausgefordert und versucht, herauszufinden, was dies für das Dorf bedeutet.

Pfarrer Dietrich ist eine faszinierende Figur. Er hat in Paris bei den berühmtesten Gelehrten seiner Zeit studiert, bei Jean Buridan, seinerseits Schüler Wilhelm von Ockhams (der im Buch auch einen Gastauftritt hat). Offenbar hatte er dann aus theologischen ebenso wie sozialen Gründen einen Bauernaufstand unterstützt – er hat also konkrete Schlüsse aus Ockhams Philosophie gezogen. Natürlich hat er sich dabei mächtige Gegner gemacht; sein Leben scheint bedroht gewesen zu sein. So wird erklärt, warum dieser gebildete und hochintelligente Mann fast versteckt in einem abgelegenen Schwarzwalddorf lebt. Dietrich hat also seine Wunden. Emotional ist er deshalb vorsichtig, lässt sich nicht direkt auf seine Mitmenschen ein, wirkt eher ,verkopft’ – auch er ist eine zwiespältige Figur, nur begrenzt sympathisch. Aber er ist nicht tumb und lehnt Fremdes einfach deshalb ab, weil es fremd und anders ist. Dennoch bleibt er in seiner Zeit verwurzelt. Flynn beschreibt keinen ,Gegenwartmenschen’, der halt in einer anderen Epoche lebt. Nein, Dietrich ist durchdrungen von der Theologie seiner Zeit. Und er hat große Schwierigkeiten, die Krenken, ihre Technologie und Sozialstruktur zu verstehen, beziehungsweise in Begriffe und Konzepte zu übersetzen, mit denen er umgehen kann. Aber die Ockhamsche Theologie (oder seine Persönlichkeit) veranlassen ihn doch, auf die Krenken zuzugehen und ihnen zu helfen. Die Kommunikation erfolgt über einen Übersetzungscomputer, den die Außerirdischen besitzen. Dennoch bleibt sie schwierig. Da das Vokabular bei Krenken und Menschen semantisch höchst unterschiedlich besetzt ist, entstehen faszinierende Diskussionen. Um zu erklären, wie Weltraumflüge funktionieren, erklären die Krenken quantenphysikalische Phänomene. Dietrich kann dies natürlich nicht verstehen – aber: er versteht dennoch, denn er fügt die Informationen der Außerirdischen in sein theologisches Konzept ein. So gehen die Diskussionen (die wir Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts aus beiden Perspektiven zumindest abstrakt nachvollziehen können) oft haarscharf aneinander vorbei – und ergeben doch auf merkwürdige, äußerst faszinierende Art einen neuen ,Sinn’. Und es funktioniert auch umgekehrt: Theologische Aussagen Dietrichs werden von den Krenken als Anmerkungen zu (oder Umschreibungen von) quantenphysikalischen oder astronomischen, aber auch sozialen Prozessen interpretiert. Wenn beispielsweise Jesus der bald zurückerwartete – es herrscht ja Endzeitstimmung – “Lord of the stars“ ist: Bedeutet dies, dass er ein Raumfahrer ist, der die Krenken aufgrund seiner Erfahrungen und seines Wissens aus ihrer Situation erlösen kann?

Auch das hat mir gut gefallen: Der Konflikt zwischen figurativer und konkreter Sprache ist ein wichtiges Subthema des Buches. Die Außerirdischen haben keine ,Antenne’ für Metaphern – die aber die christliche Theologie dominieren. Dies erweist sich als noch einschneidender als die unterschiedlichen Kenntnisse über die Naturgesetze, über die Welt, über Welterklärungskonzepte. Sprachliche Kommunikation und die dadurch entstehenden Missverständnisse und dann doch wieder aufflackernden Momente des Einvernehmens sind auf jeden Fall der entscheidende Knackpunkt im Verhältnis zwischen Dietrich und den Außerirdischen. Allein die Art, wie Flynn den Umgang, die Kommunikation zwischen Menschen und Krenken konzipiert hat, ist faszinierend, die theologischen Diskurse des Buchs sind mitunter atemberaubend.

