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Peter Hein: Geht so. Wegbeschreibungen

Von Ronald Klein


Auch die vermeintliche Hochkultur kocht nur mit Wasser. Goethe schlief auf seiner ersten Italienreise beim Besuch der Sixtinischen Kapelle in Rom ein. Bekanntlich führte der Aufenthalt im Mittelmeerland trotzdem zu einem kreativen Schub, der nicht nur Literarisches, sondern auch knapp 1000 Aquarelle hervorbrachte. Mehr als 200 Jahre später reiste Roger Willemsen zwar nicht so weit, aber dafür kreuz und quer zwischen Sylt und Passau, Koblenz und Leipzig hin und her. Daraus entstand das Buch „Deutschlandreise“: die eindringliche Beschreibung einer fremden Heimat. Was die Beiden können, kann Peter Hein alias Janie J. Jones, Sänger der Fehlfarben, schon lange und spitze seinen Stift: „Wegbeschreibungen, der vom Lektorat gewählte Untertitel, lässt doch einige hübsche Möglichkeiten zu“, wird der Leser am Ende des Buches aufgeklärt. Der Aufbruch nach Italien steht an. Auf den hundert Seiten davor prangen Beschreibungen deutscher Landstriche, die in der Regel mit der Suche und dem Finden einer Tränke eingeleitet werden: „[...] Also erst einmal einen Kaffee bzw. einen Espresso und je nach Sonderangebotslage ein Hefeweizen oder ein kleines Frischgezapftes; da entscheidet der Literpreis.“ („Rheinstrecke“); „[...] Richtung Reeperbahn könnte man wahrscheinlich noch wo saufen, kenn mich da nicht mehr so aus, aber ein paar gebratene Eier zum Hellen – Fehlanzeige.“ („Hamburg“); „[...] Also lässt man sich irgendein totes Tier aufs Brot schmieren, noch ein Bier auf den Weg – und jetzt ins unbekannte Augsburg“ (na, klar: „Augsburg“). Dazu die Schilderung des Bummels durch die Innenstadt, wo die Dominanz der Einkaufsstraßen nur noch Tristesse verbreitet. Spätestens nach der dritten Station offenbart sich das Erzählschema als voraussehbar. Auch wenn Hein genüsslich und gekonnt Spitzen gegen Mehdorn und die Bahn, Kunstsammler und Immobilienmakler etc. einbaut, lesen sich die Beschreibungen der Städte und ihrer Bewohner freundlich bis desinteressiert. Lediglich Magdeburg erhält hier eine Sonderstellung. An die Schilderung der Langeweile der Elbmetropole schließt sich die folgende Passage an: „Diese Arschstadt entpuppt sich als genauso verschissenes Volldeppen-Scheißnazidrecksnest, wie ich es von dieser verdammten Scheißzone nie wirklich glauben wollte, aber in meinen wüstesten Angstvorstellungen immer imaginiert habe. Es hatte schon seine Richtigkeit, diese Scheißwende zu ignorieren, außer wenn man nach Scheißberlin muß, das hat doch keine Vorteile gebracht. Nichs und Niemandem.“ – Die Düsseldorfer Musiker treffen dort auf pöbelnde Nazis-Skins und Polizisten, die sich nur äußerlich von den Glatzköpfen unterscheiden. „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt“ postulierte Peter Hein 1980 mit den Fehlfarben. Mittlerweile hat er sich über das Land ausgebreitet. Das Buch lüftet den Schleier nicht. Letztlich ist alles so, wie wir es uns immer schon vorgestellt haben.

125 Seiten, Lilienfeld Verlag, ISBN 978-3-940357-03-8, 16,90 €

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Jürgen Landt: Realität ist Zauberwald (Kurzgeschichten)

