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Die Erfahrungsseelenkunde Martin Suters

Von Frank-Peter Hansen

Martin Suter, das As? Die Rezensenten sind voll des Lobes, enthusiasmiert und euphorisch. Wo man hinhört: Aufgeregte Superlative im Rauschen des Blätterwalds. Doch kann das sein? Trifft diese hypertrophe Begeisterung den Schweizer Autor in seinem Kern, oder legt sie falsche, der Sensationsgier geschuldete Fährten?

Was ist er, der Kern dieser ganz besonderen Art von Kriminalliteratur? Der wie auch immer verursachte Wandel der Psyche der dramatis personae, ihr Abrutschen ins nicht Geheure und Kriminelle, nicht mehr Steuerbare, der Verlust ihrer selbst in der Amnesie oder in der Altersdemenz, die sich als der entscheidende Durchgangspunkt für das eigentliche Wiederfinden der in grauer Vorzeit verlorenen Identität herausstellt. Im Zentrum von Suters Romanen steht das fragile, stets gefährdete und labile Gleichgewicht des menschlichen Seelenlebens. Und das heißt: Dieser Romancier spielt ungemein feinfühlig, erfahren und kundig auf der Klaviatur aller nur möglichen Empfindungen, Emotionen und Bewußtseinsstufen.
Suter ist, mit einem Wort, ein Psychologe ersten Ranges! Und das ist er vor allem auch deshalb, weil er es meisterhaft versteht, mit leisen, fein abgestimmten, nuancierten Tönen, unaufgeregt und überhaupt nicht zudringlich den Finger gelassen, treffsicher und mit höchster Präzision in die Wunden zu legen. Anders gesagt, es ist, als ob dieser Autor all das, was er erzählt, selbst erlebt hätte, so sehr gelingt es ihm scheinbar mühelos, in die intimsten Bereiche seiner unheldischen Helden hinabzusteigen. Man spürt, er liebt sie alle. Aber weil er, schwieriges Unterfangen, Distanz wahrt, ist er ihnen erst recht so unglaublich nahe. Und diese gefühlte Nähe überträgt sich auf den gebannten Leser, bei dem sich all die Nöte, Ängste, Hoffnungen, das Getriebensein, das hilflose Suchen, von permanentem Scheitern bedrohte, womögliche Finden, kurz, diese dunklen Abgründe und lichten Höhen des hochgradig gefährdeten Humanus wie von selbst, ungesucht zusammenfinden.Dazu passt es, dass Suters Romane frei sind von verbalen Kraftakten. Dieser Autor hat es nicht nötig, dick aufzutragen. Seine Texte sind von unaufdringlicher Prägnanz und der Ton ist feiner, leichter und schwebender Humor. Diese Leichtigkeit hat, darüber hinaus, auch einiges mit der Art der Komposition zu tun. Kleine, wohlabgemessene Einheiten, die nicht immer chronologisch aneinander anschließen, sondern, in zeitlichem und räumlichem Hin und Her, zu einem perfekt angelegten Verwirr- und Spannungsspiel voller kleiner und großer Überraschungen kunstvoll ineinandergeschoben sind.
Verspielter Ernst auch in den vielen, man merkt es, fundiert und seriös recherchierten Passagen, sei es, um nur ein paar Beispiele zu nennen, dass sie die Vielfalt der Myzelien in der Waldeinsamkeit des Vorgebirges betreffen, sei es das Geschäftsgebaren von überaus geschäftstüchtigen global players und ihrem juristischen Beistand, deren „temporäre Infrastruktur“ bei außerplanmäßigen Landpartien durch ein Faxgerät und einen Papierwolf komplettiert wird, sei es den Umgang von stümperhaft Pfeife rauchenden Verlegern mit ihren unbedarften Autoren oder den zu allen Hoffnungen Anlaß gebenden Stand der Alzheimerforschung.
Apropos Alzheimer: Wie sich Suter in die zurückgenommene Psyche des ungeheuer anrührenden Alzheimerpatienten Konrad Lang alias Thomas Koch einfühlt ist überwältigend! Was mag in einem geistig reduzierten, verloren wirkenden älteren Menschen vorgehen? Hier bekommt der ratlos Fragende eine Antwort, die dem Fatalen mit ganz dezenter, traurig-schöner Heiterkeit das frühkindliche Geheimnis ablauscht. „„Es schneit Fazonetli“, sang Simone. Beide tanzten im Geflimmer, bis sie nicht mehr konnten vor Lachen und Weinen und Glück.“
Und wie fein beobachtet ist es, über ein Gesicht, an dem in regelmäßigen Abständen kleine kosmetische Korrekturen vorgenommen worden sind, zu sagen, daß sein Träger dadurch „etwas frühzeitig Guterhaltenes“ verliehen bekommen habe. Oder daß es auch das gibt, nämlich „empört ignoriert“ zu werden. Oder daß einer von Rührung bei der Vorstellung befallen wird, „zu so einer großen Geste fähig zu sein“. Ganz zu schweigen davon, daß „alle Schwermütigen ständig auf der Suche nach einer Kulisse für ihre Melancholie“ sind. Sehr richtig! Oder wie ist es hiermit: „Notschlüssel für die Feuertür in einer geschlossenen Abteilung! Montiert doch gleich Sprungbretter!“ Last but not least die leise, lakonische Ironie in dem hier: „„Vielleicht ist sie verrückt geworden.“ „Hoffentlich kann sie das beweisen“, sagte Dr. Kundert.“
Schwer, das wußte keiner besser als Schiller, eine tragische Analysis hinzubekommen. Was das ist? Ein guter, weil spannender Kriminalroman, der seine Spannung daraus bezieht, daß man gebannt dem Geschehen folgt, obwohl man doch von Anfang an alles weiß. Denn beängstigend ist nicht so sehr das, was zu geschehen möglicherweise im Begriffe ist, sondern was, als bereits Geschehenes, in seinen unabwendbaren Folgen das unausweichlich und unerbittlich über einen Kommende ist. “Ödipus rex” ist die tragische Variante, das Lustspiel “Der zerbrochene Krug” die komische, die Tetralogie “Joseph und seine Brüder” die heitere und “Small World” die in Trauer lächelnde. Wieso Sophokles, wieso Kleist, wieso Thomas Mann? Nun, auch sie waren psychologisch hochversierte Kriminalautoren. Jeder auf seine Weise. Was folgt daraus? Der aufmerksame Leser weiß es schon längst. Suter ist mehr als ein As. Er ist wie die drei anderen, ich wiederhole mich, ein ganz großer Psychologe!