Die Gegensätze zwischen Krenken und spätmittelalterlichen Dorfbewohnern sind im Übrigen fast genauso groß wie zwischen dem Pfarrer und Teilen seiner Gemeinde. Dietrich wird von Bruder Joachim von Herbolzheim unterstützt, der Franziskaner ist. Joachim kann mit der eher vernunftbetonten Theologie Dietrichs nichts anfangen: Seine Religiosität ist ausschließlich emotional begründet. Er sieht in den Krenken sofort Dämonen. Dies meint auch die Mehrheit der Dorfbewohner. Man kann es ihr nicht verübeln, der Augenschein scheint ihnen Recht zu geben: Die Fremden können fliegen, auch wenn sie keine Flügel haben. Und so entwickelt sich als erste Frage, was denn die eigentliche Herausforderung sei: Muss man die Fremden eliminieren oder bekehren? Pfarrer Dietrich will die Krenken bekehren. Dazu muss zunächst die theologische Frage geklärt werden, ob Außerirdische überhaupt Christen sind oder werden können. Schließlich gelingt es ihm, sich mit einigen der Krenken anzufreunden und sie zu überzeugen. Dem ersten Täufling gibt er den Namen Hans. Damit ist auch – und zumindest – bewiesen: Die Krenken haben eine Seele. Und: Die christliche Botschaft ist so stark, dass ihr Einfluss sogar die ursprüngliche Natur der Krenken überwindet.

Die Außerirdischen haben weitere Integrationserfolge. Bemerkenswerterweise gibt es sogar Parallelen zwischen der hierarchischen Gesellschaftsstruktur der Krenken und der spätmittelalterlichen Feudalordnung. Auch dies erlaubt es den Krenken, sich anzupassen, und der lokale Potentat Manfred von Hochwald kann gar, überraschend problemlos, ein Lehnsverhältnis der Krenken akzeptieren. Er ernennt einen der Außerirdischen, der ihm behilflich ist, gar zum Baron Großwald.

Beeindruckend ist also, wie Flynn die Konsequenzen des Kontakts zwischen Menschen und Krenken gestaltet. Die Menschen ändern sich letztlich kaum, ihre Persönlichkeitsstrukturen bleibt gleich – auch die des in der Geschichte so dominanten Pfarrers Dietrich, der zwar offen und (scheinbar) tolerant auf die Fremden zugeht, aber doch so sehr in seinem Weltbild verhaftet ist, dass er sie zu bekehren versucht und ihn die Vorstellung umgekehrter Anpassung an die Kultur der technologisch weiterentwickelten Wesen undenkbar erscheint. Dagegen erwägen und akzeptieren einige der Krenken in der Tat menschliche Normen und Werte. Sie machen emotional wie intellektuell den größeren ,menschlicheren’ Schritt. Die christliche Bekehrung und Taufe sind dafür nur die (aus menschlicher Sicht) extremsten Gesten. Schließlich wird das Dorf von der Pest erreicht. Der Dorfpfarrer versucht sein Möglichstes, den sterbenden Dorfbewohnern zu helfen. Die Krenken haben ihr Raumschiff repariert und wollen die Erde wieder verlassen. Aber einige bleiben, um der Dorfbevölkerung zu helfen und die Toten zu begraben. Sie sind humaner geworden als die meisten Menschen des Dorfes, sie orientieren sich am Dorfpriester – während sich, natürlich, kein Mensch an ihnen orientiert.

Dies ist besonders faszinierend: Flynn kann glaubhaft darstellen, dass und warum verschiedene Außerirdische, obgleich einer überlegenen Technologie entstammend, lieber in einem pestverseuchten spätmittelalterlichen Schwarzwalddorf bleiben wollen, um dort als Christen (im spätmittelalterlichen Sinn des Wortes) weiterzuleben. Bald sterben aber auch sie. Manche kommen in Kämpfen um, manche erfrieren, aber vor allem leiden sie an der irdischen Nahrung, der eine Aminosäure fehlt, die sie zum Überleben benötigen. Sie besitzen zwar technologische Möglichkeiten, die den menschlichen Erfahrungshorizont übersteigen. Aber ihre Lage ist dennoch so verzweifelt wie die der Dorfbewohner. So diskutieren der Pfarrer und sein außerirdischer Freund Hans philosophische Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Ursache von Unheil.

