Peter Waldbauer greift mit seinem Buch Lexikon der antisemitischen Klischees ein interessantes und überaus relevantes Thema auf. Leider wird Waldbauer dem Thema nicht gerecht, da er es keineswegs beherrscht. Dies zeigt sich schon in der Einleitung. Denn es mutet komisch an, einem Buch über antisemitische Klischees ein jüdischen Sprichwort – Man hasst die Juden nicht, weil sie es verdienen, sondern weil sie verdienen – voran zu stellen, da es ein Klischee darstellt.
Schon in seiner Gestaltung ist es fragwürdig, warum das Lexikon der antisemitischen Klischees überhaupt ein Lexikon darstellen soll. Die einzelnen – so genannten – Klischees lassen sich nicht lexikalisch nachschlagen, vielmehr sind sie wie in einem Buch nach Themen gegliedert. Darüber hinaus wäre eine alphabetische Sortierung unnütz, da nicht das Klischee benannt, sondern es in eine Frageform eingebettet wird. Die meisten der Klischees beginnen also mit einem W – was, wer, wann. So drängt sich die Vermutung auf, dass es sich aus zwei Gründen um ein Lexikon handelt: Zum einen, weil Lexika eine objektivierende Kraft inne wohnt, die simple Behauptungen zu objektiven Sachverhalten nobilitiert. Zum zweiten können dieselben Argumente in vielen kurzen Lexikonartikeln wiederholt werden, während ein Buch in der Regel nach einem roten Faden verlangt, der sich nicht wiederholt, sondern weiter spinnt.
Inhaltlich ergibt sich die Argumentation, dass Juden gehasst werden, weil sie ihren Mitmenschen in vielen Dingen überlegen sind. Durch die ständige Auslegung von Tora und Talmud ist der Intellekt gestärkt (Seite 51) und durch jahrhundertelange Gefahr und Verfolgung waren die Juden stets gezwungen flexibel zu bleiben (Seite 50). Durch den hinkenden Vergleich zwischen dem ‘plumpen, sesshaft in der Mehrheit lebenden Bauern’ und dem ‘flexiblen, mit hoher geistiger Mobilität ausgestatteten Judentum’ kreiert Waldbauer ein Klischee des Juden, das wie eine positive Form von Rassismus anmutet. Dabei darf es natürlich nicht Ziel sein, negative durch positive Klischees zu ersetzen. Leider aber lässt dieser von Waldbauer gemixte Cocktail aus kulturgeschichtlich hergeleiteten Überlegenheitsbekundungen das wenig glaubhafte Bild eines ‘Über-Juden‘ entstehen. ‘Positiver Rassismus’, also eine Art der Überlegenheitsbekundung – das soll hier ausdrücklich festgehalten sein – ist genauso verwerflich wie ‘normaler Rassismus’, der von der Abwertung anderer lebt. Denn allzu positive Klischees machen dem ‘Unterlegenen‘ Angst und verhindern den Dialog miteinander.
Die Relevanz des Themas steht außer Frage, doch wurde das Thema, über antisemitische Klischees zu schreiben, weit verfehlt. Auffällig ist: durch die beständige Wiederholung derselben Argumente entsteht das Gefühl, Waldbauer geht es weniger um eine objektive Wahrheit und mehr um seine subjektive Überzeugung. So liest sich das Buch wie ein Pamphlet mit dem Ziel zu belegen, dass die Juden nicht nur zu unrecht verfolgt wurden, sondern kulturhistorisch aus den Verfolgungen und ihrer Minderheit eine Überlegenheit resultiert.
Über eine Einführung in die jüdische Geschichte wird man sicherlich nicht nur besser, sondern auch objektiver und unterhaltsamer informiert. Von Waldbauers Buch Lexikon der antisemitischen Klischees ist dringend abzuraten, denn Waldbauer argumentiert ungenau und verzerrend. Vor allem wiederholt er sich ständig, die Tonart bleibt das ganze Buch hindurch ermüdend gleich.
Peter Waldbauer: Lexikon der antisemitischen Klischees. Antijüdische Vorurteile und ihre historische Entstehung, R. Mankau Verlag, ISBN 978-3-938396-07-0 , 12,95 Euro
Zu Beginn überlegt man: woher kenne ich das Motiv? Wo ist es mir bereits begegnet? Man liest weiter und grübelt beim Lesen: Wo ist mir etwas ähnliches schon einmal untergekommen? Da, plötzlich, die Erleuchtung! Die traurig-heitere, anrührend-schöne Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von Winston Groom „Forrest Gump“ mit Tom Hanks in der Titelrolle ist eine teilweise skurrile, burleske Reise durch die wahnwitzige amerikanische Geschichte des letzten Jahrhunderts. Köhlmeiers „Abendland“ ist das (nicht nur) europäische Pendant dazu. Im Unterschied zum amerikanischen ‚Original‘ allerdings agieren in diesem Roman neben so vielen anderen drei Hauptpersonen und die eine, ein Schriftsteller, ist darüber hinaus der von seinem väterlichen Freund, Paten und Mäzen in berechnender Absicht engagierte Erzähler.