Von Ronald Klein

Der Ostsee-Poet Jürgen Landt legte erst diesen Herbst seinen brillanten Debüt-Roman „Der Sonnenküsser“ vor. Den Lesern ist der Greifswalder hingegen seit 20 Jahren als Meister der hintersinnigen Kurzgeschichte bekannt. In Zeiten, in denen der Mario-Barth-Humor auch die deutschen Lesebühnen heimsucht, kehrt Landt der stringenten Erzählweise den Rücken. Die Geschichten im neuen Band sind angenehm sperrig, keine Fast-Food-Literatur. Die meist zwei, drei Seiten lange Mini-Prosa bewegt sich grazil an der Schnittstelle zur Lyrik und eröffnet weite Interpretationsräume. Bereits die Titel wecken Neugier: „MOOSE, NICHT ZÄHLBAR TIEF IM SUMPF“. Ähnlich offen der Anfang: „Da lief er nun. / So verwirrt und bemoost vom Vorhandensein. / Obwohl er immer noch, mindestens auswendig, bis 100 Trilliarden hätte zählen können. / Keine Zeit, in diesem Sumpf zu wandern. / Angst, die Sonne anzuspucken. / [...]“. Wer sich für den Band Muße zugesteht und sich den Luxus gönnt, innerhalb kürzester Zeit, die Geschichten mehrfach zu lesen, wird bemerken, wie sich die anfänglichen Interpretationen immer wieder auflösen und sich neue Bilder formen. Mal intertextuell mit dem Roman korrespondierend, mal durch persönliche Erfahrungen inspiriert. Landt oktroyiert nicht. Sein Schreiben öffnet Räume: Für Literatur im Prinzip eine essentielle Eigenschaft, steht er leider mit einigen wenigen Kollegen auf weiter Flur allein. Es wird Leser geben, die überfordert den Buchdeckel zuklappen oder sich an bestimmten Schlagworten reiben. Wer hingegen von der Literatur mehr als nur kurzweiligen Zeitvertreib FORDERT, wird mit diesem Buch lange Freude haben.

Bench Press Publishing, ISBN 978-3-933649-24-9, 160 Seiten, 14,90 €

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William Blake: Eine Insel im Mond

Von Ronald Klein

Der 1757 in London geborene William Blake arbeitete als Zeichner, Maler, Kupferstecher und Autor, der seine aufwendig hergestellten Bücher, die in Kleinstauflage erschienen, selbst kolorierte. Blake galt als Visionär, der mit seinen progressiven Auffassungen das England des 18. Jahrhunderts irritierte. So negierte er nicht nur die Auffassung von der Ungleichheit der menschlichen Rassen, sondern kritisierte ebenso die Benachteiligung der Frauen. Im institutionalisierten christlichen Glauben sah er eine Geißel der Menschheit und die Priester als Hüter einer pervertierten Religion. Der Weg zu Gott könne nur über die Kunst erfolgen. Blakes Bedeutung erschloss sich erst im 20. Jahrhundert. In Großbritannien längst als Schulstoff etabliert, förderte in Deutschland erst Jim Jarmuschs Meisterwerk „Dead Man“ (1996) die breitere Rezeption des englischen Multi-Genies. Nach Kai Grehns großartiger Übersetzung von „The Marriage of Heaven and Hell“ (1998), einem der bekannteren Werke, liegt mit „Eine Insel im Mond“, pünktlich zum 250. Geburtstag Blakes, die Veröffentlichung eines bisher weitgehend unbekannten Fragments vor. Der Prosa-Text, der ebenso lyrische Einsprengsel enthält, entfacht ein Feuerwerk der Absurdität. Die Protagonisten heißen u.a. „Leicht entzündliches Gas“, „Stumpfer Winkel“ oder „Etruskische Säule“ und entspinnen ein philosophisches Streitgespräch. Die humoristische Seite Blakes spielte in der bisherigen Rezeption eine bisher untergeordnete Rolle. So gilt auch als unklar, ob der Text, der plötzlich abbricht, jemals für eine Veröffentlichung geplant war. Die zweisprachige Ausgabe enthält ein Nachwort des Übersetzers, der die (ursprünglich antike) Tradition des Textes erläutert: „Bevorzugter Gegenstand der Menippeischen Satire ist die Verspottung jenes Dünkels, den die Kyniker den Akademie-Philosophen und ihren diversen Schulen unterstellten, bzw. die Parodie des philosophischen Diskurses überhaupt.”

ISBN 978-3-88221-899-2, Verlag Matthes & Seitz, 130 Seiten, 16,80 Euro

Aus dem Englischen von Gernot Krämer und Jan Weinert. Mit einem Nachwort von Gernot Krämer. Mit Illustrationen von Horst Hussel.

