Entries Tagged as ''

Troja – ein Mythos wird entkernt

Wolfgang Petersen hat in seinem Streifen alles eliminiert, was den Stoff interessant macht.

Troja18

Troja, USA 2004. 165 Min. Regie und Produktion: Wolfgang Petersen. Kamera: Roger Pratt. Buch: David Banioff. Musik: James Horner, Darsteller: Brad Pitt, Diane Krüger, Orlando Bloom, Eric Bana, Peter O’Toole, Sean Bean, u.a. 2 DVD, Warner Home Video, 19,99 €

Es gibt Stoffe, die kehren mit schöner Regelmäßigkeit in den kulturindustriellen Verwertungskreislauf zurück, der immer wieder die gleichen Geschichten remediatisiert, sie zu neuen Clustern und Produktzyklen zusammenstellt. Dabei verändert sich der Stoff bei jeder Bearbeitung und sagt weniger etwas mittels seiner schon hinreichend erzählten Story aus, sondern vielmehr durch die Art und Weise eben jener Bearbeitung.

Troja-Cluster mit Brad Pitt und Wolfgang Petersen

Wolfgang Petersens Verfilmung des Troja-Stoffes mit Brad Pitt in der Rolle des Achill ist eines der herausragenden Ereignisse des neuen Troja-Clusters vor allem auf Grund der öffentlichen Aufmerksamkeit, die dem Film zu Teil wurde. Die Art und Weise der Petersen-Inszenierung erzählt dabei eine Geschichte der mythologischen Entkernung: die Debatte der Götter, die sich in Homers Epos immer wieder in das Geschehen einmischten, wurden ebenso aus dem von Petersen linear und eindimensional konstruierten Handlungsstrang eliminiert, wie die rund 10 jährige Belagerung von Troja oder gar die homophilen Neigungen des Helden Achill, mit denen ein Star wie Brad Pitt sich beim amerikanischen Publikum offenbar nicht den Ruf „ruinieren“ wollte.

Industrielle Verwertung

Sogar Mike Hillenbrand von der amazon.de-Redaktion, dem industriellen Verwerter der seit dem 17.09.04 erhältlichen DVD/VHS – Version, fällt auf: “Hollywood-Star und ‘sexiest man alive’ Brad Pitt dreht immer mal wieder Filme, in denen er seinen gelungenen Körper seinen weiblichen Fans präsentieren darf. Mit Troja legt er einen der besseren Streifen aus dieser Kategorie vor. Das Epos lebt hauptsächlich von seiner und Eric Banas Ausstrahlung, der Achills Widersacher Hektor spielt. Während die meisten anderen ihrer Kollegen gegen die aufwendig inszenierten Bilder und Special Effects hoffnungslos unterliegen (einzig wirklich erwähnenswerte Ausnahme ist hier Priamos-Darsteller Peter O’Toole), können Pitt und Bana dem opulent ausgestatteten Drama ihren Stempel aufdrücken. An ihnen liegt es sicher nicht, dass trotz aller Bildgewalt ein etwas schaler Beigeschmack nach dem Filmgenuss bleibt.”

Reduktion des Stoffes

Und sogar den Zuschauern fallen offensichtliche Schnitzer auf; so schreibt etwa Philipp Weinreuter als Rezensent für amazon.de: “Fangen wir also kurz und knapp mit einigen wesentlichen Inhalten an die fehlen, bzw. falsch sind:

* die Götter, der Apfel der Zwietracht werden ausgeklammert, keine Athene, keine Hera, keine Aphrodite, keine Heirat von Pelus und Thetis, kein Apollon usw.
* 10 Jahre Belagerung werden unterschlagen,
* Menelaos wird völlig unnötiger Weise von Hektor erstochen,
* Agamemmnon wird von Brisis erstochen,
* Ajax kommt viel zu kurz und wird auch von Hektor besiegt,
* auf griechischer Seite fehlen Dimomedes, Philoktetes und Neoptolemos gänzlich,
* Änäas komm auf trojanischer Seite viel zu kurz.”

