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Robert D. Putnam: Bowling Alone

putnam klein

von Hans W. Giessen

1. Verwaltung, Staatswesen, Gemeinschaftsgefühl und Medien

Robert D. Putnams Buch hat den Titel ”Bowling Alone“; dieser Titel stellt zugleich die Quintessenz seiner These dar. Ganz allgemein geht es um die Frage, wieso sich manche Gesellschaften zu wohlhabenden Gebilden, ,blühenden Gemeinwesen’ entwickeln, und andere nicht. Das Dramatische der Antwort des Autors Robert D. Putnams ist, dass er nicht nur einen Schlüssel erkannt zu haben glaubt, sondern gleichzeitig die Begründung, warum offensichtlich die Grundlage des amerikanischen Wohlstands – langsam, aber stetig – im Schwinden begriffen sei. (Im Übrigen geht Putnam von langfristigen Prozessen aus; eine kurzfristige Wirtschaftskrise hat mit seiner These nichts zu tun).
Für Putnam hängen die wirtschaftliche Entwicklung und der gesellschaftliche Wohlstand einer Region unter anderem und insoweit leicht nachvollziehbar davon ab, wie die jeweilige Verwaltung funktioniert.
Putnam ergänzt diesen Satz mit der weiteren These, dass eine Verwaltung vor allem dann gut funktioniere, wenn sie von einem gewissen Verantwortungsgefühl geprägt sei. Dieses Verantwortungsgefühl entstehe vor allem – oder eigentlich: nur – dann, wenn es überhaupt Gemeinschaften mit einem Gefühl gegenseitiger Verpflichtungen gebe, für die die Verwaltung dann tätig werden könne. Putnams Kernfrage lautet demnach: Wie entsteht ein solches Verantwortungsgefühl und ein darauf fußendes Gemeinwesen, wie kann es gefördert oder gegebenenfalls auch nur bewahrt werden? Die Brisanz der Putnam’schen Argumentationskette liegt darin, dass der Autor dieses Gefühl und die darauf aufbauenden gut funktionierenden Gemeinwesen bedroht sieht, aus strukturellen Gründen.
Putnams eigene Studien begannen in den frühen siebziger Jahren mit Feldforschungen in unterschiedlichen Regionen Italiens. Dort wurde zum damaligen Zeitpunkt eine Verwaltungsreform durchgeführt, deren Ziel eine größere Freiheit der einzelnen Regionen von der bis dahin alleinentscheidenden, übermächtigen Zentralregierung in Rom war. Die zwanzig Regionen des Landes, von Sizilien im Süden bis zum Trentino im Norden, erhielten neue Gesetzgebungskompetenzen – und wurden jetzt natürlich auch verantwortlich für die eigene Entwicklung. Robert D. Putnam fuhr direkt 1970 mit einigen Kollegen nach Italien und untersuchte, wie die neuen Verwaltungen ihre Aufgaben erledigten, wo und warum es zum Aufschwung kam, und weshalb es in manchen Regionen dennoch nicht so recht klappte. Es fiel auf, dass die stagnierenden Regionen allesamt im Süden lagen, während der Norden von der Reform im Grossen und Ganzen recht deutlich profitierte.
Dies mag aus verschiedenen Gründen überraschen. Zunächst war das Lebensniveau im Süden viel niedriger als im Norden. Nun kann eine zumindest relative Wohlstandssteigerung von einem niedrigen Sockel aus leichter bewerkstelligt werden als von hohem Niveau. Dazu kommt, dass die Verwaltungsbeamten des Nordens im Schnitt weniger gut ausgebildet waren als die des Südens. Wieso kam es dann zu dieser verblüffenden Entwicklung?
Durch eine Vielzahl von statistischen Untersuchungen konnte Putnam zeigen, dass sich die Unterschiede bis ins Mittelalter zurückführen lassen, als die Normannen in Süditalien einfielen und eine autoritäre Herrschaft errichteten. Vor allem seien sie bestrebt gewesen, die dort existierenden Dorfgemeinschaften aufzubrechen und weitgehend zu zerstören, damit sich kein Widerstand gegen die fremden Herren entwickeln konnte.
