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Vergessene Bücher V: Beiträge zur Logik von Alois Riehl

Von Frank-Peter Hansen

Der nachfolgende Text hätte als nächstes im Marburger Forum unter der Rubrik “Vergessene Bücher” erscheinen sollen. Möglicherweise geschieht dies auch noch. Ich weiß es nicht. – Daß ich ihn jetzt an dieser Stelle publiziere hat einzig und allein damit zu tun, daß ich mich in dieser Form von Max Lorenzen, dem Herausgeber des Forums und Mitinitiator dieser Reihe, verabschieden möchte. Er ist am 24. August an Herzversagen gestorben. Max Lorenzen war für mich ein stets freundlicher, aufmerksamer und zuvorkommender Gesprächspartner auch über die Entfernung der Städte hinweg, wofür ich mich – zu spät – an dieser Stelle bedanken möchte.

Von Alois Riehl stammt der beherzigenswerte Satz: “Nur wer sein Denken vorzugsweise an Sprachen erzogen und an die Regeln der Grammatik gewöhnt hat, mag auch von den Regeln des Geschehens in der Natur Ausnahmen für möglich halten oder die Naturgesetze bloß als Text-Interpretationen der Naturforscher betrachten” (Ders.: Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart, Leipzig 1903, S. 264 f.). Ist dies die ahnungsvoll vorweggenommene Position des Wiener Kreises, dann kontrastiert dieser Mischung von Impressionismus und Formalismus bei dem Realisten Riehl die Einschätzung, daß das “Gesetz der Gravitation … mit allen Bewegungen der Himmelskörper und irdischen Fallerscheinungen (zwar, F.-P.H.) noch nicht gegeben (sei, F.-P.H.), obgleich es in jeder Fallbewegung enthalten ist. Kein Gesetz kann in eine Tatsache rein aufgehen, keines mit der bloßen Summe von Tatsachen gegeben sein, obschon es von allen Tatsachen gilt, die unter ihm stehen. Jedes Gesetz ist ein Satz mit einem Wenn: zwei Massenpunkte würden sich genau nach dem Gesetze ihrer Gravitation annähern, wenn sie allein in der Welt wären” (S. 260).

Doch nicht um diese zweifelsohne lesenswerte Publikation soll es hier gehen und auch nicht um sein zweibändiges Hauptwerk Der philosophische Kriticismus und seine Bedeutung für die positive Wissenschaft, sondern um die kleinen, unscheinbaren Beiträge zur Logik, die in zweiter Auflage 1912 bei O.R. Reisland in Leipzig erschienen sind. Sie haben es faustdick hinter den Ohren, wie zu demonstrieren sein wird. Und außerdem: wer liest schon gern 1000 und mehr Seiten im Stück?! Bei Romanen mag das ja noch hingehen. Aber wissenschaftliche Fachliteratur in zwei bis drei stattlichen Bänden … Und dann ausgerechnet auch noch Wissenschaftstheoretisches und Logisches … Unwillkürlich schreckt man zurück und schiebt die Scharteken achselzuckend zurück ins Regal. So in diesem speziellen Fall nicht. Denn das Bändchen umfaßt lediglich 68 Seiten. Das ist locker zu bewältigen und zwar mit unverhältnismäßig großem Gewinn, heißt mit spürbarem Erkenntniszuwachs.