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Roland Lampe: Alles dreht sich um nichts (Kurz-Prosa)

Von Ronald Klein

Man möchte an Nietzsche denken. Den großen Sucher. Als Nihilist verkannt. Es sei leichter etwas zu verneinen, konstatierte er. Auch Lampe verneint: „Seine Sinne sind erfroren, sein Körper ist ein Eiszapfen, / und wenn er den Mund aufmacht, schneit es“, heißt es gleich im Auftakt, passend „Gleichgültigkeit“ betitelt. Doch das Abwehrende, Resignierte bedeutet nur eine Facette im unheimlich spannungsreichen Dramaturgiebogen, der aufs minimalsten reduzierten Prosa. Lampe erzählt u.a. von der verstörenden Dominanz eines übermächtigen Vaterbildes, von der Endstation Pflegeheim, von der Introvertiertheit der Paare, deren Schweigen zur emotionalen Nekrose mutiert. Jeder Satz, jedes Wort passend genau. Stellenweise an Kafkas ultra verkürzte Prosa („z.B. „Die Bäume“) erinnernd, hat der Berliner Autor längst seinen eigenen sprachlichen und ikonographischen Kosmos erschaffen. Ein Band, der trotz der wenigen Worte lange zu begeistern weiß.

ISBN 978-3-86660-049-2, 146 Seiten, www.erata.de, 12,95 €

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Ein Handbuch zum Schlagwort ´68 – Der Mythos „1968“ einmal nüchtern betrachtet

von Leif Allendorf

In entnervender Gleichförmigkeit werden im „Jubiläumsjahr“ 2008 die immergleichen Bilder gezeigt, Zitate wiederholt und Kämpfe ausgetragen. Dabei führt die Beschränkung auf ausgetretene Pfaden zu keiner neuen Erkenntnis. Da ist das von Martin Klimke und Joachim Scharloth bei Metzler herausgegebene „Handbuch 1968“ eine willkommene Abwechslung. Denn dort werden die Mechanismen untersucht, die erst zur Entstehung des Begriffs „1968“ geführt haben, was Aufschluss darüber gibt, warum der Diskurs 40 Jahre danach so arm ausfällt: „In den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt der Erforschung der Studentenbewegung aber immer mehr von der Geschichte der Ereignisse hin zu einer Geschichte von Repräsentationen verlagert.“ Die Popularität der eigentlich marginalen Studentenbewegung verdankt sich ihrer medialen Verfälschung: das Happening ist alles, die Absicht gilt nichts, die Form des Protests wird zum Selbstzweck und damit entleert.

Um dieser Oberflächlichkeit zu entgehen ist es schon hilfreich, den zeitlichen Rahmen zu erweitern: die 60er Jahre als Vorbereitung, die 70er als Resultat zu betrachten und auf langfristigere Entwicklungen einzugehen. Die Einflüsse der Popmusik und neuer Spielfilmtechniken werden in dem verdienstvollen Band ebenso untersucht wie das, was danach kam, die RAF, eine neue Frauenbewegung usw. Aber auch geografisch wird hier der Blick über den Tellerrand gewagt: „Die Interdependenz und die Adaptionsprozesse der Protestbewegungen in den verschiedensten Ländern rücken somit zunehmend in das Blickfeld einer Geschichtswissenschaft, die sich von nationalstaatlichen Paradigmen ablöst, und sich auch dem Entstehen einer transnationalen Zivilgesellschaft im Gefolge der 1960er Jahre zuwendet.“

Zutreffend stellen die Autoren fest, dass trotz aller Bemühungen um seine Historisierung: ›1968‹ hat seinen Platz im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik noch nicht gefunden hat. Es steht als „Mythos, Chiffre, Zäsur, als Heldenlied oder Verwünschungsarie“ noch immer im Zentrum der Frage nach einer Selbstdefinition der Geschichte der Bundesrepublik. Die Aufregung über die Sponti-Vergangenheit des ehemaligen Außenminister Joschka Fischer oder die RAF-Ausstellung im Jahr 2003 beweisen die noch immer vorhandene Polarisierungskraft jener Ereignisse vor vier Jahrzehnten.

Neben einer solchen „Polarisierung“ wäre auch ein höheres Niveau zu wünschen. Das „Handbuch 1968“ trägt da einen ersten Schritt zu bei.

1968. Ein Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung. Herausgegeben von Martin Klimke und Joachim Scharloth. Stuttgart, Verlag J.B. Metzler, 2007. 323 Seiten; 49,95 EUR

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