„‚Der Wanderer’ sollte das Werk heißen. Mehr war von ihm nicht zu erfahren.“ Der Erfolgsautor Matthias Bamberg arbeitet an seinem neuen Roman. Über die Beschreibung von aufsteigendem Rauch aus einem Aluminiumrohr kommt er allerdings nicht hinaus. Nur mit Mühe erträgt er das ständige Räuspern seiner Frau und die Geräusche aus dem Büro ein Stockwerk höher. „Hinter den harmlosen Dingen lauert das Entscheidende.“ – Bambergs Frau unterhält eine Affäre mit dem Steuerberater von oben, jenem, der nie grüßt, stets die Treppe und nicht den Aufzug nimmt.
Unvermittelt treffen wir dann den Schriftsteller an der Atlantikküste an. Er hat sich dort mit seiner Frau verabredet, die nicht kommt. Stattdessen räumt sie während seiner Abwesenheit die Wohnung halb aus und verschwindet. Zurück bleibt nur ein Notizzettel: „Mit A. nach Kapstadt“.
In Heimito von Doderers Strudlhofstiege, erklärtes Vorbild für Bambergs Romanprojekt, findet der Protagonist in rastloser Bewegung zu sich selbst. Auch Langes Figur ist viel unterwegs: von Berlin an den Atlantik, von Wien nach Kapstadt. Aber die Selbstfindung bleibt aus. Der verlassene Ehemann observiert die Strandpromenade von Kapstadt, ohne wie erhofft seine Frau zu finden. Das letzte Bild zeigt Bamberg in der Steppe Afrikas.
Hartmut Langes Blick auf Details des Alltags ist wunderbar. Die allerflüchtigsten Eindrücke werden präzise wahrgenommen und festgehalten. Die Schauplätze bleiben dennoch seltsam blass. Teilweise erinnert die experimentelle Anordnung an Kleist, aber im Gegensatz zu dessen klassischen Novellen verfolgt Lange diese Arbeitsweise nicht konsequent – beispielsweise wenn Bamberg plötzlich mit dem Reiseführer „Tipps für individuelle Entdecker“ in der Steppe verschwindet.
„Es sind immer nur Erscheinungen, von denen man wünscht, man könnte ihnen auf den Grund kommen.“ Wer eine dramaturgisch erzählte Geschichte lesen will, wird enttäuscht. Lange löste seine sonst formstrenge Novelle insofern von den Genrekonventionen, als er den Höhepunkt ausspart. Wer sich aber für Detailbeschreibungen begeistern kann, wird Der Wanderer mit Genuss lesen.
Hartmut Lange: Der Wanderer. Diogenes, 117 Seiten, 17,90 EUR.
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François Ozon: Das Meer ist für mich einerseits immer damit verbunden, dass man Hemmungen ablegt, andererseits flößt es aber auch Angst ein.Im Gegensatz zum Meer kann man einen Swimming Pool ja beherrschen und kontrollieren.
Das Spritzen von Wasser durchbricht die heiße Stille von blauem Pool, blauem Himmel und Ferienhaus. David Hockneys Bild „A bigger Splash“ aus dem Jahr 1967 könnte für Jacques Deray’s“La Piscine” („Der Swimming Pool“)von 1968 Pate gestanden haben: Alain Delon liegt dekadent am Rand eines Pools, leert die letzten Tropfen aus einem Glas. Jemand springt, er wird nass, Romy Schneider taucht auf, glänzend vom Nass, und legt sich auf ihn.
Jean-Paul (Alain Delon) und Marianne (Romy Schneider) machen Ferien an der Côte d’Azur. Privat ist das Traumpaar dieser Zeit schon getrennt. Im Film verleben sie aber noch heiße Stunden. Bis Harry (Maurice Ronet) mit seiner Tochter Pénélope (Jane Birkin) kommt. Jean-Paul, eifersüchtig wegen des vertraulichen Verhältnisses seiner Freundin zu ihrem alten Freund Harry, nimmt Pénélope ins Visier. Die Spielrunde ist eröffnet.Marianne, die Poolnixe, beobachtet und beherrscht die Szenerie. Eines Nachts kommt Harry betrunken nach Hause und wird vom ebenfalls betrunkenen Jean-Paul in den Pool geschubst. Jedes Mal, wenn Harry versucht, aus dem Waser zu steigen, stößt der andere wieder hinein. Aus einem vermeintlichen Scherz zwischen Rivalen wird tödlicher Ernst. Ein scheinbar emotionsloser Alain Delon taucht seinen Widersacher unter Wasser, bis dieser tot an der Oberfläche des Pools schwimmt.