Zuvor jedoch: Wer war Alois Riehl? Er kam am 27.4.1844 bei Bozen in Südtirol zur Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Bozen und der Matura studierte er Philosophie, Geographie und Geschichte an den Universitäten Wien, München, Innsbruck und Graz. 1866 legte er das Staatsexamen für das Höhere Lehramt ab. 1868 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Innsbruck, 1870 Habilitation an der Universität Graz. Dort war er bis 1873 Privatdozent und hatte danach eine a.o. Professur für Philosophie inne. 1870 erschien die Untersuchung Realistische Grundzüge. 1871 folgte die Abhandlung Moral und Dogma und 1872 Über Begriff und Form der Philosophie. 1878 wurde Riehl zum o. Professor für Philosophie an der Universität Graz berufen. Seit 1882 war er der Nachfolger von Wilhelm Windelband an der Universität Freiburg. 1876 und 1879 erschienen die Bände I und II,1 seines Hauptwerks Der philosophische Kriticismus und seine Bedeutung für die positive Wissenschaft. 1887 folgte abschließend der Band II,2. Mit diesem Grundlagenwerk, das sich mit der Geschichte und Methode des philosophischen Kriticismus, den sinnlichen und logischen Grundlagen der Erkenntnis und schließlich mit Fragen der Wissenschaftstheorie und Metaphysik auseinandersetzte, verfolgte Riehl die Absicht, Philosophie als reine Wissenschaft unter Ablehnung metaphysischer Spekulation durchzuführen. Die Metaphysik sollte durch die positiven Wissenschaften ersetzt werden. Riehl hatte in Freiburg einen schweren Stand, weil die Metaphysikkritik seines Zweiteilers in der katholischen Bischofsstadt als kirchenfeindlich bewertet wurde und entsprechend auf wenig Gegenliebe stieß. Konzessionen und Rücksichtnahmen aber hielt er in der Wissenschaft für genauso fehl am Platz wie zu befolgende Anstands- und Benimmregeln der akademischen und/oder konfessionell gebundenen Sittenwächter und Verlagszensoren, die, in der einen Variante, heute freilich mehr als damals den Ton in der Szene angeben und gegen den zu verstoßen nicht selten für den davon Betroffenen einem Verschwinden in der Versenkung und einem Vergessenwerden im intellektuellen Niemandsland gleichkommt. – 1896 erfolgte ein Ruf nach Kiel, 1898 die Berufung nach Halle/Saale. 1905 trat er die Nachfolge Wilhelm Diltheys auf dem Lehrstuhl für Philosophie an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin an. 1903 erschien Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart, 1904 Immanuel Kant. Alois Riehl ist am 21.11.1924 in Neubabelsberg bei Berlin verstorben. – Goethes Credo war auch dasjenige Riehls: “Die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und Beharrlichkeit, es auszuführen.” (Vgl. zum Folgenden auch meine Geschichte der Logik des 19. Jahrhunderts. Eine kritische Einführung in die Anfänge der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Würzburg 2000, S. 171-175)

Daß die Regeln der Grammatik nicht auch diejenigen der Natur und ihrer Wissenschaften sind, ist dem einleitenden Zitat zu entnehmen. Daß es darüber hinaus angezeigt ist, “die logische Gliederung einer Aussage von dem grammatischen Aufbau des Satzes zu unterscheiden” hat damit zu tun, daß beispielsweise die Kopula einerseits bloß die “sprachliche Funktion” hat, “der Aussage die Form eines Satzes zu geben” (1). Andererseits besteht die logische Bedeutung der Kopula in ihrer prädikativen Natur. Schließt nämlich das bloße Bindewort “keineswegs die Behauptung der Existenz des Subjektes (und der davon abhängigen des Prädikates) des Satzes ein”, dann besteht die logische Bedeutung des Wörtchens “ist” in dem “Wirklichsein oder Wahrsein” (20) des ausgesagten Sachverhalts. Außerdem kommt im Urteilsakt “zur bloßen Vorstellung eines Begriffsverhältnisses die weitere Auffassung hinzu, daß dieses Verhältnis allgemeingültig und notwendig sei” (21). Im Urteil wird von einer bloßen Vorstellung behauptet, daß sie eine Beschaffenheit des Wirklichen sei. Indem wir urteilen, schreiben wir “dem Inhalte Unabhängigkeit von unserem Vorstellen zu, sofern dieses lediglich als subjektive Tätigkeit betrachtet wird. Sooft wir urteilen, urteilen wir im Namen Aller, sei es, daß wir den Inhalt unseres Vorstellens auf die gemeinschaftliche, von unserem Bewußtsein unabhängige Wirklichkeit beziehen oder ihm allgemeine, für jedes denkende Subjekt verbindliche Gültigkeit zuerkennen” (17): Objektivität, Allgemeinheit und Notwendigkeit. Diese drei Bestimmungsstücke sind auf jeden Fall für wissenschaftliches Urteilen charakteristisch.