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Pitch it! Die Kunst, Filmprojekte erfolgreich zu verkaufen

von Bastian Buchtaleck

Dieter Kosslick schreibt im Vorwort zu Pitch it! von Sibylle Kurz, dass ein Pitch unbedingt drei Elemente beinhalten muss, um erfolgreich zu sein: „Begeisterung, Professionalität und die vollkommene Besessenheit vom eigenen Stoff“ (Seite 10). Genau dies macht Kurz in dem Buch Pitch it! deutlich, nämlich wie man mit Professionalität, Begeisterung und Besessenheit zu einem erfolgreichen Pitch gelangt.

Das bedeutendste Zeichen von Professionalität ist, den eigenen (Film-)Stoff und auch den Unique Selling Point (USP) sehr genau zu kennen. Mit dem USP ist die Unverwechselbarkeit des eigenen Stoffes durch eine originelle Umsetzung gemeint. Er ist die Antwort auf die Frage: What’s the difference that makes the difference?

Neben dem USP führt Kurz fünf Punkte an, die für einen Pitch entscheidend sind. Sie ähneln den journalistischen W-Fragen. Worum geht es (1)? Für welches Publikum (2) gibt es was zu sehen (3)? Warum machen Sie diesen Stoff (4) und wer muss wieviel investieren (5)? Als Teil des professionellen Handwerkszeugs müssen diese Fragen sofort und eindeutig beantwortet werden können und ist grundlegende Voraussetzung um die eigene Begeisterung und Besessenheit voll ausspielen zu können.