Rund 700 Jahre später ist die Stelle, an der das Dorf existiert hatte, noch immer verwaist. Im ,Gegenwartsteil’ des Buches stößt Tom Schwoerin, der Historiker, der mathematisch-statistische Methoden nutzt, um zu neuen Erkenntnissen über historische Probleme zu gelangen, auf die erstaunliche Tatsache dieser Wüstung. Auch der ,Gegenwartsteil’ ist spannend und faszinierend. Die ,Handlung’ ist Folge des Zusammenlebens des Historikers mit einer theoretischen Physikerin, Sharon Nagy. Beide sind in einer schwierigen Phase ihrer Beziehung, in ihre Arbeit vertieft, vom jeweils anderen genervt. In solchen Situationen bringen sie oft abfällige Bemerkungen des anderen weiter. Einmal schleudert Tom beiläufig Sharon den Vorwurf entgegen, dass die Lichtgeschwindigkeit, Einstein zum Trotz, auch unter identischen Bedingungen nicht gleich sei. Wütend überprüft Sharon den Vorwurf – und muss in der Tat feststellen, dass die Lichtgeschwindigkeit seit Messbeginn (wenngleich nur minimal) langsamer geworden ist. Zunächst vermutet sie, dass einfach die Messmethoden präziser geworden sind. Aber dann bestätigt sich der Vorwurf ihres Lebensgefährten.

Sie erforscht die Rätsel von Raum und Zeit und entwirft ein zwölfdimensionales Universum – und entdeckt dabei exakt die Mechanismen, die die Außerirdischen für ihre Reise genutzt haben. Zunächst aber muss ihr Partner das Rätsel des Dorfes lösen. Infolge mühsamer Recherchen erfährt er, das ,Eifelheim’ zunächst ,Oberhochwald’ hieß und erst nach den Ereignissen von 1348 und 1349, nachdem der Ort also aufgegeben war, als ,Teufelheim’ bezeichnet wurde; daraus entwickelte sich dann ,Eifelheim’. Eine beiläufige Nebengeschichte schildert die Hilfe, die Schwoerin von einer Bibliothekarin erhält, die ihn offenbar als Forscher (und darüber hinaus) anhimmelt. Aber er ist so absorbiert, dass er darauf nicht eingeht. So bleibt er bei Sharon – zum Glück (nicht nur für seine Beziehung), denn die eigentliche Lösung des Rätsels ist Sharon zu verdanken. Beide reisen schließlich nach Freiburg und von dort weiter zur Wüstung Eifelheim, und finden sogar das (christliche) Grab des Krenken Hans – und dort eine Art Plan, der die Theorie von Sharon bestätigt und erklärt, wie die Außerirdischen durchs Weltall reisen konnten. Mithin haben die Forschungsfragen ihres Freundes auch die theoretische Physikerin weitergebracht, ihr sogar zu einem empirischen Beweis ihrer theoretischen Überlegungen verholfen. Michael Flynns Roman ist so präzise durchkomponiert, dass Vergangenheit und Zukunft sowie Geschichte (Geistes-  beziehungsweise Sozialwissenschaft) und Physik (Naturwissenschaft) jeweils exakt den Schlüssel zur Erklärung und Lösung der gegenseitigen Fragestellungen und Probleme bieten. Die Ökonomie des Romans hat zur Folge, dass die jeweiligen Epochen, Ergebnisse, Geschichten und Welterklärungen, so verschieden sie objektiv sind, zueinander passen wie Puzzleteile.

Die Zeit, das Dorf, die Menschen – alles ist sehr glaubwürdig, gerade weil nichts einseitig (perfekt, gut – oder schlecht) ist. Michael F. Flynn geht fair mit dem spätmittelalterlichen Europa um, er hat Respekt – genauso wie mit den Wissen­schaftlern, die er im Gegenwarts-Teil beschreibt. Das spätmittelalterliche Weltverständnis erscheint mitunter so fremd wie dasjenige der im Band beschriebenen Physik oder der Außerirdischen. Aber Flynn macht deutlich: Auch wenn uns die jeweiligen Denkansätze fremd sind, sind sie nicht minderwertig, sondern differenziert und sinnvoll, damals wie „heute“. Sie sind anders, weder besser, noch schlechter. Sie haben Interesse und Verständnis verdient.