Bevor man urteilt, muß man jedoch nach Möglichkeit gedacht haben. Wie verhält es sich hiermit? Laut Riehl folgendermaßen: “Im Gegensatz zu den anschaulichen, konkreten und darum individuellen Vorstellungen der Sinne und der Einbildungskraft sind die Begriffe gedankliche, abstrakte und daher allgemeine Vorstellungen, welche in unserem Bewußtsein die Stelle der anschaulichen vertreten. Diese Sonderung gedanklicher Vorstellungen von den anschaulichen, den Wahrnehmungen und Erinnerungsbildern, wird durch die Sprache ermöglicht” (2). Wort und Bedeutung sind, anders als später dann von Wittgenstein vertreten, untrennbar verbunden. Um also den Sinn einer Rede zu erfassen, bedarf es keiner Rückübersetzung in Bilder der Phantasie. Und stets sind es Begriffe und eben keine Anschauungsbilder, die in Rede und Schrift mitgeteilt werden. “Zwar klingen gleichsam die sinnlichen Vorstellungen, deren Stelle das bedeutsame Zeichen vertritt, in unserem Bewußtsein nach oder begleiten wie Schatten die Bewegung unseres Denkens. Man könnte das Zeichen als den Ausstrahlungsmittelpunkt für die betreffenden anschaulichen Vorstellungen betrachten. Müßten aber diese letzteren jedesmal über die Schwelle des Bewußtseins gehoben werden, um das Verständnis der Zeichen zu vermitteln, so würden wir niemals zu jener abgekürzten, verdichteten und darin der Wahrnehmung und Phantasie so überlegenen Art des Vorstellens befähigt sein, die wir, im Unterschied vom Anschauen, Denken nennen. Während die anschaulichen Vorstellungen so verschieden sind wie die Umstände ihrer Erwerbung, sind die begrifflichen, vorausgesetzt nur, daß sie hinlänglich definiert, d.i. durch andere, bekannte Begriffe erklärt werden, für jedermann dieselben” (3).

Sprachliche Zeichen aber sind für die Bildung von Begriffen auch deswegen unverzichtbar, weil ohne jene diese im Bewußtsein nicht festgehalten werden könnten. Er “würde schon im Entstehen wieder verschwinden, nämlich von den anschaulichen Vorstellungen verdrängt werden” (4).

Die “Quelle” und der “Träger” abstrakter Vorstellungen oder Begriffe ist also laut Riehl die Sprache. Begriffe sind allgemein. Zwar kann der Gegenstand eines Begriffs konkret sein, er selbst jedoch kann es nicht, obwohl beispielsweise jedes einmalige historische Ereignis zum Gegenstand begrifflicher Erkenntnis werden kann. Man hat sich dann eben gedanklich der Notwendigkeit seines Ablaufs versichert, was durch einfaches Hinsehen nicht zu bewerkstelligen ist. “Die Begriffe bleiben somit abstrakt und allgemein, mag auch ihr Gegenstand individuell, ja einzig in seiner Art sein” (6).

Die Begriffsbildung beruht auf der Tätigkeit des Verallgemeinerns. Darüber hinaus setzt sie “Unterscheidungsfähigkeit” voraus. Denken nämlich “ist etwas wesentlich anderes als sich unvollständig erinnern. Nicht durch Übersehen der Unterschiede, durch Absehen von den Unterschieden wird das begrifflich Allgemeine gewonnen” (7). Mithin ist das Bilden der Begriffe einerseits zwar eine Befreiung von den Fesseln der Anschauung, andererseits gewinnt die Unübersichtlichkeit des bloß Angeschauten durch sie eine klare Kontur. In summa: “Außer dem Universum seiner Wahrnehmungen und anschaulichen Vorstellungen gibt es sonach für den Menschen ein Universum von Bedeutungen, das er sich selbst geschaffen hat. Das Mittel dazu war ihm die Sprache. Die Beziehung der Welt der Bedeutungen auf die Welt der Anschauungen bildet sein Erkennen” (8).

Man sollte sich allerdings davor hüten, die empirische Allgemeinheit mit der begrifflichen zu verwechseln. Zur ersteren “gelangen wir durch generalisierende Abstraktion, durch Hervorhebung des Übereinstimmenden in einer Mehrzahl von Fällen, die dadurch zu einem Begriffe zusammengefaßt werden”: sogenannte All-Sätze. Die “begriffliche Allgemeinheit” hingegen “wird durch analysierende Abstraktion erreicht, durch Zurückführung des in der Vorstellung Gegebenen auf das Einfache und Denknotwendige. (…) Empirisch-allgemeine Sätze sind als Ausdruck übereinstimmend wiederkehrender Beobachtungen und Erfahrungen material (= die Häufigkeit der weißgefiederten Schwäne Sir Karl Poppers innerhalb seines additiv-falsifikatorischen Wissenschaftsverständnisses, F.-P.H.), begrifflich-allgemeine formal; sie dienen zur Erklärung der Erscheinungen, und ist mit ihrer Hilfe eine bestimmte einzelne Erscheinung zum Verständnis gebracht, so haben wir damit auch schon das Verständnis aller Erscheinungen derselben Art erzielt” (34).