Diese Szene ist der großartige Höhepunkt eines Spannungsaufbaus voll kühler Erotik. Keine Wutausbrüche, keine Sexszenen, es wird alles nur angedeutet. Die Kamera fährt an Romy Schneiders Körper entlang und ruht auf den Beinen von Alain Delon. In langen Einstellungen defilieren die Stars am Rande des Pools, dessenKanten in die Horizontalen des Bildes schneiden wie die Blicke, die sie sich gegenseitig zuwerfen. Eifersüchtig und begehrlich. Es bleibt alles an der Oberfläche. Die glatte Haut wie das Wasser des Pools, die leichten Jazzklänge und das Lächeln von X. Alles ist schön.
Ein Kriminalbeamter versucht, einzudringen in das Geheimnis, aber Marianne – inzwischen Mitwisserin des Mordes – schweigt. Der Mord wird letztlich nicht aufgeklärt, Pénélope, das Kind, fährt nach Hause. Die beiden Verschwörer bleiben zusammen. Es ist Herbst geworden und die Blätter rauschen.
So auch bei François Ozons Remake, „Swimming Pool“. Die Blätter spiegeln sich am Anfang des Films allerdings nicht im Pool, sondern in der Themse. Sarah Morton (Charlotte Rampling) verlässt London, um sich im Ferienhaus ihres Verlegers (Charles Dance) inspirieren zu lassen. Sie richtet sich mit Magerquark und etwas Alkohol in diesem Haus ein und betrachtet den abgedeckten Pool. Als sie die Plane hochhebt, sieht sie nur welkes Laub.
Unangemeldet erscheint die Tochter ihres Verlegers, Julie (Ludivine Sagnier). Sie trägt bauchfrei und bringt jeden Abend einen anderen Mann mit nach Hause. Sarah Morton sieht ihr dabei zu. Nach anfänglichem Ärger kommt ihr eine Idee für einen Roman. Sie liest heimlich das Tagebuch der jungen Frau, in dem ein Photo von Romy Schneider prangt.
Die Kamera fährt am Körper des Mädchens entlang und stoppt bei den Beinen eines Kellners aus dem Dorf. Nachdem Sarah, Julie und dieser Kellner tüchtig gefeiert haben, ist dieser plötzlich verschwunden. Sarah entlockt Julies Geständnis: Sie hat den Mann erschlagen, weil er nicht mit ihr schlafen wollte. Gemeinsam begraben sie ihn. Am Schluss sind wir wieder in London und begreifen, dass Julie nur eine Fantasiefigur von Sarah Morton war, eine Inspirationsquelle für ihr neues Buch.
Die Plotpoints, von der Ankunft Julies bis zu dem Mord, wirken unmotiviert und konstruiert. Ozons Referenzen sind durchschaubar: Miss Marple, der Horrorfilm, Jacques Derays Original. Der Film ist ein einziges Spiel mit Zitaten. Aber wo „La Piscine“ durch die klare, einfache Form des Kammerspiels überzeugt und die Spannung durch die Enge des Raumes erzeugt – wir verlassen das Haus nur für eine Autofahrt der beiden Kontrahenten und kurze Szenen am Ende des Films im Polizeirevier und am Flughafen – verstrickt sich Ozon in seinen Realitätsebenen. Jacques Deray erzeugte Erotik dadurch, dass Delon mit einem Zweig über Romy Schneiders Rücken streicht. Ozon zeigt explizite Sexszenen, aber hinter seiner Oberfläche ist nichts. Sein Film bleibt daher kalt, fast unerotisch. Seine Geschichte baut keine Dramatuik auf wie “La Piscine“. Der Zuschauer mag sich in Marpel’scher Spitzfindigkeit vergnügen – der fade Geschmack von Magerquark bleibt. Bei diesem Film könnte man zu dem Schluss kommen, die neunziger Jahre könnten sich in punkto Erotik mit den Sechzigern nur noch in der Phantasiemessen. Dabei hat „Bungalow“ von Ulrich Köhler kürzlich bewiesen, dass ein Pool immer noch die Kulisse für trügerische Leichtigkeit, sexuelle Anziehungskraft und aufgestauter Aggressionen sein kann.