Ich lese weiter und mich beschleicht ein ungutes Gefühl. Irgendwie wirkt das alles aufgesetzt, überladen und extrem gewollt. Berühmte Namen und ihre Träger aus Politik, Wissenschaft, Sport, Kunst, der Musikszene, Göring samt Nürnberger Prozeß, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und ihr Selbstmord in Stammheim etc. tauchen auf und verschwinden wieder (die letzte Fortsetzungs-Episode mit den Opfern Siegfried Buback, Jürgen Ponto, Hanns-Martin Schleyer berührt besonders peinlich). Es ist ein unablässiges Kommen und Gehen, die Zelebritäten drücken sich gegenseitig die Klinke in die Hand, und ich halte irgendwann inne und konstatiere einigermaßen ungehalten: Köhlmeier will einen Jahrhundertroman in des Wortes doppelter Bedeutung schreiben, und damit wird er scheitern.
Denn Historisches und Fiktives in Einklang bringen zu wollen muß zwangsläufig in bemühten Konstruktionen und weit hergeholten Kombinationen enden. Machbar ist allenfalls eine stark persönlich gefärbte Geschichte mit ausschließlich historischem Personal. Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und T.C. Boyles „Wassermusik“ fallen mir ein. Das funktioniert deswegen so prächtig, weil es den beiden Autoren gelungen ist, den Originalen wirkliches Leben, eine anrührende Seele, die unglaublich intensiv berührt, einzuhauchen. Aber dieser Fall hier liegt anders. Erfundene Personen interagieren mit realen, wie eben im „Forrest Gump“. Erdichtete Individualgeschichte mit Zeitgeschichte durchsetzt et vice versa. Und dieses Ingrediens soll das Ganze bedeutend, eventuell zeitlos machen. Sehr riskant und immer auf dem Sprung in die Peinlichkeit.
Aber da ist noch etwas anderes in diesem Roman, was dazu führt, daß man sich in seinen verschlungenen Pfaden wirklich gerne, nämlich unwillkürlich verliert. Köhlmeier ist im Kleinen, persönlich Unscheinbaren brillant und außerordentlich feinfühlig; im zeitgeschichtlich Unbedeutenden ist dieser Autor einfach grandios! Beispiele gefällig? Bitteschön: „Bestenfalls, dachte Carl, kann er nicht logisch denken, schlimmstenfalls ist er paranoid.“ (25) Oder dies hier: „Darmstadt, Darmstadt. – Die Zuhörer glaubten zuerst an ein technisches Gebrechen. Daß irgend etwas mit dem Abspielgerät nicht stimmte. Nach einer halben Minute schaltete Ernst Thomas das Gerät ab und versuchte, den Tonkopf zu säubern. Aber daran lag es nicht. Mein Vater sagte nichts, er saß auf seinem Sessel, die Arme hochverschränkt und starrte grimmig in (!) die Wand. … In der allgemeinen Ratlosigkeit meldete sich einer der Seminarteilnehmer zu Wort. Wenn man leider schon nicht hören könne, was Herr Lukasser komponiert habe, ob er wenigstens bereit wäre, quasi als Ersatz, etwas auf der Gitarre vorzuspielen. Dieser Herr war der einzige, der hier offensichtlich genug von Jazz verstand, um zu wissen, daß mein Vater in dieser Sparte – einst – ein großer Mann gewesen war. Alle waren erleichtert, niemand wünschte sich eine Blamage.“ ( 597 f.) Oder wie ist es hiermit?: „Das haben Metaphern nämlich so an sich: daß sie größenwahnsinnig sind. Sie sind die geistige Lieblingsspeise der Jugend. Als junger Mathematiker (es dreht sich übrigens vieles um die Mathematik in diesem Roman, und auch deswegen drängt sich der Kehlmann-Bezug auf, F.