Mit Folgendem hat übrigens – ein Anachronismus – der Frühgeborene Riehl dem Spätgeborenen Popper eine präzise und knappe erklärende Korrektur hinsichtlich seiner desolaten Wissenschaftsauffassung ins Stammbuch geschrieben: “Aus der empirischen Allgemeinheit läßt sich die begriffliche auf direktem Wege nicht herleiten. Selbst die erschöpfende Aufzählung der Fälle, wo diese überhaupt möglich ist, gibt unserem Urteile noch keine strenge Allgemeingültigkeit”. Das sah auch Popper so, allerdings sozusagen mit umgekehrtem Vorzeichen, weil er, unter unkritischer Zugrundelegung der empirischen Allgemeinheit, die streng begriffliche gar nicht erst ins Auge zu fassen vermochte. Es “bedarf”, so fährt Riehl fort, “dazu jederzeit der Unterordnung der Fälle unter einen begrifflichen Satz, ein mathematisches Naturgesetz; haben wir aber einmal einen solchen Satz, so ist wieder die Aufzählung der Fälle entbehrlich geworden” (ebd.). Empirisch unterfütterte All-Sätze sagen also lediglich aus, daß eine in ihrer Eigenart übrigens nach wie vor unverstandene Tatsache wie auch immer eingeschränkt und folglich bloß vorbehaltlich gültig ist. Begriffliche Verallgemeinerungen wissen, auf Grund der vorgenommenen Identifizierung ihres Gegenstandes, den Grund seiner Begreiflichkeit auszumachen und zu benennen. Sie drücken nichts anderes als das Gesetz aus, “das alles Besondere, das sich aus ihm entwickeln läßt, zugleich in sich enthält” (37). Folglich gilt die “gewöhnliche Regel, daß Verminderung des Inhaltes gleichbedeutend ist mit Vergrößerung des Umfanges eines Begriffes (…) nur von der äußerlichen, mechanischen Abstraktionsweise durch Wegdenken, nicht von jener wesenhaften Abstraktion, die das einheitliche Gesetz zusammengehöriger Begriffe und Objekte hervorhebt” (ebd.).

Hinsichtlich mathematischer Objekte, wie nicht allein Riehl sie versteht, sondern wie auch die moderne Mathematik sie zu fassen gewohnt ist, gilt also, daß dort, wo “wir die Objekte unserer Begriffe selbst erzeugen, – richtiger: wo es sich gar nicht um die Objekte selbst handelt, sondern um die Vorstellungsart von Objekten überhaupt, wie in der Mathematik, da beherrschen wir eben dadurch auch alle Bedingungen der Spezifikation des höheren Begriffes in seine niederern, und alle Aussagen über diese Begriffe sind (selbstredend, ist man geneigt zu sagen, F.-P.H.) notwendig von eben derselben strengen Allgemeingültigkeit” (ebd.). Nur konsequent, daß Riehl vor diesem Hintergrund dafür plädiert, den “Logikkalkül, die Verwandlung alles Schließens in Rechnen” als “einen neuen Zweig der Mathematik” anzusehen und nicht als das, “was er nach der Meinung seiner Urheber sein soll, eine allgemeine Theorie der Schlußfolgerungen” (59 f.).

Hinsichtlich naturwissenschaftlicher Objekte und ihrer eingesehenen Gesetzmäßigkeiten schließlich gilt etwas ganz anderes: “Wären uns auch sämtliche Planeten (und planetarische Körper wie Monde u. dgl.) bekannt, und ließen sich unsere Beobachtungen ins Unendliche vervielfältigen – eine Voraussetzung, die in ihren beiden Teilen nicht zutrifft –, noch immer würden wir nicht berechtigt sein, zu sagen: was ein Planet ist, muß sich nach den Keplerschen Gesetzen um die Sonne bewegen. Das Newtonsche Anziehungsgesetz dagegen macht diese Folgerung auch ohne Vollständigkeit der Erfahrung notwendig. Dieses Gesetz, ein Lehrsatz der theoretischen Mechanik, welcher die Wurfbewegung eines Körpers aus ihren elementaren Antrieben konstruiert, steht vor aller weiteren Erfahrung fest, weil es nicht von zahllosen einzelnen Erfahrungen abstrahiert, sondern durch Zerlegung des in jeder möglichen, hierher gehörigen Erfahrung Wesentlichen ermittelt ist. Es befähigt uns daher zur Voraussage, daß es überall gelten werde, wo seine Bedingungen erfüllt sind, und in der Art, in welcher sie erfüllt sind; hat also absolute, von der Zahl der Fälle seiner Anwendung unabhängige Allgemeingültigkeit” (36).

