Marcel Beyer: Kaltenburg


„Kaltenburg“ ist der dritte Roman des umtriebigen Autors und vielfachen Literaturpreisträgers Marcel Beyer. Er ist im Dresden der 50er Jahre angelegt und spielt somit zu einer Zeit, als das Land nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut werden musste, die neuen Grenzen des Kalten Krieges aber noch nicht zementiert waren.
Erzählt wird der Roman aus der Sicht des Ornithologen Hermann Funk, der zuerst ein Schüler, dann ein enger Vertrauter des Zoologen Ludwig Kaltenburg ist. Dieser wird als eine schillernde Figur beschrieben; ein Mensch, dem man zuhört, wenn er den Raum betritt. Der Ich-Erzähler Funk dagegen war schon immer mehr Schatten als Person, aber ein genauer Schatten, ein ordentlicher, verbindlicher, einer auf den man sich verlassen kann. „Doch ich traue mir nicht ganz. Weder dem überraschten, eselhaften Halbwüchsigen, wie er Klara in die Halle hinterherläuft, noch dem, der sich heute zu erinnern meint“. Funk erinnert sich, wie Menschen sich eben erinnern. Bruchstückhaft, nicht richtig, ungenügend. Erinnerung, legt der Roman nah, bringt Vergangenheit nicht nur zum Reden, sondern manchmal auch zum Schweigen.
In einem eigens dafür geschaffenen Institut schart Kaltenburg, der sagt „Leben heißt Beobachten“, Kolonien von Tieren um sich. Sein späteres Lebenswerk und Vermächtnis, das Buch „Urformen der Angst“, hat er jedoch den Menschen abgelauscht. „Die Folge von Wegdressuren bleibt von Generation zu Generation intakt, doch nicht etwa aus Einsicht, sondern schlicht aus Tradition“, beobachtet Kaltenburg an seinen geliebten Dohlen. Der Vergleich zur Gesellschaft – ein Schwarm Dohlen handelt mit einer gemeinsamen, unbewussten Erinnerung als Kollektiv – bietet sich an. Alle sind irgendwie Mitläufer, sind Täter und Opfer, ohne etwas dafür, noch dagegen tun zu können.
„Kaltenburg“ lesen – das darf nicht verschwiegen werden –, bedeutet auch ein Stück Arbeit. Es sind 400 Seiten Literatur; geschrieben in einer komplexen, eigentümlich in sich geschlossenen Sprache, die denselben düster-bedrohlichen Hauch versprüht, der auch den Titel „Kaltenburg“ umweht und die verhindert, dass man Seiten beiläufig überfliegt, selbst wenn nicht viel passiert. Denn der Roman erzählt seine Themen nicht aus oder setzt sie in Handlung um. Er deutet sie schlicht durch eine spezielle Atmosphäre an, die – so steht es zu vermuten – zu jener Zeit in Dresden nicht unbekannt gewesen sein dürfte – eine Mischung aus Ahnung, Verschwiegenheit und latenter Angst. Nicht zuletzt stechen einige lichte Momente literarischer Unmittelbarkeit hervor, bei denen Weisheiten wie kleine Brotkrumen unter den Leserschwarm gestreut werden. So zum Beispiel:
„’Und vergiss nicht’ – Kaltenburg sieht mir scharf in die Augen – ‘vergiss niemals, dass um uns herum’ – er lässt die ausgestreckte Hand unbestimmt über den Hang gleiten – ‘in dem Haus da drüben, oder dort weiter unten, wohin du auch schaust, fortwährend Dinge geschehen, die weit verrückter sind, als alles, was dir je bei mir begegnen wird. Lauter verborgene Abgründe. Bedrohliches. Abscheuliches. Glaub mir. Ich habe schon in manche dieser Abgründe hinabgeblickt. Darum bleibe ich immer ganz gelassen, wenn man mich taxiert. Sollen sie mich für einen Trottel halten, mich kratzt das nicht.’“

kaltenburg

Marcel Beyer: Kaltenburg. Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. 2008, ISBN: 978-3-518-41920-5, 400 S., 19,80 EUR

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