„La Piscine“ Regie: Jacques Deray, Drehbuch:Jacques Deray, Jean-Claude Carrière,Jean-Emmanuel Conil; Kamera: Jean-Jacques Tarbès; Musik: Michel Legrand; Schnitt: Paul Cayate; Darsteller: Alain Delon, Romy Schneider, Maurice Ronet, Jane Birkin, Paul Crauchet, Steve Eckhard; Produktion: Société Nouvelle de Cinématographie (SNC), Tritone Cinematografica; Erscheinungsjahr: 1968, 16:9, 108 Min.
“Swimming Pool” Regie: François Ozon; Drehbuch: François Ozon, Emmanuèle Bernheim; Kamera: Yorick Le Saux; Musik: Philippe Rombi; Schnitt: Monica Coleman; Darsteller: Charlotte Rampling, Ludivine Sagnier, Charles Dance; Produktion: Fidélité, Canal+, France 2 Cinéma, Gimages, Headforce Ltd.; Erscheinungsjahr: 2003, 16:9, 99Min.
Auf der verzweifelten Suche nach einer Genealogie für unerkannt bleibende starke politische Führer und wahre Helden, die für die Freiheit einer Nation, ja der ganzen Welt kämpfen, macht sich der Produzent mit den Hollywood-weit besten Verbindungen zum Pentagon, Jerry Bruckheimer, nun gemeinsam mit dem Hobby-Historiker, Halbtags-Archäologen und Freizeit-Drehbuchautor David Franzoni über den alteuropäischen Artus-Mythos her.
Die historische “Wirklichkeit” des Hobby-Historikers und Halbtags-Archäologen
Der beste Teil des sinnfällig King Arthur betitelten Films kommt im Grunde noch bevor die Bilder zu laufen beginnen: In einer Einblendung werden der geneigte Zuschauer und die noch geneigtere Zuschauerin darüber informiert, dass es sich bei dem folgenden Film um die historische Wahrheit, ja um nichts als die Wahrheit handele. Alle HistorikerInnen hätten bisher geirrt, doch nun sei es, unter anderem durch archäologische Funde (welcher Art, wird leider nicht spezifiziert), gelungen nachzuweisen, dass es Artus wirklich gab. Gleich nach dem Vorspann droht uns dann auch „the untold true story that inspired the legend.“ Dieser Film rückt einige historische, manchmal auch ganz persönliche, Fehlannahmen zurecht. Wir wissen jetzt endlich auch, dass Artus schwarze Locken und keinen Bart trug. „Marmor, Stein und Eisen Schlicht“: Wie schon andernorts kommentiert (Rezension in der Berliner Zeitung nebst Interview mit Michael Mecklenburg, FU), verspielt King Arthur in seinem blödsinnigen Insistieren auf der historischen Wahrheit sowohl die Sympathien von Filmliebenden als auch jegliches Mitgefühl von MediävistInnen.
Til Schweiger als Sachsenführer
Selbst wenn man sich bemühte, über diese Anfangswehen des Filmes mit freizeitlichem Stumpfsinn hinwegzusehen, belohnt der weitere filmische Verlauf das wohlgemeinte Abschalten des Gehirns nicht mit guter Unterhaltung. Die in einer grausigen Pastiche aus literarischen Texten, Sagenstoff, und – vergessen wir sie nicht – historischen Fakten zusammengezerrten Ritter der Tafelrunde reden misogyn und plump männerfreundschaftlich daher, die Kampfszenen hätten besser nie stattgefunden und Til Schweiger als Sohn des Sachsenführers wäre passender als Co-Moderator seiner Frau in RTL2-Pampers-TV besetzt worden.