-P.H.) hat man den Ehrgeiz, sich ausschließlich mit jenem Bereich seiner Wissenschaft zu befassen, der auch philosophische Relevanz besitzt. Schau sie dir an, wie sie alle Gödels Theorem verehren. Die meisten, weil sie nichts davon verstehen. Sie plappern falsch nach: Ein System könne aus sich selbst heraus nicht bewiesen werden. Etwas kann sich selbst nicht verstehen. Das gilt ihnen als Rechtfertigung ihrer eigenen Dummheit und Ignoranz, aus der heraus sie dem gesunden Menschenverstand jegliche Erkenntnisfähigkeit absprechen. Die Metapher ist das Opium des Hochnäsigen. Metaphern sind Idiotenleim. Sie haben die Tendenz, sich zum Sinnbild für alles aufzuschwingen. Tatsächlich für alles!“ (649) Und, schließlich, das hier: „Er (Georg Lukasser, der musikalisch hochbegabte Vater des Erzählers Sebastian Lukasser, F.-P.H.) hatte meine Meinung immer ernst genommen. Schon als ich zehn war, hatte er mit mir gesprochen wie mit einem klügeren Bruder. Wenn überhaupt, hätte er sich nur von mir etwas sagen lassen. ‚Glaubst du inzwischen wirklich, daß es eine tolle Idee ist?‘ fragte er. ‚Es ist eine tolle Idee‘, antwortete ich, und weil ich ja wußte, daß er, wann immer er selbst Zweifel an einer Sache hatte, sie damit vertrieb, indem er Wortwiederholungsschleifen knüpfte, sagte ich: ‚Es ist eine tolle Idee, ja, es ist eine tolle Idee, es ist wirklich eine tolle Idee, ja, ich denke, es ist eine tolle Idee, doch, es ist eine tolle Idee‘.“ (404)
Und irgendwann ist es dann doch soweit. Man hält inne und begreift, daß diesem Romancier tatsächlich etwas Großes gelungen ist. Er hat einen Bildungs- bzw. Erziehungsroman geschrieben, der sich über das Lebensschicksal seiner in hohem Maße bedrohten und angefochtenen, unheldischen Helden einen dann doch wieder überzeugenden Weg durch die Geschichte eines unglaublich gewaltträchtigen Jahrhunderts bahnt. Denn im Hintergrund von all diesen Ab- und Irrwegen stehen die zwei Fragen danach, wie es, zum einen, ist, (persönliche aber auch politische) Macht zu haben und sie entsprechend einzusetzen, und was es, zum anderen, heißt, (nicht) mit der alles bezwingenden Macht des Genies begabt oder geschlagen zu sein.
Weil Köhlmeier das Zeitgeschichtliche durch den persönlichen Bezug verlebendigt, und das Persönliche durch den permanenten Zeitbezug bedeutend macht, gewinnt dieser Roman von beiden Seiten das Gewicht, das ihn zu einem Ereignis macht. Wenn der Stümper immer nach dem besonderen Wort sucht, dann findet der Könner stets das treffende. Denn „nicht die Begebenheit, gleichgültig, ob schwerwiegend oder nebensächlich …, entscheide über Tiefe und Weite des Raumes in der Vergangenheit, der erzählend mit Sinn erfüllt wird, sondern die Frage, wie viele andere Begebenheiten, also: wieviel Welt diese eine Begebenheit unter ihr Diktat zwinge“. (183) Ein enorm hoher Anteil ist hier ‚bezwungen‘ worden, ein ähnlich hoher wie in T.C. Boyles „Wassermusik“, dessen unverwechselbaren Stil Köhlmeier übrigens meisterlich nachzuahmen und gekonnt einzusetzen versteht (so, beispielsweise, auf den Seiten 732 und 746 in der in Südwestafrika spielenden Episode des vollkommen unmotiviert und kalten Blutes schlachtenden Serienmörders Hanns Alverdes), genauso wie denjenigen Dostojewskis in der vermeintlich tödlich endenden Episode mit dem Denunzianten Pontrjagin (285 ff.), und, vor allem, in dem unerreichten Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann.
Mein Entschluß steht fest: Ich werde den Rat des großen Sohnes der Hansestadt Lübeck befolgen und auch diesen Roman ein zweites Mal lesen, weil sich vermutlich erst dann der sachliche und strukturell-kompositorische Beziehungsreichtum wirklich entdecken und entsprechend würdigen läßt.