Dabei ist ein Vergleich von literarischer Vorlage und filmischer Umsetzung mit Vorsicht zu genießen. Veränderungen sind häufig notwendig oder unumgänglich. Doch es fragt sich, wohin die Modifikationen führen sollen?

Internationales Popcorn-Kino

Bei Petersen kommt jedenfalls eine Troja-Geschichte heraus, die wie geschaffen ist fürs internationale Popcorn-Kino, nach gängigen Drehbuchrezepten angerichtet, frei von komplexen Zusatzstoffen, gewürzt mit hinreichend bekannten Stars (oder solchen, die es werden wollen wie Diane Kruger) und garniert mit durchaus beeindruckenden special effects, die die Kosten für das visuell aufgemotzte Schlachtengetümmel weiter in die Höhe treiben und damit auch die Budgets, an denen künftige Filme sich zu orientieren haben, wenn sie dem Zuschauer einfach nur eine gute Geschichte erzählen wollen.

Thomas Weber

Bestellen!

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)

Noekk: The Water Sprite

Noekk: The Water Sprite

Es ist nun längst kein Geheimnis mehr, dass hinter den Noekk-Musikern Baldachin und Yugoth die Herren Helm und Schwadorf stecken, die zusammen das letzte Empyrium-Album einspielten. Ähnlich wie auch das andere Nachfolge-Projekt The Vision Bleak einen eigenen Charakter besitzt, knüpft Noekk nicht genau dort an, wo einst die Legende, die den Spagat zwischen anspruchsvollen Black Metal und Neofolk vollzog, aufhörte. Der Sage nach handelt es sich bei Noekk um ein Wesen, das sowohl Frauen wie Männer betörte und anschließend in den Abgrund riss. Auch bei „The Water Sprite“ fühlt sich der Hörer gefangen genommen, wenn er den sieben, stark prog-rock beeinflussten Stücken eine Chance gibt. Prog-Rock? Richtig! Die beiden Musiker orientieren sich an dem 70er Jahre Art-Rock, arbeiten mit Orgeln, verleugnen jedoch nie ihre Metal-Wurzeln, was sich gerade bei den Arrangements der schnelleren Songs in den Vordergrund tritt. Also, keine Sorge. Es handelt sich um alles andere als laschen Retro-Rock, sondern um sieben pfiffige Komposition, die einerseits durch ihre Kraft (auch in den langsamen Parts!) und die immer wieder auftretende Unvorhersehbarkeit gewinnen. Man soll nicht immer den beigelegten Pressetexten Glauben schenken, aber wenn Baldachin den fehlenden Probenprozess betont, möchte man nur nicken. Denn die mitreißende Spontaneität macht zweifelsohne den Charme dieser wirklich starken Platte aus, die mit „How Fortunate The Man With None“ auch über eine exzellente Dead-Can-Dance-Coverversion verfügt.
Ronald Klein

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)

GAE BOLG: Aucassin Et Nicolette

Gae Bolg: Aucassin et Nicolette

Bei “Aucassin et Nicolette, Chantefable” aus dem Jahr 1225 handelt es sich um das erste Prosimetron (Mischung aus Prosa- und Versen) der französischen Literatur. Der namentlich nicht bekannte, pikardisch schreibende Autor erzählt in 21 Vers- und 20 Prosapassagen mit feiner Ironie die Geschichte des Grafensohnes Aucassin und der schönen Sklavin Nicolette, die sich gegen den Willen des Grafen lieben und erst nach allerlei Schwierigkeiten und Abenteuern endlich heiraten dürfen.
Das Werk enthält Anlehnungen an den hellenistischen Liebes- und Schicksalsroman à la Heliodor, die Chanson de Geste, die höfische Lyrik, den höfischen Roman und den damals neuen Prosa-Ritterroman.