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Metzlers “Deutsche Literaturgeschichte” – ein Standardwerk

Seinem Ruf entsprechend legt der J.B.Metzler-Verlag mit seiner voluminösen Geschichte der deutschen Literatur ein Standardwerk für die kommenden Jahre vor. Namhafte Germanisten (u.a. Inge Stefan, Wolfgang Emmerich) beleuchten jede Epoche vom Althochdeutschen bis zur Gegenwart. Störend ist dabei allenfalls die positive Darstellung Karls des Großen: Dass dieser mit der Vernichtung „heidnischer“ Schriften einen nicht wieder gut zu machenden Verlust zu verantworten hat, wurde unerklärlicherweise verschwiegen.

Am beeindruckendsten ist der Umgang mit der jüngeren und jüngsten Gegenwartsliteratur. Je näher uns eine Epoche ist, desto schwieriger ist sie zu beurteilen: Das Autorenteam meistert diese Aufgabe souverän und verschafft einen profunden Überblick über das Schrifttum des „Dritten Reiches“, der Exil- und Nachkriegsliteratur bis zu den Tendenzen der 80er Jahre und sogar der gerade eben erst abgeschlossenen Zeit zwischen dem Fall der Mauer 1989 und den Anschlägen vom 11. September 2001.

Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich, Christine Kanz, Bernd Lutz, Volker Meid, Michael Opitz, Carola Opitz-Wiemers, Ralf Schnell, Peter Stein, Inge Stefan: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Siebte, erweiterte Auflage. Stuttgart und Weimar: Verlag J.B. Metzler 2008. 764 Seiten, 29,95 EUR.

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O.P. Zier, Tote Saison

Von Frank-Peter Hansen

Womit sieht sich der Leser dieses Kriminalromans von Anfang an konfrontiert? Mit dem ganz normalen Wahnsinn und der fanatischen Scheinheiligkeit einer durch und durch verkehrten Welt. Mit einer bizarren Farce über den Parteienfilz im Salzburger Land. Mit der geballten Niedertracht von zu jeder Schandtat bereiten Parteioberen und ihren liebedienernden Chargen, die für ihre Kariere alles zu tun bereit sind. Mit dem menschlichen Müll und Ausschuß, den die brutalisierte bürgerliche Gesellschaft in Hülle und Fülle nicht nur produziert, sondern in selbstdarstellerischer Absicht ihren abgründigen Zwecken dienstbar zu machen weiß. Mit Verschwörungen, ihren Machern und ihren schmarotzenden Theoretikern und wohlmeinenden interpretierenden Auslegern.

Womit also? O.P. Zier sagt es ohne Umschweife und gerade heraus: “Mit erkennbarer Verbitterung führte der Altlandeshauptmann, den in seiner Jugend die Ideen der christlichen Soziallehre begeistert hatten, aus, dass das größte Interesse der Partei momentan darin liege, eine Wirtschaftspolitik zu etablieren, bei der ein Unternehmen keine Mitarbeiter mehr kenne, sondern einzig und allein unerfreuliche Faktoren auf der Kostenebene, die seitens des Managements unter keinen Umständen mehr als menschliche Wesen gesehen werden dürften, weil sich solche Sentimentalitäten nur negativ auf die Bilanzen auswirkten. Um die daraus entstandene schiefe Optik auszugleichen, planten der Wirtschaftsflügel und befreundete Unternehmen groß angelegte Humanitäts-Events, konzipiert von professionellen PR-Beratern”. Es gehe nämlich letztlich darum, “das karitative Image der Partei … in den Menschen (zu) verfestigen, wenn man ihnen schon keinerlei soziale Sicherheiten mehr zugestehen könne.” (383)