Es ist bemerkenswert, dass die Normannen – auch Wikinger, ein germanisches Volk, das ursprünglich ebenfalls gemeinschaftlich organisiert war und Konflikte im sogenannten Thing oder Allthing gemeinschaftlich löste, dort auch gemeinschaftlich Entscheidungen fällte – die gemeinschaftlichen Strukturen im eroberten Süditalien so radikal auflösten. Allerdings war dies offenbar bereits die Folge anderer und früherer Entwicklungen. Schon im neunten Jahrhundert eroberten Normannengruppen Teile des heutigen Nordwestfrankreich, die noch immer so bezeichnete Normandie. Hier experimentierten sie mit neuen Gesellschaftsstrukturen, die sich im Eroberungskampf als überlegen erwiesen: Die zunächst gleichberechtigten Teilnehmer einer Wikfahrt scharten sich unter der zentralen Herrschaftsgewalt des Normannenherzogs. Verstärkend kam hinzu, dass die Eroberer aus dem Norden ihre Bindungen an die Herkunftsregion verloren. Diese Kombination – ein Eroberungs- und Kriegszustand ohne traditionelle Bindungen – intensivierte den Prozess der Machtzentralisierung. Bei den Normannen gab es nur einen schwachen ,Adel’, wenn er überhaupt so bezeichnet werden kann; und es gab überhaupt kein Lehnswesen. Es gab also keine nennenswerten Strukturen, die sich zwischen die zentrale Macht und den Einzelnen stellen konnten. So konnte der Herzog eine zentrale Verwaltung aufbauen. Dieser Regierungsstil wurde im Übrigen später auch zum Vorbild der Königsherrschaft in Frankreich.
Als die Normannen dann in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts aus der Normandie zu weiteren Eroberungszügen nach Süditalien aufbrachen, hatte sich dieses Herrschaftsmodell bereits durchgesetzt. Umso nachdrücklicher wurde es im neueroberten Territorium eingeführt. Offenbar eignete es sich gut zur Machtsicherung in einem fremden Gebiet. Robert D. Putnam betont, es sei das Bestreben der Normannen gewesen, die Bewohner der süditalienischen Territorien vom Wohlwollen der Herrschaft abhängig zu machen. Gegenseitiges Verantwortungsgefühl und der Stolz auf die eigene Gemeinschaft seien deshalb systematisch unterdrückt worden.
Im Norden dagegen blühten – aus gerade umgekehrten Gründen: weil die Zentralgewalt, das Heilige Römische Reich, so schwach geworden war – autonome Republiken auf, geprägt von engen Gemeinschaften, die ein hohes gegenseitiges Verantwortungsgefühl entwickelt hatten: Zünfte und Gilden und andere Gruppierungen, die, so Putnam, ein Gefühl des Vertrauens aufeinander erwachsen ließen, das es im Süden nie gegeben habe.
Putnam betont wiederholt die ,erstaunliche Konstanz’ des italienischen Nord-Süd-Gegensatzes bis in die Gegenwart hinein. Die Strukturen hätten den Niedergang der bis dahin unabhängigen Republiken des Nordens im siebzehnten Jahrhundert ebenso überstanden wie das Risorgimento des neunzehnten Jahrhunderts. Und so konnte Putnam auch feststellen, dass die wirtschaftlich schwächsten Regionen noch immer exakt dem ehemaligen Herrschaftsgebiet der Normannenkönige im elften und zwölften Jahrhundert entsprachen. Gleichzeitig seien dies noch immer die Regionen mit dem am wenigsten ausgeprägten dörflichen Gemeinschaftsleben. Beispielsweise gebe es hier die wenigsten örtlichen Gesangsvereine oder Fußballclubs.
Aufgrund dieser Beobachtungen gelangte Robert D. Putnam zur Überzeugung, dass die Qualität der Verwaltung kaum vom Bildungsgrad der Verwaltungsbeamten abhänge, sondern vor allem vom jeweils vorherrschenden Gemeinschaftsgefühl. Da dieses im Norden ausgeprägter gewesen sei, wurde dort die Verwaltungsreform zur Erfolgsgeschichte, im Gegensatz zum Süden, wo es aufgrund der jahrhundertlangen Ausbeutung noch immer zuviel Misstrauen gebe. So schrieb der Amerikaner als Ergebnis seiner Italien-Studie etwas pointiert, dass eine gute Verwaltung ein Nebenprodukt von örtlichen Gesangsvereinen und Fußballclubs sei: Wo diese Gemeinschaften bedeutsam seien, entwickle sich ein allgemeines Gemeinschaftsempfinden, von dem dann die gesamte Region profitiere.
