Wenn etwas dem Schreiben nutzt, so ist es Lebenserfahrung. Und an Lebenserfahrung mangelt es Susanne Schirdewahn, geboren 1970 in Berlin und aufgewachsen in München, wahrlich nicht. Im Schulalter begann sie zu malen und zu schreiben, verbrachte einige Zeit in Paris und arbeitete für Theater und Film. Nach Reisen in Indien und Westafrika begann sie eine Ausbildung als Regisseurin an der Berliner Hochschule für Schauspiel Ernst Busch. Später arbeitete sie als Regieassistentin am Burgtheater in Wien und lebt heute mit ihrer dreiköpfigen Familie als bildende Künstlerin und Autorin in Berlin.
Susanne Schirdewahn
(Foto: turtleboy)
Der Roman „Schlafende Hunde“ schildert das Schicksal einer ganz normalen Familie unserer Zeit (gibt es eine normale Familie?). Die Ich-Erzählerin trifft zum Begräbnis ihrer Großmutter in Mannheim ihre Verwandten. In Rückblenden setzt der dichte Text auf etwas über 150 Seiten ein Mosaik über drei Generationen zusammen, verschwommene Erinnerungen wechseln sich mit gestochen scharfen Momentaufnahmen ab. Die Ehe der Großeltern, das Zusammenleben der Eltern und auch die Biografie der Erzählerin, all das nimmt auf den ersten Blick unspektakulär seinen Lauf. Aber das Leben ist natürlich nur an der Oberfläche ein langer ruhiger Fluss, darunter drohen reißende Strömungen und tödliche Strudel.
Nichts in diesem Roman, was nicht jedem von uns widerfahren könnte: Gewalt in der Ehe, Alkoholismus, Rivalitäten unter Geschwistern, zwischen Mutter und Tochter. Aber dank des im Berliner Literarischen Kolloquium geschulten konzentrierten Stils wirkt hier alles ungewöhnlich eindringlich. „Wir haben immer geschwiegen. Das Schweigen war stark. Es war wie der Teppich, auf dem ich meine ersten Schritte tat.“ In dieses Schweigen bricht nur manchmal das offene Wort – und wenn es das tut, dann mit einem Blitzschlag. Niemand übersteht das Leben ohne seelische Versehrungen. Und doch endet die mitunter verzweifelte Wahrheitssuche mit einem Hoffnungsschimmer: „Ja. Vielleicht hatte in diesem einen Augenblick das Kämpfen für etwas angefangen. Vielleicht.”
Susanne Schirdewahn: Schlafende Hunde. Verlag Onkel und Onkel 2008, ISBN 978-3940029140. 159 S., EUR 16,90.
VN:F [1.9.7_1111]
bitte warten...
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)
Tags: Belletristik by AVINUS Kommentare deaktiviert
Vor kurzem hat ein gewisser Daniel Kehlmann angeblich einen Roman mit dem möglicherweise passenden Titel „Ruhm“ geschrieben. Gleich auf dem Buchcover versperren drei Missverständnisse den Blick auf dieses Buch in neun Geschichten. Das erste Missverständnis ist die Annahme, dass der erst 1975 geborene, aber schon einige Werke schwere, immer noch junge Autor Daniel Kehlmann nach seinem Welterfolg „Die Vermessung der Welt“ gleich noch ein herausragendes Buch, vielleicht nur noch herausragende Bücher schreiben wird. Man sollte das Buch, nicht den Autoren lesen. Das zweite Missverständnis ist die Annahme, dass es sich bei dem 200 Seiten langen Buch um einen Roman handeln soll. Das steht zwar auf dem Schutzumschlag, aber Roman wird üblicherweise definiert als die Großform erzählender Dichtung (in Prosa), und dieses Kriterium erfüllt Kehlmanns neues Buch nicht. „Ruhm“ besteht nämlich aus neun (Kurz-)Geschichten, die in sich abgeschlossen sind und nur durch wenige narrative Verknüpfungen miteinander in einem Austauschverhältnis stehen, sowie lose durch übergreifende Themen verbunden werden. Dies reicht nicht aus, die angesprochene Großform zu erreichen. Das dritte Missverständnis ist die Annahme, dass „Ruhm“ ein angemessener Titel sein könnte. Ruhm ist ein auf unterschiedlichsten Leistungen beruhendes hohes Ansehen. Er kann lokal wie global und kurzlebig wie langfristig sein. Das betrifft allerdings kaum die Hälfte der Figuren. Tatsächlich hat Ruhm mehr mit der Person Daniel Kehlmann zu tun als mit de von ihm geschilderten Figuren. Wer mit diesen Ansprüchen an „Ruhm“ herantritt, wird nicht erkennen können, dass es sich um ein zumindest ziemlich gutes Buch handelt. Nicht herausragend, nicht sehr gut, aber immer noch ziemlich gut und somit weitaus besser als viele andere Bücher. Jede Geschichte stellt eine andere Figur vor. Allerdings ist die dritte Geschichte die packendste. In „Rosalie geht sterben“ erbittet sich die Figur der Rosalie – sie ist auf dem Weg in ein Schweizer Sterbehospitz – im Zwiegespräch mit dem Autor ein neues Leben. Doch der Autor beharrt auf dem Fortgang des bisher Geschehenen und verweist auf die Unmöglichkeit ihres Wunsches – auch für ihn. Es folgen sechs weitere Episoden, von denen keine dieselbe Intensität erreicht. Zudem rücken nach und nach die Verknüpfungen, die die Teile zu einem Ganzen formen sollen, in den Vordergrund und beeinträchtigen auf diese Weise die einzelne Geschichte.
