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Maarten t’ Hart: Der Psalmenstreit

Von Anabelle Assaf

Historie ohne Pomp und Kitsch

In seinem historischen Roman „Der Psalmenstreit“ beleuchtet Maarten ’t Hart ein Kapitel scheinbar absurder menschlicher Geschichte. In dem kleinen Fischerdörfchen Maasluis in den Niederlanden schlagen sich die Bürger Mitte des 18. Jahrhunderts die Köpfe ein über die Frage, ob die Psalmen in der Kirche nun langsam oder schnell gesungen werden sollen. Im Zentrum der Erzählung, die die Jahre 1739 bis 1811 umfasst, steht der Reeder Roemer Stroombreker, von seiner Mutter zur Hochzeit mit einer reichen Erbin gezwungen. Der junge Mann aber verliebt sich in eine arme Netzflickerin, mit der er einen unehelichen Sohn zeugt, welcher Zeit seines Lebens in kriminelle Handlungen verstrickt bleibt und dem sein ihm unbekannter Vater so nie nahe kommen kann. Bis dahin nicht viel Neues. Erfrischend ist allerdings, dass t’ Hart sich darauf beschränkt, eine historisch korrekte Episode niederländischer Geschichte zu erzählen, ohne dabei die Liebesgeschichte des Reichen und der Armen zum unzähligsten Male wiederzukäuen. Vielmehr verlegt er sich darauf, soziale Missstände zu schildern und dem Leser einen Einblick in die Fischerei und ihre Bedeutung für die Bevölkerung der holländischen Küste zu vermitteln, von der der Autor selbst gebürtig stammt. Seine Figuren aber bleiben bei all den historischen Daten leider nur oberflächlich gezeichnet. Einzig der alte Schullehrer Spanjaard erzeugt durch seine Ironie komische Momente, die die statische Erzählung ein wenig auflockern. Vielleicht hätte Maarten ’t Hart sich tatsächlich dazu hinreißen sollen, seinen Roman auf die doppelte Seitenanzahl zu verlängern, um die Geschichte tiefgründiger und auch persönlicher zu gestalten. So aber springt er mit jedem Kapitel um ein Jahrzehnt weiter vor und als Leser fragt man sich regelmäßig, was wohl aus der Fortsetzung der eben geschilderten Handlung geworden sein mag. Man kratzt die Zweifel an Bibel, Glauben und sinnvollem Kirchgang nur kurz und leider oft auch etwas lächerlich anmutend an, bleibt unfähig die Beweggründe der Charaktere wirklich nachzuvollziehen und sieht berühmte Persönlichkeiten wie Bach, Mozart, Beethoven, Napoleon und Kaiser Friedrich nur im Schnelldurchlauf vorbei ziehen. Gerade noch befindet man sich Anfang des 18. Jahrhunderts im Reich des florierenden Fischereigeschäfts, dann wieder ist man Zeuge des Psalmenstreits, kurz später gibt es bereits Krieg zwischen Holländern und Engländern, im nächsten Kapitel geht sich das Volk aber plötzlich wegen Patriotismusfragen an die Gurgel, nur um dann von Napoleon überrannt zu werden. 70 Jahre Geschichte werden doch extrem zusammenhanglos geschildert, ohne dass die Hintergründe dem historisch ungeschulten Leser klar würden.
Dennoch, bei all den schlecht recherchierten, überkandidelten Geschichtchen, die das Genre Historischer Roman in den letzten Jahren überschwemmen, bleibt t’ Hart dem eigentlichen Anliegen dieser Art Literatur wieder erwarten treu – ein Stück Geschichte zu vermitteln.

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Maarten t‘ Haart: Der Psalmentstreit. ISBN 978-3492252881. 424 S., EUR 9,95.