(Carl Hanser Verlag, München 2007, 776 S., ISBN 978-3-446-20913-8 , 24,90 €)
Erstmals erschienen im Marburger Forum, Jg. 8 (2007), Heft 6
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Seltener Fall, daß ein Erzähler souverän unterschiedliche Stilformen beherrscht. Thomas Mann war ein Meister darin. Dann noch, selbstredend, Goethe. Lessing verstand sich darauf. Kein Wunder bei diesem unglaublich feinfühligen, leiseste gedankliche Differenzierungen sprachlich exakt nachzeichnenden Spätaufklärer. Und selbstverständlich der heute leider viel zu selten gelesene Göttinger Mathematiker, Astronom und Begründer des deutschen Aphorismus, Georg Christoph Lichtenberg. Sein „Göttinger Taschen Calender“ enthält Perlen deutscher Prosa. Beispiel gefällig? “Durch strikte Aufmerksamkeit auf seine Gedanken und Gefühle, durch individualisierendes Ausdrücken derselben, durch sorgfältig gewählte Worte lernen wir uns selbst kennen, unsere Gedanken werden fest und zusammenhängend. Unser Sprechen in Gesellschaft erhält eine gewisse Eigenheit wie die Gesichter, welches bei dem Kenner sehr empfiehlt, und dessen Mangel eine böse Wirkung tut. Nicht alle Reichen sind es durch Glück geworden, sondern viele durch Sparsamkeit.” Vorzüglich gesagt. Genau so verhält es sich. Reichtum aus Sparsamkeit, darin zeigt und beweist sich große Kunst.
Ziehen wir noch einmal den Liebling der Musen, Goethe zu Rate. War er bloß Liebling? Wohl kaum. Denn wie heißt es bei ihm?
“So ist‘s mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.”
Max Lorenzen ist kein ungebundner Geist. Er ist reich aus Sparsamkeit, und das Gesetz hat ihm Freiheit gegeben. Welches Gesetz? Dasjenige, über das bereits Goethe und Schiller in angestrengtestes Nachdenken verfielen. Welcher Ton paßt zu welchem Gehalt, welcher Stimmung korrespondiert welches Stilmittel? Wo ist der Knotenpunkt, in dem die Fäden zusammenlaufen? Ich behaupte, bei diesem Erzähler ist es die Sympathie und die Fähigkeit Mitleid zu empfinden. Vielleicht ist der mitleidigste Mensch nicht der beste Mensch. Wer weiß? Aber er bringt die entscheidende Voraussetzung mit, Literatur zu schreiben, die unter die Haut geht, weil sie trifft. Und wohlgemerkt: Mitleid heißt nicht automatisch Lamento. In diesem Fall schon gar nicht. Sympathie versteht es vielmehr, in die unterschiedlichsten Situationen und Seelenlagen sich mit Delikatesse hineinzuversetzen und … den entsprechenden Ton zu treffen. Darum und um nichts anderes geht es hier.
Lorenzen verfügt über ein immenses Zartgefühl für diskrepante Stimmungslagen und Charaktere und, ich wiederhole mich, der Stil ist jedesmal danach.
Nehmen wir die erste Erzählung. Sie ist traurig schön in ihrer Gefaßtheit, mit der dem Doppelausbruch einer Gehirnerkrankung – ist es wirklich in beiden Fällen dieselbe Krankheit, oder ist etwa Sympathetisches aus schlechtem Gewissen im Spiel? – seitens der Ich-Erzählerin begegnet wird. Unwillkürlich dachte ich beim Lesen an die berühmte Charakteristik der Laokoongruppe durch Johann Joachim Winckelmann. Das Geheimnis ihrer außerordentlichen ästhetischen Wirkung ist: Sie strahlt Ruhe aus, obwohl, oder gerade weil der Sturm der Verzweiflung tobt. Stille Größe, das ist ihr Nährboden und der dieser Erzählung. Und auch wenn die letztere hier und da ein wenig überanstrengt und bemüht in ihrer gedankenreichen Tiefe wirkt: Was soll’s, reflektierter, möglicherweise auch überspannter Tiefsinn, Ausdruck von Ratlosigkeit einer gerade erst Neunzehnjährigen, ist vor dem Hintergrund einer Krankheit zum Tode allemal angebrachter als wohlfeile Verhaltensmaßregeln, die nicht bereit oder fähig sind, sich dem Bitteren, weil Hilf- und Ausweglosen zu stellen.
Wie anders wirkt der bigotte Sadismus in der treffend „Kälte“ titulierten zweiten Geschichte, in die der Erzähler, ein interessanter und überraschender Einfall, einen unvermittelten Perspektivenwechsel eingebaut hat. Wer diese Geschichte liest, wird an der entsprechenden Stelle merken, wie es gemeint ist. Die lakonisch-berichthafte Sprache dieses Bekenntnisses erzeugt eine unglaublich beklemmende Atmosphäre. Schulterklopfend und selbstgefällig meldet sich das berechnend-skrupellose und machtgestützte, ins Aberwitzige aufgeblähte kalte Kontrollbedürfnis des geistigen Hirten auf eine erschreckend nahe und authentische Weise zu Wort. Der „Tobias Mindernickel“ Thomas Manns und „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil sind ähnlich bestürzend und bedrängend in ihrer punktgenauen Knappheit.