Guinevere ohne Affäre
Auch von Artus wollen wir nicht schweigen. In der Bruckheimerschen Geschichtsschreibung ist er ein Rom-loyaler Heeresführer, der schmerzhaft erfahren muss, wie gefährlich es ist, Mythen als historische Wahrheit zu begreifen. Sein Rom, für das er mit seinen Kumpanen gegen die Sachsen und zunächst noch die Woads kämpft, existiert so nicht mehr. Desperat sucht er nach einem höheren Sinn, nach einem common cause, einer metaphysischen Motivation seines irdischen Schuftens, doch erst im Koitus mit Guinevere findet er zu sich, seinem Volk und seiner Berufung: die Befreiung der Briten von den Sachsen, auf dass sie ewig free, free und nochmals free sein werden. Glücklicher Artus, dass der Drehbuchschreiber ihm nicht auch die Affäre Guineveres mit Lancelot zugemutet hat. Das wären wohl zu viele Enttäuschungen für den gebeutelteten Heros gewesen. Und so zeigt der Film, dass schon Anno Domini 452 Monogamie die Quelle ist, aus der Weltbefreier ihre Kräfte ziehen.
Postmoderne Guinevere
Allerdings ist Guinevere eine durchaus postfeministisch inflektierte Figur. Ihren stärksten Auftritt hat sie nicht etwa, wenn sie sommerlich bekleidet Pfeile durch den immer dichter werdenden Schneesturm schießt (auch wenn solch eine Temperaturunempfindlichkeit bemerkenswert ist, aber nur wenn man nicht weiß, dass im hochsommerlichen Irland gedreht wurde), sondern als sie auf Lancelots indirekte Vergewaltigungsdrohung, im angreifenden Sachsenheer seien eine Menge einsamer Männer, entgegnet: „Don’t worry, I won’t let them rape you!“ Unerklärlich bleibt, warum einzig die Guinevere postmodern angeschwipst und ein bisschen widerständig daher kommen darf, während sich alle männlichen Charaktere unglaublich bierernst – oder sollte man sagen meternst? – nehmen.
Wer sich nun berufen fühlt, Produzent Bruckheimer, Regisseur Fuqua und Drehbuchautor Franzoni über die spärlichen historischen Quellen, die literarische und mythologische Überformung und die politische Instrumentalisierung der Artus-Figur zu informieren, möge zunächst das Lexikon des Mittelalters, S. 1074ff., konsultieren. Man kann es aber auch einfach sein lassen.
Der Londoner Neurochirurg Henry Perowne beobachtet am frühen Morgen vom Schlafzimmerfenster aus einen Flugzeugabsturz. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York muss jede westliche Großstadt damit rechnen, Ziel eines Terrorakts zu werden. Bislang hatte Perowne die weltpolitische Lage sauber von seinem privaten Leben trennen können. Nun ist er verunsichert. War es überhaupt ein Terroranschlag?
Mit diesem Ereignis beginnt der Samstag, den Ian McEwan in seinem Roman Saturday erzählt. Ein Tag des wohlsituierten Bürgers Perowne, der für ihn und seine Familie einen tiefen Einschnitt bringen wird. Als analytisch denkender Chirurg, der täglich nach straff organisiertem OP-Plan ein Dutzend Schädeldecken öffnet um Gehirne zu operieren, ist Perowne ein Materialist und überzeugt davon, „daß das Bewußtsein von bloßer Materie, vom Hirn, geschaffen wird.“ Trotz unbekannter Faktoren sei das Leben auf diese Weise berechenbar.
Am Vormitag hat er auf der Fahrt zum Squash eine Auseinandersetzung mit Kleinkriminellen, denen er versehentlich den Rückspiegel demoliert. Es kommt zum handfesten Streit, bei dem der Arzt mit einem blauen Auge davonzukommen glaubt. Aber noch am selben Tag werden diese Leute in seiner Wohnung stehen.