Freilich: Damit ist der Roman zu komplex, um es beispielsweise mit einer „Wanderhure“ aufzunehmen. Letztlich ist er auf bizarre Weise gar ein Gegenentwurf zu Ockhams Rasiermesser. Immer wieder werden Erwartungen gebrochen – angefangen von den „menschlichen“ Außerirdischen, über die Tatsache, dass die beiden Wissenschaftler jeweils Fächer repräsentieren, die man gemeinhin eher dem jeweils anderen Geschlecht zutraut (theoretische Physik wird eher als ,männlich’ wahrgenommen, Geschichtestudierende sind überwiegend weiblich…). Selten verbindet ein Buch so viele verschiedene Themen und Forschungsgebiete, von der Anthropologie über die Epidemiologie, die Gesellschaftstheorie, Kosmologie, Quantentheorie, Religionspolitik, Soziologie und Sozialgeschichte, mittelalterliche Theologie bis zur Xenobiologie, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig sind die Grenzen unseres (des?) Wissens ein zentrales Thema. Ist diese Komplexität der Grund, warum der Band bisher nicht in Deutschland erschienen ist? Diese Tatsache ist beschämend, nicht nur, weil die Geschichte in Deutschland spielt. Der Band wurde weltweit aufgenommen und es ist auch zu Übersetzungen in unsere Nachbarsprachen gekommen, ins Französische und ins Polnische, zudem beispielsweise ins Japanische – in Japan hat der Roman sogar einen nicht unbedeutenden Preis erhalten, ebenso wie in den USA, wo er es auf die Shortlist zum Hugo gebracht hat. Nur in Deutschland traut sich offenbar niemand an das Buch heran.

Vielleicht ist auch ein Grund, dass Michael Flynn als Science-Fiction-Autor wahrgenommen wird, und das Genre der Science-Fiction in Deutschland fast nur mit Computerspielen und den von ihrer Ästhetik beeinflussten Hollywood-Baller-Filmen assoziiert wird. Möglicherweise dominiert diese Assoziation so sehr, dass lediglich noch Leser zu Science-Fiction-Romanen greifen, die Nervenkitzel, Thrill suchen. Die Verlage, die Science-Fiction-Literatur verlegen, passen sich diesem Trend an (oder müssen sich ihm anpassen, da sie sonst zu wenig Umsatz erzielen?) – und so erwarten Interessenten ernsthafter, nachdenklicher Science-Fiction gar keine entsprechenden Werke mehr.

Offensichtlich war dies das Schicksal des einzigen Flynn-Bandes, der bisher in Deutschland erschienen ist („Der Fluss der Sterne“, erschienen 2008 bei Heyne in München, im Original 2003 unter dem Titel “The Wreck of the River of Stars“ ebenfalls bei Tor in New York veröffentlicht und von Andreas Brandhorst übersetzt). Auch dies ist ein eher ruhiges, reflektierendes Buch, aber der Verlag glaubte, Werbung für das Buch mit Sätzen wie „das größte aller Abenteuer beginnt [...] – ein atemberaubendes Science-Fiction-Erlebnis“ machen zu müssen. Kein Wunder, dass die Leser, die auf der Suche nach Action waren, enttäuscht wurden, und andere Leser den Band gar nicht erst in die Hand nahmen. Kurz und gut, die Erwartungen wurden gegenseitig missachtet. So entstehen sich selbst verstärkende Schleifen: Niemand erwartet mehr seriöse, nachdenkliche Science-Fiction-Geschichten, und wenn dies doch mal vorkommen sollte, bekommen ihre potentiellen Leser dies gar nicht erst mit, weil in den einschlägigen Verlagsprogrammen anders vorherrscht – und die Action-Fans sind enttäuscht und schimpfen über den Verlag, falls sie ,fälschlicherweise’ ein solches Buch erwerben. Haben mithin Bücher wie Eifelheim überhaupt noch eine Chance in Deutschland?

Aber es gibt sie noch: ernsthafte Literatur, die sich großer Themen annimmt und diese atemberaubend und spannend aufbereitet. Wo die Spannung der Durchführung zu verdanken ist und nicht einer vordergründigen Action. ,Eifelheim’ ist ein solcher Roman und hätte eine Chance verdient. Immerhin kann man ihn ja heutzutage über die großen Lieferdienste in der amerikanischen Originalfassung schicken lassen, Gott sei Dank.