Während die Verknüpfungen austauschbar wirken, zieht sich ein Themenstrang als Motiv konsequent durch „Ruhm“: Die moderne Kommunikationstechnologie und ihre Anwendung. Mal fällt sie aus, mal dient sie als Ersatzwelt, weil die eigene unerträglich ist und mal eröffnet sie unverhofft Einblicke in Bereiche des Lebens, die sonst verschlossen geblieben wären. Die erste Geschichte „Stimmen“ handelt von dem Techniker Ebling, dessen Vorname genauso abhanden gekommen ist, wie sein Leben. Er hat sich gerade sein erstes Handy gekauft und schon erhält er eine Menge Anrufe. Nur dass sie nicht ihm, sondern einem Ralf gelten. Zunächst ist Ebling skeptisch, doch schließlich ist die Versuchung, die eigene Realität um jene dieses Ralfs zu erweitern, zu groß. Ebling erlebt sich auf eine Weise lebendig, die er nicht kannte, um den Preis, dass er seine dröge Arbeit als Computertechniker und seine ungeliebte Frau vernachlässigt, seine eigene Realität wird ihm unwirklich, er verliert sie aus dem Blick. Und dann klingelt das Handy nicht mehr. Dieses Muster zieht sich durch alle Kapitel. Es geht immer um die neuen Kommunikationsmedien in Form von Computern und Handys, die dadurch entstehende Vervielfältigung von Wirklichkeit und den daraus entstehenden Problemen für die Konstruktion eigener Identität. „Wenn einer so viel im Internet unterwegs ist wie ich, dann weiß er, dass Wirklichkeit nicht alles ist. Dass es Räume gibt, in die man nicht mit dem Körper geht. Nur in Gedanken und trotzdem da.“ Bei Kehlmann führt die Anwendung der neuen Medien zunächst zu einem Lustgewinn, nach dem Motto: Ich will gar nicht wissen, ob es real ist, solange es nur schön ist. Der Blick öffnet sich auf eine Menge paralleler Lebensmöglichkeiten, die alle zu Wirklichkeiten werden könnten, aber immer in Dystopien enden. Die Figuren scheitern. Sie sind überfordert und werden von ihrem eigenen Leben eingeholt. In „Ruhm“ heißt es, „dass das Leben ist, was es ist, und dass man sich einiges aussuchen kann, das meiste aber nicht.“ Daniel Kehlmann beleuchtet hiermit ein gesellschaftlich hochaktuelles Thema, wovon auch das Buch „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“ oder der Film „Matrix“ zeugen. Es ist ein Spiegelthema – welche Realität darf noch als wirklich gelten –, weil sich in den Spiegelungen kein Ursprung mehr erkennen lässt. Wenn dann gleich drei Figuren des Buchs Autoren sind, Leo Richter, Miguel Auristos Blancos und „Maria Rubinstein, schreibt Kehlmann sich in seinen Roman ein, ohne dass man sagen kann, inwieweit er sich in diesen Figuren spiegelt oder seine Wirklichkeit um ihre erweitert. Ähnlich wie schon bei dem Titel des Buchs handelt es sich hierbei um ein ironisches Versteckspiel. Dies könnte vom Autor entweder sehr gut durchdacht und dann großartig inszeniert oder auch nur das Zufallsprodukt eines ziemlich guten Buchs sein. Genau darin liegt die Gefahr. Kann es so kunstvoll und intelligent konstruiert sein, wenn gleichzeitig die einzelnen Geschichten sprachlich locker-heiter erzählt werden und thematisch scheinbar immer an der Oberfläche bleiben? „Ruhm“ ist der Versuch, durch ständige Spiegelungen den Blick auf die Dinge als das darzustellen, was er ist: fragwürdig, gespiegelt. In diesem Sinne scheinen die immer wieder auftauchenden Lebenshilfebücher von Miguel Auristos Blancos ebenso ein Hinweis für den Leser als auch ein Leuchtturm für den Autor zu sein.