Das trifft, der Kontrast schärft den Blick, so nicht auf Robert Menasses Roman um das Scheitern eines philosophischen Systems in Gestalt der nicht nur zu geistigen Gewalttaten neigenden Hauptperson Leo Singer in „Selige Zeiten, brüchige Welt“ zu. Rücksichtsloses Dominierenwollen um jeden Preis und bis zum letalen Ende auch hier. Aber der Autor bringt sich und den Leser um die beabsichtigte Wirkung, weil, je länger je mehr, das ganze zusehends ins gewollt Verschrobene und Artifizielle abdriftet. Vielleicht jedoch ist genau dies der Zweck der Übung?! Will Menasse seine Virtuosität und seinen Einfallsreichtum unter Beweis stellen, wenn er beispielsweise seinen Protagonisten mit dem Klassiker „Die Theorie des Romans“ von Georg Lukács reüssieren läßt? Mit der inversen „Phänomenologie des Geistes“ Hegels, einer „Phänomenologie der Entgeisterung“ als einer „Geschichte vom verschwindenden Wissen“ indessen hat dieser Epigone und Machtmensch kein Glück, im Unterschied zu seinem Erfinder, der diesen gegen den Strich gebürsteten und von Grund auf gedankenlosen Hegel der abstraktesten Bewußtseinsstufe im Suhrkamp Verlag zur Veröffentlichung gebracht hat. Derlei Einfälle sind extrem weit hergeholt und sollen offensichtlich stutzig machen und aufhorchen lassen, obwohl sie doch bloß für studierte Germanisten und Philosophen als solche identifizierbar sind. Menasse will frappieren, Lorenzen frappiert.
Der ruhige, gehaltene, sachte Ton der „Unsterblichkeit“ überschriebenen letzten Erzählung stimmt den Leser, nach dem Wahnsinn der zurückliegenden Hölle, unverhofft auf die unberührte Stille der italienischen Voralpenwelt ein. Eine Idylle, die nie ins Kitschige abdriftet. Die Ruhe des Tons, der das Aufgesetzte und Überschwängliche meidet, verhindert dies. Und wie ganz anders wirkt das Intime der sexuellen Vereinigung hier im Vergleich zur Brutalität einer sich an sich selbst aufgeilenden und berauschenden pornographischen Folter dort.
Also ein letztes Mal: An dem souverän und sparsam durchgeführten Wechsel der Töne hängt hier, wie auch sonst in der Literatur, alles. Die Weisheit des Künstlers im Ausdrucke besteht eben darin, viel mit wenigem und nicht, wie der Stümper, Dilettant und Pfuscher, wenig mit viel anzudeuten. So ähnlich steht es in Winckelmanns „Geschichte der Kunst des Altertums“ geschrieben.
Etwas unglücklich allerdings ist der Einfall, das ganze unter die Überschrift „Nachmoderne Ästhetik“ zu stellen. Wer dies tut, läuft Gefahr, daß seine Literatur als Programmliteratur (miß-)verstanden wird. Denn alle anderen Bedenken, die sich hieran anschließen, einmal beiseite gelassen. Der Erzähler sollte davon Abstand nehmen, sein eigener Exeget und Theoretiker zu sein. Niemand wußte das besser als Goethe. Kunst, die sich selbst interpretiert, weil sie es offenbar nötig hat, ist keine Kunst mehr. Diese drei Erzählungen jedenfalls haben diesen Notbehelf ganz entschieden nicht nötig.
Im übrigen, wer wissen will, was genau sich in diesen Erzählungen zuträgt, möge sie, das versteht sich eigentlich von selbst und nach dem Gesagten ohnehin, lesen. Es kann nicht die Aufgabe des Rezensenten sein, auch wenn manch einer es anders sieht und hält, wie ein Pennäler nachzuerzählen. Mit Surrogaten ist dem nicht gedient, der wirklich(e) Kunst genießen will. Wer aus Bequemlichkeit Abkürzungen sucht, ist bestenfalls ein Bildungsphilister.
(Königshausen & Neumann 2007, 185 S., ISBN 978-3-8260-3607-1, 18,00 €)
Erstmals erschienen im Marburger Forum, Jg 8 (2007), Heft 4
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