“Eifelheim” von Michael F. Flynn, New York: Tor 2006, 320 Seiten.

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“Schatten der Vergangenheit”: Schöne Frauen in langweilig verwirrendem Psychodrama

von Juliane Besch

Jeanne (gespielt von Sophie Marceau) lebt in einer perfekten Pariser Familienidylle. Als sie beginnt, nach den Gründen für ihre fehlenden Erinnerungen aus der frühen Kindheit zu suchen, nimmt das Drama seinen Lauf: Sie fängt an, ihre Umgebung und sich selbst verändert wahrzunehmen. Ihre Mutter, ihr Mann und ihre Kinder sehen plötzlich völlig anders aus und auch die Wohnung scheint nicht mehr die alte zu sein.

Der Blick in den Spiegel wird für Jeanne zum Schockerlebnis. Es scheint sich eine Parallelwelt aufzutun. Zunehmend verzweifelt sucht sie Hilfe in der Psychiatrie – jedoch vergeblich. Auf der Suche nach ihrer Vergangenheit reist sie nach Italien. Dort wird sie mit ihrem Kindheitstrauma, einem schweren Autounfall, bei dem ihre Freundin stirbt, konfrontiert, und es gelingt ihr schließlich die Aussöhnung mit dem erlebten Leid. Jeanne kann sich endlich innerlich von der Getöteten trennen und befreit von psychischen Problemen weiterleben.

Die beiden Darstellerinnen, Sophie Marceau und Monica Bellucci, sind ohne Frage eine Augenweide. Auch das Thema der Traumabewältigung ist an sich nicht uninteressant. Zu Beginn nimmt einen die Verzweiflung angesichts der sich verschiebenden Wahrnehmung auch mit. Man fühlt sich wie in einem dieser Albräume, in denen sich die vermeintlich heimatliche Haustür als die einer anderen Familie erweist. Leider wirken die in die Gesichter hineingemorphten fremden Augen kaum gruselig, da sie einfach zu unecht aussehen. Bis auf eine kleine Irritation am Anfang gibt der Effekt nicht viel her. Ab jetzt sieht man Jeanne beim Leiden zu, ohne selbst betroffen zu sein. Der Höhepunkt dieser misslungenen Darstellung einer Metamorphose bildet das skurril wabernde fremde Gesicht (von Monica Bellucci) in Jeannes eigenem. Das erinnert an mittelmäßige Horrorfilme und wirkt hier eher albern.

Innerhalb der Geschichte erscheinen mehrere Aspekte unplausibel, wie zum Beispiel die Tatsache, dass der Psychiater, den Jeanne am Anfang ihrer Erkrankung aufsucht, die offensichtlich schwer verstörte Frau einfach wieder nach Hause schickt. Zudem bleibt die psychische Genesung irgendwie wenig nachvollziehbar. Die Erinnerung an den Unfall selbst scheint Jeanne am Ende zu genügen, um zu heilen.

Insgesamt ist „Schatten der Vergangenheit“ ein Film, den man sich anschauen kann, wenn einem halbgare Metamorphosen zwischen zwei Frauen und die Idee psychischen Wahnsinns ausreichen. Alle, die mehr wollen, werden sich nach spätestens der Hälfte des Films langweilen, da man dann verstanden hat, worauf die Geschichte hinausläuft. Man wartet nur noch ab, bis die Hauptdarstellerin es auch endlich versteht.

Don’t look back – Schatten der Vergangenheit, (Original-Titel: Ne te retourne pas), Frankreich 2009, Laufzeit 106 Minuten, Regie: Marina de Van, mit Sophie Marceau und Brigitte Catillon.