Wenn diese These Putnams zutreffend sein sollte, dann wird auch verständlich, warum er nach der Rückkehr in sein Heimatland so alarmiert war. Dort musste er nämlich feststellen, dass die zahllosen traditionellen Gemeinschaften – ein Erbe aus der Zeit, als das weite Land erobert wurde und jeder auf den anderen angewiesen war – in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts dramatisch schwächer geworden waren. Robert D. Putnam präsentiert eindeutige Zahlen: Das Vertrauen in Regierungen, sei es auf der nationalen, sei es auf der lokalen Ebene, werde immer geringer, und immer weniger Bürger engagierten sich für ihr Gemeinwesen. Die Anzahl der Kirchgänger habe ebenso abgenommen wie die der Gewerkschaftsmitglieder. Die Mitgliedschaft bei den Pfadfindern, einer traditionell wichtigen Gemeinschaft in Amerika, werde immer schwächer, auch beim Roten Kreuz oder bei den Frauenverbänden. Insgesamt sei das Engagement in solch freiwilligen Gemeinschaften etwa in den fünfzehn Jahren von 1974 bis 1989 im statistischen Schnitt um ein Sechstel gesunken. Selbst das Kegeln in Verbänden und Vereinen werde immer weniger populär, obgleich es sich doch um eine der charakteristischsten amerikanischen Freizeitaktivitäten handele: Zwischen 1980 und 1993 habe es einen Rückgang um sage und schreibe 40 Prozent gegeben!
Bedeutet der Kegelclub für Nordamerika das, was der Fußballverein für Italien ist? Sicherlich, auf der ,kulturellen Ebene’ gibt es enorme Unterschiede; kaum zwei Ballspiele dürften einander unähnlicher sein. Aber Robert Putnam vergleicht ja nicht die Spiele, sondern nimmt sie in ihrer Funktion für die Gesellschaft war, als Ausdruck durchaus vergleichbarer Strukturen. Und daher reagiert er besorgt. – Im Gegensatz zum Fußball kann Bowling im übrigen ja auch alleine gespielt werden, und in der Tat hat die Anzahl der Kegler, die nun ganz alleine ihren Sport ausübten, ohne irgendeinen Verein, dem sie angehörten, im selben Zeitraum um zehn Prozent zugenommen – für Putnam ein weiteres Indiz seiner These (und aus dieser Beobachtung leitet er auch den Titel seines Buches ab: “Bowling Alone“). So formuliert er noch recht allgemein, dass offenbar auch in Amerika das Bedürfnis wachse, das Privatleben selbstbestimmt und frei von Zwängen welcher Gemeinschaft auch immer zu gestalten.
Was mögen die Gründe für diese Entwicklung sein? Robert Putnam bestätigt, dass es ausgesprochen viele Ursachen geben könne. Er nennt etwa die zunehmende Mobilität, die traditionelle Bindungen schwäche. Wichtig sei zudem die Tatsache, dass nun auch Frauen immer stärker ins Berufsleben strömen, weil dies ebenso Zeit und Energie koste. Schließlich sei die Bevölkerungsentwicklung mit der Zunahme der Alten ein Problem. Aber am Bedeutsamsten sei die technische Entwicklung und insbesondere das Fernsehen. Darauf deute bereits ganz simpel die enorme Zeit, die dafür aufgewandt werde – mehr als vierzig Prozent der Freizeit eines amerikanischen Durchschnittsbürgers. Das Fernsehen befriedige viele Bedürfnisse der Bürger, aber, so Putnam, eben auf Kosten der Gemeinschaft. Deren Unterhaltungswert sei halt auch geringer, merkt er an. Einen entscheidenden Hinweis sieht er in verschiedenen statistischen Daten – vor allem in der Tatsache, dass Menschen, die täglich viele Stunden fernsehen, deutlich seltener Vereinsmitglieder seien als Wenigseher, sich deutlich seltener für andere engagierten und überhaupt deutlich seltener ihr Heim verließen. Auch diese Zahlen sind im Lauf der Jahrzehnte gewachsen und ausgeprägter geworden, bereits schwach seit den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und seit den siebziger Jahren immer deutlicher. Inzwischen haben Sendervermehrungen, Breitbandverkabelung und vor allem der Computer das Problem noch verstärkt.