Der Flugzeugabsturz an jenem Morgen führt ihm plötzlich vor Augen, welcherart völlig unberechenbare äußere Faktoren plötzlich auch sein Leben verändern können. Da lauern Gefahren von außen, welche die die innere Sicherheit bedrohen. So schleicht sich Angst ein, in die Sicherheit des Neurochirurgen. Allerdings wird ihm diese Angst erst völlig bewusst, als er selbst erleben muss, wie unerwartet auch sein Leben und das seiner Familie bedroht und einer unberechenbaren Gefahr ausgesetzt sein kann. Im eigenen Wohnzimmer stehen die Männer, die sein Leben und das seiner Familie bedrohen. Da lässt sich keine Berechnung mehr anstellen. Da versagt die naturwissenschaftliche Erkenntnis. Wie beim Experiment mit Schrödingers Katze präsentiert sich das Ergebnis erst nach Verlauf der Handlung. Das Resultat steht bereits fest, kann aber erst nach seiner Enthüllung gesehen werden. Dabei geht es um Leben und Tod. Im Experiment von Erwin Schrödinger stellt sich die Frage, ob die in einer verschlossenen Kiste befindliche Katze, von der Übertragung einer quantenmechanischen Wellenfunktion auf einen Hammer getötet wurde, oder ob sie noch lebt. Nach Schrödingers Theorie besteht vor dem Öffnen der Kiste eine hypothetische Wahrscheinlichkeit von 50 zu 50. Aber die Wirklichkeit – tot oder lebendig – kann erst nach dem Öffnen der Kiste beobachtet werden. Genauso lässt sich aber für die gefährliche Situation der Perownes sagen, dass niemand den Ausgang der Situation vorher sagen kann. Währenddessen ist jede Konsequenz möglich. Hier kollabiert der Kalkül. Was aber ist dann die Wirklichkeit? Diese Frage hatte sich Perowne selbst gestellt, als er nach dem Flugzeugabsturz überlegte, was an Bord dieser Maschine wohl geschehen war. Da betraf es allerdings noch eine Wirklichkeit, deren Beobachtung ihm lediglich nicht zugänglich war. Es hatte ihn nicht selbst betroffen. Beim Grübeln darüber war ihm der Gedanke an Schrödingers Katze gekommen. (S. 29)
McEwan stellt mit seinem Roman die Fragen, die an das Katzenexperiment anknüpfen. Dabei verwebt er die philosophische Ebene mit den aktuellen weltpolitischen Problemen. Der Samstag ist aufgeladen mit der großen Demonstration gegen den bevorstehenden Irak-Krieg. Diesen Samstag hatte es wirklich gegeben im Februar 2003. Der Roman ist aber keineswegs ein philosophisches Traktat. Im Gegenteil: Betont banal erzählt McEwan von einer bürgerlichen Familie im London unserer Tage. Der Alltag entrollt sich entlang von Arbeit, Einkäufen, Essenvorbereitungen und Nachrichtenschauen. Samstags geht der Arzt zum Squash. Die Kinder werden erwachsen und lösen sich langsam von der Nähe der Eltern. Wie beiläufig erzählt McEwan diesen alltäglichen Samstag, auch die unerwarteten Begebenheiten führt er unaufgeregt ein. So überrascht die Konsequenz der Geschehnisse noch während des Lesens. Es entsteht ein Spannungsbogen, der über die Unruhe und Ungewissheit des Arztes transportiert wird. Wobei aber die Ursachen für diese Unruhe unklar bleiben, bis Perowne sich ihrer langsam bewusst wird. Denn die Erlebnisse dieses Tages erschüttern zunehmend seine selbstzufriedene Sicherheit.
McEwan zeigt mit seinem Roman die Distanz, die sich zwischen dem privaten Leben und der öffentlichen Weltlage gern einschleicht. Leider ist die Konstruktion der Handlung zu plastisch, um Spielräume zu lassen. Mangelnde Subtilität des Romans verhindert das Spiel der eigenen Phantasie. Auch die resümierenden Gedanken Perownes sprechen immer aus, was sie meinen. Damit erzeugt McEwan zwar die Alltäglichkeit seines Erzählten, sein Erzählen selbst allerdings verliert dabei etwas. Die sprachlichen Stärken McEwans liegen in der Beschreibung dynamischer Szenen, wie beispielsweise ein Gitarrenriff des Sohns oder die vitale Präsenz des Squash-Spiels.
Saturday gibt ein treffendes Bild vom Alltag westlicher Lebensweise zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Probleme der politischen Weltlage und ihr dennoch getrenntes Verhältnis zu privaten Lebensformen. Wie lebten Bürger zu Anfang des 21. Jahrhunderts? Die Frage wird einmal anhand des Buches rekonstruiert werden können. Was waren ihre alltäglichen Handlungen, ihre Sorgen, ihre Gespräche? Die beiläufige Erzählweise vermittelt gute Beobachtungen unseres Lebens. So wird der Roman zur „psychologischen Fotografie des Jahres 2003“.