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“Le Havre” – Flache Geschichte, schöne Bilder

von Juliane Besch

In der französischen Hafenstadt Le Havre lebt ein älteres Ehepaar, Marcel und Arletty, mit dem Hund Laika in einem kleinen Haus. Marcel verdient Geld, indem er Schuhe putzt, seine Frau kümmert sich um den Haushalt. Als ein Schiffscontainer mit illegalen Einwanderern entdeckt wird, kann Idrissa, ein schwarzer Junge, fliehen und trifft im Hafen zufällig auf Marcel. Während sich dieser um ihn kümmert – ihn bei sich wohnen lässt und seinen Großvater in England ausfindig macht – liegt Arletty mit einer schweren Krankheit im Krankenhaus. Um Idrissas Fahrt nach England zu finanzieren, veranstalten Marcels Nachbarn ein Konzert. Der Junge entgeht mit ihrer Hilfe den Denunziationen eines anderen Nachbarn. Der Kommissar – eigentlich mit der Ergreifung beauftragt – deckt Idrissa in seinem Versteck auf einem Fischkutter, der ihn nach England bringen soll, als ihn Polizisten suchen. Derweil gesundet Arletty im Krankenhaus wie durch ein Wunder. Mit Marcel kehrt sie in ihr kleines Haus zurück.

Was eine spannende Geschichte über Flüchtlingspolitik und menschliche Solidarität sein könnte, entpuppt sich als eine Art ruhiges Erwachsenenmärchen in altmodischer Requisite.  Wer eine absolut plausible und vielleicht sogar politisch anspruchsvolle Geschichte sucht, wird enttäuscht werden. Dass Arletty erst schwer krank ist und dann plötzlich gesundet, ist genauso unrealistisch wie die selbstverständliche Hilfe der Nachbarn, Idrissa zu verstecken. Dass es Marcel problemlos gelingt, über andere Flüchtlinge Idrissas Großvater in England zu finden, erscheint mit dem Wissen über reale europäische Flüchtlingspolitik naiv. Es sind diese wundersamen Wendungen, die die Geschichte zu einem Märchen werden lassen: wichtiger als Plausibilität ist die symbolische Kraft der Ereignisse. Arlettys spontane Gesundung am Ende des Films mag unrealistisch sein – sie steht als Symbol für die Überwindung aller Probleme.

Die Charaktere selbst wirken wie Karikaturen. Der Kommissar ist das Klischee eines französischen Polizisten der 70er Jahre, auch sein Peugeot ist stilecht. Zudem werden die Motive und Emotionen der Figuren wenn überhaupt dann metaphorisch gezeigt. So ist der Kommissar von einer Ananas genauso überfordert wie von Idrissa. Warum Marcel den Flüchtlingsjungen überhaupt aufnimmt und warum der Polizist den Jungen dann fliehen lässt, bleiben unklar. Wer tiefere Einsichten in menschliches Handeln sucht, sucht sie in diesem Film vergeblich.

Aber es gelingt Kaurismäki, mit minimalen Mitteln Spannung aufzubauen. Sehr eindrucksvoll sind beispielsweise die Gesichter der Flüchtlinge, als die Tür des Containers geöffnet wird.

Was die Geschichte sympathisch macht, ist der Verzicht auf perfekte Schönheit und Erfolg á la Hollywood. Die Figuren sind alle älter und stehen eher am Rande der Gesellschaft: weder die Kneipenwirtin noch der Gemüsehändler, die Bäckerin oder Marcel haben es wirklich weit gebracht.

Interessant ist der Film, wenn schon nicht durch seine Story, durch Kaurismäkis Stilmittel. Durch sehr statische Bilder wirkt der Film fotografisch und bisweilen wie ein Theaterstück. Selbst in Momenten größter Bewegung, zum Beispiel wenn Idrissa vor der Polizei flieht, bleibt die Einstellung relativ ruhig. Außerdem spielt Kaurismäki intensiv mit Farben, so erscheinen fast alle Räume in Blaugrau, kontrastiert mit dem Gelb eines Kleides und einigen Tupfern Rot.

Insgesamt ist die Geschichte selbst keine Meisterleistung, denn sie erzählt nichts, was man nicht so oder besser wüsste. Wer aber ein eher künstlerisches Interesse am Film hat und sich trotzdem nicht mit einer allzu seichten Geschichte quälen will, ist mit „Le Havre“ gut bedient.

Le Havre.  FIN/F/D 2011.  Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki.  Mit André Wilms, Kati Outinen, Blondin Miguel.