2. Eine kurze Anmerkung zu Putnams Ansatz

Nun sind die Vereinigten Staaten das ,Mutterland’ des Fernsehkonsums, bereits seit den fünfziger Jahren. Die aktive Bevölkerung ist also bereits mit dem Fernsehapparat aufgewachsen – mehr noch: ihre Elterngeneration war die erste Fernsehgeneration; man könne also auch nicht sagen, dass sich eventuell noch die Erziehung auswirke, die die Eltern den Kindern angedeihen ließen. Inzwischen präge das Fernsehen bereits die Kindeskinder der ersten Zuschauer.
Dennoch hat in dieser Zeit der Wohlstand in den USA noch (wenngleich sehr asymmetrisch, aber Asymmetrien gab es hier schon lange) zugenommen, und ist nicht etwa geringer geworden. Insofern sind die Befürchtungen Robert D. Putnams offenbar zumindest übertrieben, und in der Tat lädt diese Beobachtung dazu ein, nach den Schwachstellen der Putnam’schen Theorie zu suchen. Das Problem ist offenbar, dass er zwar für Italien eine augenfällige Parallele zwischen gesellschaftlichem Engagement und der Effizienz der Verwaltung belegen kann, aber keinen Wirkungszusammenhang. Für Amerika kann Putnam Parallelen zwischen Fernsehkonsum und Abnahme des gesellschaftlichen Engagements empirisch-statistisch belegten, aber nicht, dass die Verwaltung darunter leide, und auch keine anderen Konsequenzen. Die italienischen Wirkungszusammenhänge gelten demnach nicht notwendigerweise auch für andere Kulturkreise, und für die Entwicklungen von Gemeinwesen gibt es auch andere, ebenso plausible Erklärungsversuche. So hat beispielsweise Max Weber mit seinem Konzept einer ,protestantischen Ethik’ ein mindestens ebenso überzeugendes Erklärungsmodell für den Wohlstand in Europa und Amerika aufgestellt.
Max Weber hatte in Nordamerika und Europa, insbesondere im Verlauf eines Vergleichs innerhalb Deutschlands, aber auch bezüglich der Unterschiede zwischen England und den lateinisch-katholischen Ländern beobachtet, dass es einen Zusammenhang zwischen der Religionszugehörigkeit und dem Wirtschaftsverhalten sowie dem allgemeinen Wohlstand gibt. Weber konnte dank aufwändiger Kulturanalysen die Ursache plausibel erklären; der Grund für den unterschiedlichen Wohlstand liege demnach nicht in unterschiedliche Strukturen, sondern in unterschiedlichen Lebenseinstellungen – also in kulturellen Faktoren. Insbesondere der die protestantische Strömung des Calvinismus verurteile das Ausruhen. Dort gelte sogar der Besitz als unethisch, wenn er nicht genutzt werde, um damit zu arbeiten, um also neue Werte zu schaffen. Dies wiederum begünstige die von einem solchen Leitgedanken getragenen Gesellschaften. Die Arbeitstugenden und die immer höhere Kapitalbildung hätten weitere technische Entwicklungen und letztlich immer mehr Wohlstand ermöglicht – unabhängig von Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühlen; sie bedürfen ihrer nicht.
Das Konzept der ,protestantischen Ethik’ widerspricht den italienischen Befunden Robert D. Putnams nicht, auch nicht den Aussagen hinsichtlich des Gemeinschaftslebens in Amerika, denn es ist auf einer anderen Ebene angesiedelt – aber es relativiert beispielsweise die von Putnam in düsteren Farben gemalten Bedrohungen unseres gesellschaftlichen Wohlstands. Im Übrigen ist auch diesem Modell sicherlich kein alleiniger Erklärungsanspruch zuzubilligen, wie nicht zuletzt das Beispiel der traditionell katholischen Länder Bayern oder Luxembourg zeigt, die (dennoch?) zu den wohlhabendsten Ländern Deutschlands beziehungsweise der EU aufgestiegen sind. So bleibt als Quintessenz, dass es wohl keine monokausale Erklärung gibt; und dass noch nicht einmal alle in einem kulturellen Kontext plausiblen Erklärungen Allgemeinverbindlichkeitsanspruch geltend machen können.