Das kommt einem seltsam vertraut vor, auch dann, wenn man mit den Ideen des sogenannten Neoliberalismus nicht gleich etwas anzufangen weiß … Denn wer kennt sie nicht oder hat jedenfalls von ihnen gehört, den “Chefleuten, die misstrauisch jedes Quäntchen Energie, das nach Dienstschluss noch in ihren Mitarbeiterinnen steckte, in die Nähe eines Diebstahls rückten. Kraft für sein eigenes Leben schien so ein halbes Kind in den Augen seiner Dienstgeber abends mitzunehmen wie unrechtmäßig vom Arbeitsplatz Entwendetes.” (198) Und auch das gehört zum Altagsgeschäft jedes Politprofis, ganz unabhängig davon, welcher Partei er sich gerade zurechnet, seine Ausübung von Macht als eine “neue riesige Herausforderung auf sich” zu nehmen, “um auch auf diesem Platz in großer Demut und mit ganzer Kraft und Hingabe” beispielsweise Deutschland “zu dienen”. (385) “‚Und wie wurde Franz zum hoch dotierten Leiter dieser Einrichtung? Ahnungslose aufpassen!‘” (233)

Das alles klingt sehr nach einem moralisch-angestrengten und anstrengenden, womöglich selbstgerechten Strafgericht. Ist es aber nicht, wie schon die frohgemut und launig angekündigte Aufklärung verdeutlicht. Denn in diesem Roman macht der Ton die Musik. Und dieser Ton hat es, die oben angeführten Beispiele belegten dies bereits, in sich und faustdick hinter den Ohren. Er ist betont kühl und sachlich, dabei jedoch getragen von schwebender und leichter Ironie. Dann wieder, vor allem im ersten Viertel, vernimmt man, dezent abgemildert, Anklänge an Thomas Bernhards besessenes und vernichtendes Daherschwadronieren vor dem Hintergrund eines wiederum und auch hier politisch motivierten Absurditätenkabinetts und eines in abscheulichster Verlogen- und Abgefeimtheit praktizierten und gehässig inszenierten Psychoterrors.

Genau hierin liegt das Geheimnis des Gelingens dieses ‚Schlüsselromans‘. Zwar permanent anzuklagen ohne zu klagen. Kühlen Kopfes und nüchtern eine, man mag es kaum glauben, lebensvolle Allegorie – wo Allegorien es normalerweise doch an sich haben, kühl, frostig und lebensfern zu sein – auf die Machenschaften der politisch Mächtigen und ihrer berechnenden Erfüllungsgehilfen aufs Papier gebracht zu haben. Das hat was, ist lehrreich und unterhält trotzdem prächtig.

Aber dieser spektakuläre Mordfall in der “toten Saison”, also im nieselig-tristen Alpenvorwinter, mit dem skandalöserweise wirtschaftlich so gar nichts los ist, hat vom Autor noch eine Dimension verpaßt bekommen, die einen sofort an Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften” denken läßt, genauer an die in seinem ersten Teil im Zentrum stehende “Parallelaktion”. Unter diesem Decknamen, dies sei in Hinblick auf diejenigen resümiert, die diesen unglaublichen Roman eines anderen Österreichers (noch) nicht gelesen haben, verbergen sich die Vorbereitungen hochgestellter Persönlichkeiten, die das für 1918 zu erwartende 70-jährige Regierungsjubiläum des “Friedenskaisers” Franz Josef gegenüber dem gleichzeitigen bloß 30-jährigen Kaiser Wilhelms II. zu glanzvollem Ausdruck und einem nie dagewesenen Event ausgestalten wollen. Eine Idee muß her, eine Jahrhundert- oder, besser noch, eine Jahrtausendidee, die alle bisher dagewesenen Ideen als läppisch und lachhaft erscheinen läßt und ausnahmslos in den Schatten stellt. Sie wird, so viel sei verraten, nicht wirklich gefunden. Das ganze verläuft sich irgendwie oder wird von der Realität eingeholt, nämlich der wüsten Begeisterung für die als groß empfundenen Begleitumstände des Weltkriegs Numero Eins. Denn ohne daß die Beteiligten und heillos Involvierten es zunächst selbst so recht bemerken, werden all ihre grotesk anmutenden, wichtigtuerisch-aufgeblasenen Bemühungen um das Finden der “erlösenden Idee” in den enthusiastisch begrüßten Ausbruch des ‚Ringens der Völker‘ münden. Und das geplante “Weltösterreichjahr” 1918 wird sich ironischerweise als das des Zusammenbruchs beider Monarchien erweisen. Was für ein Jokus. Es ist zum Totlachen, wenn es nicht so aberwitzig traurig wäre.