Dass der Zeitpunkt des Erscheinens des Buches (2005) mit den Anschlägen in London zusammentreffen würde, hatte vorher allerdings niemand wissen können.
McEwan, Ian: Saturday (übers. v. Bernhard Robben; Originaltitel: Saturday, London 2005). Zürich: Diogenes Verlag 2005.
ISBN 3-257-86124-9
Erwin Schrödinger (1887 – 1961) – Physiker
„Man kann auch ganz burleske Fälle konstruieren. Eine Katze wird in eine Stahlkammer gesperrt, zusammen mit folgender Höllenmaschine (die man gegen den direkten Zugriff der Katze sichern muß): in einem Geigerschen Zählrohr befindet sich eine winzige Menge radioaktiver Substanz, so wenig, daß im Laufe einer Stunde vielleicht eines von den Atomen zerfällt, ebenso wahrscheinlich aber auch keines; geschieht es, so spricht das Zählrohr an und betätigt über ein Relais ein Hämmerchen, das ein Kölbchen mit Blausäure zertrümmert. Hat man dieses ganze System eine Stunde lang sich selbst überlassen, so wird man sich sagen, daß die Katze noch lebt, wenn inzwischen kein Atom zerfallen ist. Der erste Atomzerfall würde sie vergiftet haben. Die Psi-Funktion des ganzen Systems würde das so zum Ausdruck bringen, daß in ihr die lebende und die tote Katze (s. v. v.) zu gleichen Teilen gemischt oder verschmiert sind. Das Typische an solchen Fällen ist, daß eine ursprünglich auf den Atombereich beschränkte Unbestimmtheit sich in grobsinnliche Unbestimmtheit umsetzt, die sich dann durch direkte Beobachtung entscheiden läßt. Das hindert uns, in so naiver Weise ein „verwaschenes Modell“ als Abbild der Wirklichkeit gelten zu lassen…“ Erwin Schrödinger: Gesammelte Abhandlungen. Hrsg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien 1984
So McEwan selbst in einem Interview. „Wir brauchen keine Götter. Interview: Die Wärme des Materialismus: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Ian McEwan über seinen Roman ‚Saturday’“.SZ v. 07.10.2005. Nr. 231
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Für die meisten Menschen fängt die Geschichte des deutschen Fernsehens erst im geteilten Nachkriegsdeutschland an. Doch das stimmt nicht. Auch wenn im Dezember 1952 das Fernsehen der DDR in Berlin-Adlershof und wenige Tage später der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) den regulären Sendebetrieb in West-Berlin aufnahmen, war das nicht das erste Mal, dass ein regelmäßiges Fernsehprogramm in Deutschland zu empfangen war. Schon im „Dritten Reich“ hatte der Sender „Paul Nipkow“ seit 1935 ein regelmäßiges Programm aus Berlin gesendet, das in öffentlichen Fernsehstuben in Berlin und Hamburg und gegen Ende des Krieges vor allem in Lazaretten gesehen wurde. Von Beginn an war Unterhaltungwichtiger Bestandteil für die Programmmacher, die ihre Formate teils in Anlehnung an Film und Hörfunk orientierten, teilweise aber auch völlig neu entwickelten. Etablierte Unterhaltungsformen wie Varieté, Theater oder Kabarett waren ebenfalls Vorbilder. Für die NSDAP hatten Rundfunkunterhaltungsformen zudem einen sehr hohen Stellenwert, da die Massen nach Joseph Goebbels vom Geist der Partei „indirekt“ und „innerlich durchtränkt“ werden sollten. Adolf Hitler allerdings mied das noch junge Medium, wohl weil es sich kaum zur wirkungsvoll-pathetischen Inszenierung seiner Person eignete.
Bei den Fernsehanfängen nach dem Krieg spielte Unterhaltung wieder eine wichtige Rolle. Der Band Dreimal auf Anfang – Fernsehunterhaltung in Deutschland widmet sich diesen drei Entwicklungen der Fernsehunterhaltung. Er umfasst neun Beiträgen deutscher Film- und Fernsehwissenschaftler sowie mehr als 20 Interviews mit Zeitzeugen. Den Schwerpunkt des Buches bildet der Vergleich zwischen BRD und DDR bis etwa Mitte der 1960er Jahre. Herausgeber Wolfgang Mühl-Benninghaus versammelte dazu größtenteils Beiträge von Kollegen des Forscherkollegs „Programmgeschichte DDR-Fernsehen“ zu den Themen Show, Magazin, Kinder- und Jugendsendungen, Spielshows und Sport. In seinem Aufsatz „Schwierigkeiten mit der Unterhaltung“ gelingt es Mühl-Benninghaus, das deutsche Verständnis von Unterhaltung seit dem 19. Jahrhundert bis in die Nachkriegsjahrzehnte zu skizzieren und den Begriff im Hinblick auf historisch gewachsene Milieus und die beiden deutschen Gesellschaftsentwürfe zu problematisieren.