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Keine Standing Ovations

Von Linda Stanke

Welche Erwartungen weckt ein Buch mit dem Titel Picture Coverage of the World. Pulitzer Prize Winning Photos? Die meisten werden wohl einen Bildband vermuten, der mit ergänzenden Hintergrundinformationen zu den Bildern, den Fotografen und vielleicht noch zur Geschichte des „Pulitzer Prize for Press Photography“ ergänzt wird. Je nach wissenschaftlichem oder künstlerischem Anspruch bestimmen Text oder Bilder die äußere Erscheinung des Werkes. Blättert man durch Heinz-Dietrich Fischers 2011 im Lit Verlag erschienenes Buch, ist man sich der Bestimmung nicht sicher. Da der Textanteil überwiegt, kann nicht von einem Bildband gesprochen werden. Man einige sich also auf die wissenschaftliche Lesart.

Fischer beginnt erwartungsgemäß mit einer Einleitung, in der er seine Absicht zu diesem Buch erklärt („The book at hand attempts to document the evolution of this award“) und sein Vorgehen präsentiert, die Gewinnerfotos aus 70 Jahren „Pulitzer Prize for Press Photography“ kulturell und inhaltlich gewissenhaft einzuordnen.

In der Folge werden auf 233 Seiten alle Gewinnerfotos auf jeweils einer Doppelseite vorgestellt. Das Schema ändert sich nicht: Nach der Nennung der Kategorie („Feature Photography Award“ oder „Spot News/Breaking News Photography Award“), des Jahres, des Fotografen und der Tageszeitung, in der das Foto erschienen ist, geht der Autor in vier Absätzen kurz auf die Juryentscheidung ein, benennt weitere Nominierungen, portraitiert den Fotografen und erläutert knapp das Foto. Die Redundanz ist sicherlich dem Chronikcharakter geschuldet und stört an sich nicht, wenn der Leser einen Bildband erwartet hätte. So jedoch fehlt dem Text die Tiefe: historische oder kulturelle Hintergründe zur Entstehung der Bilder werden zwar gegeben, nicht aber in einen wissenschaftlichen Kontext eingeordnet; die Juryentscheidungen werden nicht analysiert oder kritisch hinterfragt. Der gesamt Text kratzt an der Oberfläche, mehr nicht.

Liest man das Buch hingegen als Bildband, fällt als erstes die schlechte Bildqualität auf. Zwar weist Fischer in seiner Einleitung auf Qualitätsunterschiede hin und begründet dies mit fehlendem Archivmaterial. Dieses Argument wird jedoch hinfällig bei Fotografien neueren Datums, die mit allergrößter Wahrscheinlichkeit digital vorliegen und deren Macher mit Sicherheit kontaktiert werden können, um eine bessere Auflösung des Bildes zu liefern.

Die Frage ist nun: Wenn der Verlag schon viel Geld für Bildrechte ausgibt, warum er das Material dann so lieblos abdruckt? Körnige Schwarzweiß-Fotografien können durchaus Charme besitzen, doch hier hat man sich keine Mühe gemacht, die Bildauflösung zu prüfen oder Kontraste nachzubessern. Das Gewinnerfoto „Severely wounded U.S. soldiers in Baghdad“ (John Moore et al.) aus dem Jahr 2005 beispielsweise ist pixelig. Stan Grossfelds „Shiite moslem orphans playing in Lebanon“ von 1984 ist so schlecht reproduziert, dass man auf den ersten Blick keine kleinen Mädchen mit Hoolahoop-Reifen erkennt, sondern behelmte Marsmenschen wie in Tim Burtons „Mars attacks“ vermutet. In unserem digitalen Zeitalter kann man wirklich mehr erwarten.

Der Kommunikationswissenschaftler Heinz-Dietrich Fischer hat schon zahlreiche Bücher zum Pulitzer Prize veröffentlicht. Dieses hier trägt jedoch nicht zu seiner Reputation bei. Die inhaltlichen Mängel könnte man sogar verschmerzen, wenn der Verlag sich für die richtige Präsentation dieser (informativen, aber nicht wissenschaftlichen) Arbeit entschieden hätte. Diese langweilige und billige Darstellung ist enttäuschend und rechtfertigt den hohen Ladenpreis von 89,90 EUR keineswegs.

Heinz-Dietrich Fischer: Picture Coverage of the World. Pulitzer Prize Winning Photos. Lit  Verlag 201, 244 Seiten, Text auf Englisch.

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