Genau diese Atmosphäre tieftraurigen Gelächters herzustellen ist auch O.P. Zier gelungen. Depravierten Charakteren, die einzig und allein die Größe des eigenen Landes und – mitlaufend – ihre eigene in ihren Köpfen haben, ist vieles zuzutrauen. Unter anderem auch dies, das Gebirgsmassiv der Hohen Tauern auszuschaben oder auszuhöhlen, um den wirtschaftlichen Unwägbarkeiten der toten Saison machtvoll begegnen zu können. “‚Liebe FT-Mitglieder, vergesst das niemals: Alle Vorgaben, die aus dem MKZ des FT kommen, sind ab sofort für die Menschheit bindend!‘” (311) Der Leser reibt sich die Augen und fragt: ‚Wie dies?‘ ‚Wovon, um Himmels willen, ist hier die Rede?‘ ‚Wer spricht? Ein Politiker der Alpenrepublik oder etwa einer von jenseits des Atlantik? …‘

Ganz einfach: Das “Macht- und Kompetenzzentrum – oder eben kurz: MKZ” des FT – was sich hinter diesem Kürzel verbirgt wird hier nicht verraten, weil das Fahnden nach dessen Bedeutung den in diesen Irrsinn verstrickten Erzähler und unschuldig des Mordes schuldig Gewordenen selbst fast irrsinnig werden läßt (“Alles konnte Zufall sein – aber auch das Gegenteil davon! Und wer jedes Ereignis in seinem Alltagsleben zwanghaft dahingehend hinterfragte, wurde mit Sicherheit – verrückt” (188)) – hat eine Jahrtausendidee ausgeheckt, die Österreich zur Weltmachtführungsnation promovieren soll: Die “Rettung der alpinen Tourismus-Ökonomie” per Vierjahreszeitenvereinheitlichung … Da geht es “um die Ausschaltung jahreszeitlich bedingter Konjunkturschwankungen zugunsten permanenter ökonomischer Spitzenresultate. Und so nebenbei werde die architektonische Idee der Entkernung in völlig neuartiger Weise in tiefste Tiefen vorangetrieben. Darüber hinaus werde in diesem geheimen Think-Tank (die Rede ist von dem MKZ des FT) der Stadtpartei St. Johann, einem exemplarischen Macht- und Kompetenzzentrum, an Überlebensstrategien für die christlich-soziale Partei von sensationeller Neuartigkeit gearbeitet.” (390) Wahnsinn!! Und der Wahnsinn wird zur politischen Kraft, so daß Köpfe rollen müssen, selbst unter denen, die gar nichts anderes im Schilde führen und dasselbe selbst so oder so ähnlich auch immer schon gewollt haben.

Aber auch die halten sich auf altbewährte Art schadlos, indem sie ihren politischen und moralischen Niedergang als Dienst am großen Ganzen verkaufen. Mord und daraus reusultierender politischer Selbstmord als medienwirksame Selbstbeweihräucherung. Das kennt man und daran hat man sich, leider!, längst gewöhnt. Und auch O.P. Zier wird es mit dieser wunderbaren Gesellschaftssatire nicht gelingen, daß den Lesern vor dem Normalen dieses Wahnsinns, in dem beispielsweise einer einen Fallschirmsprung in den Freitod als letzte politische Selbstinszenierung seiner ach so wertvollen Politikerpersönlichkeit, die sich für die Partei und damit selbstredend auch für sein Land aufopfert, aufbereitet, speiübel wird.

Wer den Mord an Barbara Lochner denn nun eigentlich begangen hat?, fragen die kriminalistisch Interessierten unter den Lesern. Die Antwort auf diese Frage zögert der Romancier auf äußerst kunstvolle Weise bis kurz vor das nicht wirklich überraschende Ende hinaus. Denn, wie gesagt: Politikern ist, wenn es ihnen um ihre, Pardon: unsere Sache und damit immer auch ein wenig um sich selbst geht, einiges zuzutrauen.

O.P. Zier, Tote Saison. Roman, Residenz Verlag, St. Pölten – Salzburg 2007, 411 S., ISBN 978-3-7017-1485-8 Pick It! , 21,90 Euro

Erstmals erschienen in: Marburger Forum, Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, Jg. 8 (2007), Heft 6

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