R. D. Putnam, Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community. New York 2000
R. D. Putnam, with R. Leonardi and R. Y. Nanetti, Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy. Princeton, New Jersey 1992
M. Weber, Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Band 20, 1904, Band 21, 1905

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Laurent Jullier: Star Wars. Anatomie einer Saga

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von Bastian Buchtaleck

Zweifelsfrei: die Star-Wars-Saga hat sich in allen Punkten, d.h. Erzählung, Vermarktung und Publikumserfolg zu einem modernen Mythos entwickelt. Bekannt ist auch, dass sich ihr Schöpfer George Lucas bei der Konzeption von den Erzählstrukturen klassischer Mythen hat inspirieren lassen. Der französische Filmwissenschaftler Laurent Jullier hat 2007 mit dem Buch „Star Wars“ eine neue, wissenschaftsnahe „Anatomie einer Saga“ vorgelegt. Auf 344 Seiten nähert er sich dem Thema, ohne ihm wirklich nah zu kommen.
In der Einleitung des Buchs warnt Jullier vor der Betriebsblindheit wissenschaftlicher und feuilletonistischer Emsigkeit. „Denn vor allem von ihnen [den Forschern und Journalisten] werden die Konzepte und Ideologien herangetragen, von denen erwartet wird, dass sie sich im Werk selbst befinden“. Heißt: man interpretiert nicht seinen Gegenstand, sondern redet in dessen Namen über die eigenen Interessen. Dass der Autor im Verlauf des Buchs mehrfach ausgerechnet selbst in diese Falle tappt, ist mehr als ärgerlich. Aber Jullier trifft auch die begrüßenswerte Unterscheidung zwischen einer internen und einer externen Analyse des Erkenntnisgegenstandes. Die interne Analyse zeichnet sich dadurch aus, dass sie in „der Welt des Films bleibt und Wiederholungen, Antinomien und Symmetrien ausfindig macht. Man nimmt Maß, man verzeichnet technische Details“. Die externe Analyse dagegen beleuchtet die Verbindungen zwischen Film und Realität, Saga und Welt – sie ist das, was man einen kulturwissenschaftlichen Ansatz nennt.
Entsprechend der getroffenen Unterscheidung beginnt Jullier mit einer Analyse der formalen Struktur der Filme. Hierbei ist es allerdings schwer, der Argumentation zu folgen, da ausschließlich Zahlenreihen durchdekliniert werden. Der Zusammenhang zur inhaltlichen bzw. narrativen Ebene wird nicht hergestellt – etwas, was nicht nur möglich, sondern auch angebracht wäre. Insgesamt ist die interne Analyse zwar schlüssig, aber in ihrer Argumentation nicht zwingend und inhaltlich wenig aufschlussreich. Zumindest aber der Vergleich zwischen dem Pod-Race in „Star Wars Ep. 1“ und dem Wagenrennen in dem Film „Ben Hur“ mit Charlton Heston stellt ein gelungenes Stück Wissenschaft dar.
Diese gelungenen Stücke bleiben jedoch viel zu vereinzelt, da sich der Autor gerade im zweiten Teil seiner Arbeit – der externen Analyse – darauf verlegt, die Arbeiten anderer Interpreten auf ihre Schwächen hin abzuklopfen. Mehr noch, oftmals wirkt es geradezu zwanghaft, wie sich Jullier gegen andere Interpretationen stellt und spätestens, wenn er an der Verbindung der Begriffe „High Concept“ und „Star Wars“ mäkelt, wird seine Masche zur Macke.
Über weite Passagen ist das Buch in einem schnoddrigen Stil und dozentenhaften Tonfall geschrieben, der in Deutschland für wissenschaftliche Arbeiten sehr untypisch ist. Zudem wechselt das Buch phasenweise in den Modus der Ironie, der kaum von ernst gemeinten Aussagen zu unterscheiden ist.
Letztlich entspricht Julliers „Anatomie einer Saga“ weder sprachlich, analytisch oder inhaltlich dem, was man von einem wissenschaftlichen Werk erwarten darf. So richtig die prinzipielle Forderung nach einer Interpretation ist, die erst nah am Werk bleibt und sich dann für die Verbindung von Werk und Welt hin öffnet; so sehr steht der Verdacht nah, dass Jullier seinen Gegenstand wegen der popkulturellen Bedeutung und der großen Menge an vorhandenen Paratexten gewählt hat, um daran redselig seine Sicht auf die Welt abzuarbeiten. Von einer textnahen Interpretation jedenfalls kann kaum mehr die Rede sein. Insofern eignet sich dieses Buch nur für hart gesottene Fans der Star-Wars-Saga oder als ein Blick auf die Wirren des Wissenschaftsbetriebs.