„Eine Kunst beim Pitchen ist, die Aufmerksamkeit des Zuhörers so schnell und so lange wie möglich zu fesseln“ (Seite 35) Dazu werden Stoffe im Präsens gepitcht, „am besten mit einer persönlichen, authentischen und enthusiastischen Art“ (Seite 35). Wer dies gut macht, kann sein Gegenüber in eine andere Welt ‘ver-führen’, denn genau darum geht es beim Pitchen. Wer nicht selber von seinem Stoff begeistert ist, wird kaum sein Gegenüber dafür begeistern. „Kongruenz und Authentizität des Handelns sind die wichtigsten Faktoren für die Glaubwürdigkeit einer Präsentation.“ (Seite 181) Der innere Kritiker darf nicht unterdrückt werden (er hat sowieso immer ein böses Wort auf den Lippen), sondern muss von der gemeinsamen Sache überzeugt, auf die eigene Seite gezogen, ins Boot geholt werden. Sitzt der innere Kritiker erst Mal dort, wird mit Begeisterung und Besessenheit der eigene Stoff zu einem ‘visuellen Moodboard’ verdichtet. Den Begriff des ‘visuellen Moodboard’ leitet Kurz analog vom gezeichneten Storyboard ab. Er besagt, dass die Geschichte in emotional anrührenden Bildern erzählt wird. Mit dem visuellen Moodboard, dass sich aus Professionalität, Begeisterung und Besessenheit zusammensetzt, muss letztendlich der Entscheider überzeugt werden.

Entscheider sind jene paar Menschen im Filmbusiness, die über finanzielle Mittel verfügen und somit die Möglichkeit besitzen, aus einer Idee ein Projekt zu machen. Im Umgang mit Entscheidern, aber auch mit anderen Akteuren des Filmbusiness (was durchaus eine gesellschaftlich universelle Komponente hat), ist es oftmals wichtiger, Sozialkontakte herzustellen, als einen guten Stoff professionell vorzustellen. Warum, so muss man sich ehrlich fragen, wird heute die Kompetenz des ‘social networking’, also die Kompetenz anderen in der eigenen Umgebung ein gutes Gefühl zu vermitteln, höher angesehen als die inhaltliche Auseinandersetzung? Die wahrscheinlich richtige und dennoch unbefriedigende Antwort lautet: „Ein Produkt wird immer mit demjenigen identifiziert, der es anbietet – das Grundprinzip jeder Werbung. Wir alle kennen viele Alltagssituationen, in denen die Qualität eines Produkts an den Verkäufer und seine Glaubwürdigkeit gekoppelt wird.“ (Seite 179) Einen Entscheider im Pitch von der eigenen Idee zu überzeugen ist nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. „Wenn Sie selbst von ihrer Geschichte leidenschaftlich überzeugt sind, wird Ihnen das gelingen.“ (Seite 69)

Nachdem Kurz eindrucksvoll die Grundlagen des Pitchens ausgebreitet hat, verbessert sie in der zweiten Hälfte des Buches mit einem Präsentationstechniken-Potpourri ein wenig die Welt der Kommunikation. Obwohl auch diese Passagen anregend zu lesen sind, stellen sie eher das schmückende Beiwerk zu den wichtigen Tipps für einen erfolgreichen Pitch im ersten Teil des Buchs dar.

Insgesamt stellen sich zwei Elemente als besonders wichtig für einen erfolgreichen Pitch heraus. Zuerst die Qualität der Geschichte und direkt danach die zwischenmenschliche Komponente oder auch anders herum. Das hängt von den individuellen Stärken des Pitchenden und den Vorlieben des Entscheiders ab. Man könnte auch sagen: Professionalität und Emotionalität – aber das ist zu weit herunter gebrochen. Somit produziert der professionelle Filmemacher in seinem Pitch die eingangs erwähnte ‘Differenz’ gleich zweifach: Einmal im Hinblick auf seinen Stoff und dann nochmal, in der Art wie er seinen Stoff im Pitch präsentiert.

Die hilfreiche Herausarbeitung der hier angerissenen Tipps rund um den erfolgreichen Pitch ist das große Verdienst von Sibylle Kurz und darum muss, wer noch mehr darüber erfahren will, man das Buch lesen. „Es gibt einen prägnanten Satz, den sie verinnerlichen sollten: Der Zweck eines ersten Treffens mit einem Entscheider besteht darin, ein zweites Treffen zu initiieren.“ (Seite 47) Wenn man dieses Bonmot ein wenig abwandelt und sagt, dass ein erstes Buch zum Lesen eines zweiten Buchs (derselben Autorin, desselben Verlags) anregen soll, dann ist der Zweck mit Pitch it! voll und ganz erfüllt.

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