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Marcel Beyer: Kaltenburg

„Kaltenburg“ ist der dritte Roman des umtriebigen Autors und vielfachen Literaturpreisträgers Marcel Beyer. Er ist im Dresden der 50er Jahre angelegt und spielt somit zu einer Zeit, als das Land nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut werden musste, die neuen Grenzen des Kalten Krieges aber noch nicht zementiert waren.
Erzählt wird der Roman aus der Sicht des Ornithologen Hermann Funk, der zuerst ein Schüler, dann ein enger Vertrauter des Zoologen Ludwig Kaltenburg ist. Dieser wird als eine schillernde Figur beschrieben; ein Mensch, dem man zuhört, wenn er den Raum betritt. Der Ich-Erzähler Funk dagegen war schon immer mehr Schatten als Person, aber ein genauer Schatten, ein ordentlicher, verbindlicher, einer auf den man sich verlassen kann. „Doch ich traue mir nicht ganz. Weder dem überraschten, eselhaften Halbwüchsigen, wie er Klara in die Halle hinterherläuft, noch dem, der sich heute zu erinnern meint“. Funk erinnert sich, wie Menschen sich eben erinnern. Bruchstückhaft, nicht richtig, ungenügend. Erinnerung, legt der Roman nah, bringt Vergangenheit nicht nur zum Reden, sondern manchmal auch zum Schweigen.
In einem eigens dafür geschaffenen Institut schart Kaltenburg, der sagt „Leben heißt Beobachten“, Kolonien von Tieren um sich. Sein späteres Lebenswerk und Vermächtnis, das Buch „Urformen der Angst“, hat er jedoch den Menschen abgelauscht. „Die Folge von Wegdressuren bleibt von Generation zu Generation intakt, doch nicht etwa aus Einsicht, sondern schlicht aus Tradition“, beobachtet Kaltenburg an seinen geliebten Dohlen. Der Vergleich zur Gesellschaft – ein Schwarm Dohlen handelt mit einer gemeinsamen, unbewussten Erinnerung als Kollektiv – bietet sich an. Alle sind irgendwie Mitläufer, sind Täter und Opfer, ohne etwas dafür, noch dagegen tun zu können.
„Kaltenburg“ lesen – das darf nicht verschwiegen werden –, bedeutet auch ein Stück Arbeit. Es sind 400 Seiten Literatur; geschrieben in einer komplexen, eigentümlich in sich geschlossenen Sprache, die denselben düster-bedrohlichen Hauch versprüht, der auch den Titel „Kaltenburg“ umweht und die verhindert, dass man Seiten beiläufig überfliegt, selbst wenn nicht viel passiert. Denn der Roman erzählt seine Themen nicht aus oder setzt sie in Handlung um. Er deutet sie schlicht durch eine spezielle Atmosphäre an, die – so steht es zu vermuten – zu jener Zeit in Dresden nicht unbekannt gewesen sein dürfte – eine Mischung aus Ahnung, Verschwiegenheit und latenter Angst. Nicht zuletzt stechen einige lichte Momente literarischer Unmittelbarkeit hervor, bei denen Weisheiten wie kleine Brotkrumen unter den Leserschwarm gestreut werden. So zum Beispiel:
„’Und vergiss nicht’ – Kaltenburg sieht mir scharf in die Augen – ‘vergiss niemals, dass um uns herum’ – er lässt die ausgestreckte Hand unbestimmt über den Hang gleiten – ‘in dem Haus da drüben, oder dort weiter unten, wohin du auch schaust, fortwährend Dinge geschehen, die weit verrückter sind, als alles, was dir je bei mir begegnen wird. Lauter verborgene Abgründe. Bedrohliches. Abscheuliches. Glaub mir. Ich habe schon in manche dieser Abgründe hinabgeblickt. Darum bleibe ich immer ganz gelassen, wenn man mich taxiert. Sollen sie mich für einen Trottel halten, mich kratzt das nicht.’“

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Marcel Beyer: Kaltenburg. Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. 2008, ISBN: 978-3-518-41920-5, 400 S., 19,80 EUR

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Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht

Von Leif Allendorf

Die Handlung ist wirklich nicht originell: Ein Mann im so genannten besten Alter verlässt den wilden Kreuzberger Kiez und zieht mit seiner langjährigen Lebensgefährtin in den beschaulichen Südosten Berlins. Er ist Schriftsteller, wird von Selbstzweifeln geplagt und geht fremd. Nun stammt diese Geschichte aber aus der Feder von Ralf Rothmann, und wer dessen Roman „Stier“ gelesen hat, diese Geschichte des Maurerlehrlings, der nicht „so eine panierte Schweineseele“ wie seine Kollegen werden will, der miterlebt, wie Punk und New Wave in Düsseldorf einbrechen und die Welt auf den Kopf stellen, der als Krankenpfleger beobachtet, wie Menschen nur noch als Verschiebemasse behandelt werden, und der schließlich nach Berlin geht, um Schriftsteller zu werden – wer also von dieser Geschichte bezaubert wurde, dem wird es schwer fallen, sich der Elegie „Feuer brennt nicht“ zu entziehen.

Das liegt zum einen daran, dass die Milieus präzise beschrieben werden. Da ist Kreuzberg, das Idyll der Berufsjugendlichen, aber jetzt nur noch heruntergekommen. Und dann gibt es Köpenick, den fernsten Ausläufer Berlins, die S-Bahn Richtung Erkner, Friedrichshagen, den Speckgürtel, Schöneiche. Bemerkenswert, dass knapp zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ein Westdeutscher immer noch so tut als seien die Ostdeutschen außerirdische Wesen, der es also zwei Dekaden lang geschafft hat, jeden persönlichen Kontakt über die einstige Grenze zu vermeiden.

Umso tieferen Einblick erhalten wir in das Liebesleben des Schriftstellers mit der etwas jüngeren ehemaligen Buchhändlerin. Es ist eine ganz gewöhnliche Beziehung, doch wie man sich wehtut, wenn man zusammen ist, das beschreibt Rothmann mit schmerzhafter Intensität. Wir leiden mit dem Erzähler, auch wenn der im Unrecht ist. Eingebunden in den Hauptstrang sind zwei wunderbare Personenstudien: die Geliebte, eine vom Ehrgeiz zerfressene erfolgreiche Akademikerin, sowie der alternde Schriftsteller und einstige Mentor des Ich-Erzählers, dessen scheinbare Überlegenheit sich zunehmend als soziale Inkompetenz entlarvt.

Einzig störend sind Passagen, in denen Rothmann über das Schreiben selbst räsonniert. Das haben wir schon in den Achtzigern gelesen – und uns schon damals gelangweilt. „Die Unwahrheit fängt mit dem Kunstwillen an, dem Arrangement, aber das merkt man nicht.“ Eben. Das Buch ist am stärksten dort, wo es sich ganz auf die Handlung verlässt. Alina hat nämlich auch ein Geheimnis, und dass Rothmann das letzte Wort ihr überlässt, spricht für den Autor.

Ralf Rothmanns Romane machen den Leser nicht klüger – aber weiser.

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Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht. ISBN 978-3518420638. 305 S., EUR 19,80.

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