Dass Kulturpolitiker in der DDR reiner Unterhaltung ablehnend gegenüber standen, sofern sie nicht politisch für gesamtgesellschaftliche, den Sozialismus fördernde Zwecke genutzt werden konnte, verwundert kaum. Doch auch im Rundfunk der BRD erkennt Mühl-Benninghaus noch bis in die 1960er Jahre ein ganzheitliches Unterhaltungsverständnis, wonach diese sowohl Ausgleich und Entspannung verschaffen als auch „ästhetisch-erzieherisch“ wirken sollte. Dieser Anspruch ging jedoch spätestens im Jahr 1965 mit den Musiksendungen „Beat-Club“ in der BRD und „Basar“ im DDR-Fernsehen vollends bzw. zu großen Teilen verloren, wie Stefan Krüger und Alexandra Pfeil-Schneider in ihrem Beitrag aufzeigen. Sie vergleichen darin Formen der Jugendunterhaltung im Fernsehen der beiden deutschen Staaten. „Beat-Club“ und „Basar“, als erste, reine Unterhaltungsangebote für Jugendliche, waren trotz systembedingter Unterschiede wegweisend in ihrer Ästhetik und ihrem Publikumszuschnitt für nachfolgende Produktionen.
Ebenfalls sehr lesenswert sind die pointierten, aufschlussreichen Aufsätze Antje Buddes zur Fernsehunterhaltung im Dritten Reich, sowie der Aufsatz Gerd Hallenbergers zur Showgeschichte in BRD und DDR. Dieter Wiedemanns Beitrag zur Unterhaltsamkeit im frühen DDR-Kinderfernsehen fällt dagegen etwas ab, denn er löst seinen Titel „Der Unterhaltungswert der sozialistischen Erziehung“ nicht schlüssig ein. Zwar wird darin unter anderem in den 1970/80er Jahren eine Wende hin zu mehr Unterhaltung konstatiert, doch wird nicht klar, worin diese im Kinderfernsehen genau bestand. Sein Beitrag bleibt auch sonst essayistisch und vage. Ebenfalls störend ist, dass nicht jedes der vielen Interviews zum Anliegen des Bandes beiträgt, die frühe Fernsehunterhaltung zu beleuchten. Neben echten Perlen, wie den Gesprächen mit dem Medienwissenschaftler Knut Hickethier und dem Rundfunkjournalisten Heinz Riek, die viele interessante Details erhellen, fällt das allzu biographische, langatmige Interview mit dem Kameramann Horst Sauer unangenehm auf.
In dem insgesamt aber sehr informativen Sammelband, der beim Deutschen Rundfunkmuseum in einer Reihe von Schriften zum Rundfunk erschienen ist, bleiben diese Beiträge allerdings die Ausnahme. Erfreulich ist, dass den Autoren beim Vergleich des Unterhaltungsfernsehens in BRD und DDR in den meisten Beiträgen eine erstaunlich unvoreingenommene Sicht auf beide Fernsehtraditionen gelingt. Aufgrund seiner lockeren Vielfalt und der vielen Perspektiven ist der Band nicht notwendiger Weise chronologisch zu lesen. Die Einstiegsbarriere für Nichtfernsehwissenschaftler ist gering, weil die Aufsätze ansprechend geschrieben sind und sich selten ausgesprochener Fachtermini bedienen. Der großzügige, fehlerfreie Satz macht Freude und der Preis von 25 Euro für 360 Seiten und etwa 90 Schwarz-Weiß-Fotografien ist zudem fair.
Dreimal auf Anfang – Fernsehunterhaltung in Deutschland. (Hrsg.) Wolfgang Mühl-Benninghaus, Berlin: Vistas Verlag, 2006