Jullier, Laurent: Star Wars. Anatomie einer Saga, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2007, 344 Seiten, ISBN 978-3896695574, 24.90 Euro

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JÖRG JURETZKA: Alles total groovy hier

Von Patrick Ewald

Jörg Juretzka: Alles total groovy hier, Rotbuch Verlag, Berlin 2009, 16,90€, ISBN 978-3867890649

Die ersten Worte scheinen einem Dalí-Bild entsprungen: ein schroffes, felsiges Küstenterrain, darin dorniges Gestrüpp und Baumleichen, skelettdürre Pferde und verbrannte staubige Weiden. Inmitten dieser Einöde, die „Küste des Lichts“ genannt wird, jagt eine Meute mit Steinen bewaffneter halbstarker Zigeuner einen brennenden Hund durch die endlose Agrarwüste Süd-Spaniens. Die furios beginnende Geschichte versandet jedoch bald in einer sich erst zum Ende wieder ins Furiose steigernden Kriminalgeschichte um das Verschwinden des Mitglieds einer Motorradgang.
Schisser, Anführer der Motorradgang „Stormfuckers“, ist mit hundertachtzigtausend Euro im Tank seiner Buell in den Süden gebrettert, um dort ein Kiffer-Paradies, die Stormfuckers Ranch, zu gründen. Doch seit einiger Zeit gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Also macht sich Gangmitglied und Privatdetektiv Kristof Kryszinski, zusammen mit seinem etwas begriffsstutzigen Kumpan Scuzzi auf ins ferne Spanien, um seinen Verbleib zu klären. Es verschlägt sie in die „Paradise Lodge“, einen von deutschen Hippies geleiteten Campingplatz. Sie wären wohl nur Randnotiz geblieben, hätte Kristof dort nicht erste Anzeichen für Schissers Verbleib entdeckt: einen Stummel der von ihm bevorzugten, mit Maisblättchen selbstgedrehten Zigaretten. Bei seinen Nachforschungen kann er jedoch kaum auf Unterstützung hoffen: Die Campbetreiber um den Anführer Leroy verstoßen ihn, die örtliche Polizei ist ein korrupter Haufen, und seinen Freund Scuzzi hat er gleich am ersten Tag an die Hippies verloren.
In der Folge entwickelt sich die Handlung mit erfreulich unvorhersehbaren Verstrickungen, vielen kleinen Details, die dem Leser beiläufig untergeschummelt werden, und einem derben, aber amüsanten Humor, der stets zwischen Gossenjargon und intelligenter Ironie alterniert. Beinah glaubt man, mit Juretzkas neuestem Streich das Buch eines Stand-Up-Artists zu lesen. Fesselnd beschreibt er alles, was ein primetimeverdächtiges Comedy-Abendprogramm ausmachen würde: amouröse Bettgeschichten, Szenen auf hoher See und actiongeladene Konflikte mit den Zigeunern und der örtlichen Polizei.
Bei all diesen Nebenschauplätzen hätte man den Grund der Reise Kristofs beinah vergessen. Ein Verdienst des erzählerischen Talents Juretzkas, der bewusst den Blick des Lesers auf vermeintliche Nebensächlichkeiten lenkt und diese in der Auflösung zu einem fulminanten und überraschenden Ende verknüpft: Schisser tauscht zwar im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr auf, doch auf dem Meeresgrund aller Tatsachen angekommen, bietet sich eine überraschende wie abstoßende Erklärung für alle Strapazen. Es erwartet den Leser ein actiongeladenes, furioses Ende, das ein Genrefilm nicht besser hätte bieten können.

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