Kaum verwunderlich, dass dieses Album des französischen Musikers Eric Roger (Mitglied bei Sol Invictus) alles andere als Pop-Musik darstellen kann. Sehr stark mittelalterlich beeinflusst und authentisch arrangiert, erzählen die 15 Perlen von Schlachtgetümmel, sagenhaften Abenteuern und der phantastischen Liebesgeschichte. Wer sich auf Musik einlässt, die nichts mit den Mittelalter-Crossover-Bands gemein hat, erlebt eine aufregende Reise, die nach 48 Minuten mit dem Drücken der Repeat-Taste auf dem CD-Player zum ersten Mal endet, um dann sofort erneut zu beginnen.
Ronald Klein

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)

Festival der Geisteskranken. „Der satanische Surfer“

F.D.G.: „Der Satanische Surfer”, 24. März 2006, Grafenwald (Soulfood Music).

Vor fast zehn Jahren feierte das Projekt von DJ Demian (Ex-Soko Friedhof) mit „Burn, Manson, Burn“ sein Debüt. Zumindest als literarische Figur trat danach Demian in David Lines kongenialen Roman „Schwarze Messe“ auf. Die literarische Brücke schlägt auch der Albumtitel, der sich auf eine Kurzgeschichte Demians aus seiner Teenager-Zeit bezieht. In einer von einem Virus geplagten Welt haben nur die Gegensätze überlebt: Die Mörder und die Sklaven, die Huren und Heuchler. Alle Elemente des Splatter-Film sind auf der CD enthalten. Wie im Film-Genre bilden die Extrem-Darstellungen nur eine Schablone zur Interpretation der Wirklichkeit. Musikalisch geht es angenehm heftig zu. Gleich der Opener „Trail of Blood“ begeistert mit bös verzerrter Stimme, finsteren Samples und einen treibenden Beat. Mit „Kill My Baby“ befindet sich ein schaurig-schöner Ohrwurm auf der Scheibe, der entfernt an die melancholische Seite Soko Friedhofs erinnert. „Go Go Chick“ hingegen swingt regelrecht, während „Virus“ selbst Wumpscut alt aussehen lässt. „Black Hole“ wiederum geht als schwermütige, aber originell arrangierte Rock-Ballade durch. Letztlich verhält es sich mit allen 16 Tracks des Konzept-Albums ähnlich: Jedes einzelne Stück steht musikalisch für sich, fügt sich beim Durchhören aber wunderbar ins Gesamtkonzept, das Wiederholungen auslässt. Man merkt Demian die Liebe zu den Klängen an, denn nicht nur Komposition und Arrangement nehmen auch dem x-ten Durchlauf gefangen – ebenso harmonisch betten sich die Samples in die Songstrukturen. Echter Tipp für aufgeschlossene Ohren!
Ronald Klein

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)

Noekk „The Grimalkin“

Von Ronald Klein

Noekk: „The Grimalkin,Ltd.”, 19. Mai 2006, Prophecy (Soulfood Music)

Bereits das letztjährige Debüt-Album „The Water Sprite” bewies, dass die talentierte Zwei-Mann-Band nicht nur die Möglichkeiten des Prog-Rock-Genres auszuschöpfen mochte, sondern gegebenenfalls auch sprengte. Mit Spannung wurde der Nachfolger erwartet, der zwar nur drei Songs enthält, die aber alle im zweistelligen Minutenbereich liegen. Der Opener „The Albatross“ weiß mit einem furiosen Spannungsbogen zu begeistern. Ruhige Passagen treffen auf pure Dramatik. Ebenso intelligent arrangiert überzeugt mit „The Grimalkin“ der Titelsong des Albums. Das 20-minütige „Codex Deserta“ hingegen klingt anfangs nach wahrem Doom, entwickelt sich nach und nach zu einem verspielt-epischen Track. Je öfter das Album im CD-Player rotiert, um so mehr eröffnet sich die Klangwelt Noekks. Die vielen Details eröffnen sich nach und nach, was lang anhaltenden Hörgenuss garantiert. Überhaupt hat man das Gefühl, das Duo hat alles richtig gemacht. Die Vielfalt der Einflüsse (Doom, Folk, Hard Rock) trifft auf eine sympathische Aufnahmetechnik: verwendet wurden ausschließlich die stimmlichen First-Takes, was den anti-septischen Klang vieler Prog-Rock-Kapellen vermeidet. Empfehlenswert!

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)