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Gedächtnismedium Film: Holocaust und Kollaboration in deutschen und französischen Spielfilmen seit 1945

von Victor Nono

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Vatter, Christoph: Gedächtnismedium Film: Holocaust und Kollaboration in deutschen und französischen Spielfilmen seit 1945. Würzburg 2009 (Königshausen & Neumann) Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft, Bd. 42
Einzelpreis 44,00 EUR, Seiten 349, ISBN 978-3-8260-3892-1

Ausgehend von den Arbeiten von Harald Welzer wendet sich Christoph Vatter einem in den letzten Jahren gewachsenen Interesse an der Mediatisierung von Erinnerung, insbesondere an den Holocaust und den Nationalsozialismus zu. Anders als Welzer interessiert er sich jedoch weniger für die Rückwirkung der filmischen Darstellung auf die Zeitzeugen als vielmehr auf den Beitrag von filmischen Darstellungen für die Diskursgeschichte des Dritten Reiches bzw. Frankreichs unter deutscher Besatzung. “Medien können nach dieser Auffassung ein Erinnerungsangebot darstellen“, schreibt Vatter,  „das – wenn es entsprechend breit rezipiert wird – zum Kommunikationsanlass werden und in einer bestehende Erinnerungskultur integriert werden kann. Das Zusammenspiel mehrerer Medien, d.h. die transmediale Darstellung eines Ereignisses oder Themas, könnte – in Analogie zu kognitiven Lerntheorien – zu einer tieferen Verarbeitung und damit auch zu produktiven Aneignungsprozessen der Rezipienten beitragen [...] Die Erinnerungskultur einer Gesellschaft umfasst demnach nicht nur das erinnerte historische Geschehen, sondern auch die Summe all seiner medialer Verarbeitungen, die Gegenstand gesellschaftlicher Kommunikation waren und sind.” (S. 37)

Diese an aktuelle Forschungsdiskussionen anknüpfende Reflexion ist für Vatter Anlass, sich der Bedeutung filmischer Darstellungen für die Erinnerungskulturen in Frankreich und Deutschland zuzuwenden. Dabei gelingt ihm zunächst eine kleine Miniatur: die knappe und übersichtliche Zusammenfassung der wesentlichen Etappen deutscher und französischer Diskurse im Vergleich, die tatsächlich einen wertvollen Überblick gerade der in Deutschland wenig bekannten französischen Entwicklungen bietet.

Das Hauptaugenmerk von Vatters Arbeit liegt indes auf der Beobachtung der filmischen Entwicklung, die mit eindrucksvollen Analysen glänzt. Dabei wählt Vatter jeweils exemplarisch für eine historische Phase Filme aus, die in besonderem Maße die Debatte prägten: Angefangen bei René Clement, Wolfgang Staudte, Helmut Käutner, Julien Duvivier, Kurt Hoffmann und Claude Berri bis hin zu Louis Malle, Rainer Werner Fassbinder, Gérard Jugnot und Roland Suso Richter reicht eine breite Palette hochkarätiger Filmemacher, die die Entwicklung bis 2002 verfolgt.  Auch wenn sich die Systematik der Auswahl der Filme nicht immer erschließt, überzeugen die Einzelanalysen durch die pointierten Analysen, die filmanalytische und diskursanalytische Ergebnisse miteinander in Verbindung setzen.  Vatters Buch bietet damit erstmals einen vergleichenden Überblick über die „Filmgeschichte des Diskurses“ über Holocaust und Nationalsozialismus in Deutschland und Frankreich.

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Geschichte – Erinnerungen – Ästhetik

von Victor Nono

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Dickhaut, Kirsten; Wodianka, Stephanie (Hrsg.): Geschichte Erinnerung – Ästhetik. Tübingen 2010, 78,00 EUR, ISBN 978-3-8233-6441-2

Dass Erinnerungskultur schon immer schon durch Medien geprägt war und ist, hat sich in der Forschung der letzten Jahren mehr als durchgesetzt. In dieser Linie, die Medien der Erinnerungskultur zu beschreiben, liegt auch eine der neuesten Publikationen, der von Kirsten Dickhaut und Stephanie Wodianka herausgegebene Band Geschichte – Erinnerung – Ästhetik, der sich der Beziehung zwischen diesen drei Begriffen widmet, wobei vor allem auf die Figur der Medialität referiert wird, die sich auf die von den Autorinnen gebrauchten Chiffre des „Ästhetischen“ verkürzt. So wird die Idee der Geschichte selbst als etwas Kontextabhängiges erfahren, als etwas, dass nach dem jeweiligen Stand der Ästhetik in einem „spezifischen kulturhistorischen Kontext wie ‚Geschichte‘ erinnert wird“ (Dichhaut/Wodianka 2010, S. XVII). Medienerfahrungen zeigen sich ferner in der Form der Ästhetik oder der Ästhetisierung von Geschichte. „In einer generelleren Hinsicht begründet die Historizität von Formen und Konzepten des Ästhetischen aber auch ein stets kulturhistorisch zu verortendes Verhältnis zwischen ästhetischer Präformierung von Geschichtswahrnehmung und Ästhetisierung von Geschichte“, heißt es bei den Autorinnen. Und schließlich könne Ästhetik die Deutung von Geschichte verändern oder selbst in Geschichte eingreife oder – als Medienereignis – „selbst zum erinnerungswürdigen Ereignis werden“ (Dickhaut/Wodianka, S. XVIII). Die in dem Band visierte Medialität konzentriert sich auf das Spannungsfeld zwischen Geschichtsschreibung (Nora, Bloch, etc.) und Literatur mit einem klarem Schwerpunkt auf romanische Autoren. Dabei versucht das Projekt Brücken zu schlagen zwischen Geschichtswissenschaft, Erinnerungsforschung und Literaturwissenschaft – so der disziplinäre Leitfaden. Leider fehlt es – nimmt man Ansgar Nünnings Beitrag zu theoretischen Modellen literarischer Geschichtsschreibung einmal aus – weitgehend an konzeptionellen Reflexionen, die den Anspruch hätten, modellbildend das Verhältnis von Geschichte, Erinnerung und Ästhetik zu skizzieren und dabei auch deren Medialität zu berücksichtigen, gerade auch weil der Band mehrere Jahrhunderte – vom Mittelalter bis in die Gegenwart – umfasst. Gelungen ist dem Werk hingegen eine eindrucksvolle Sammlung qualitativ hochwertiger Einzelbeiträge, die sich mit vielfältigen (vor allem für Romanisten interessanten) Phänomenen der Geschichtsschreibung und der Literaturgeschichte beschäftigen, die unter dem Aspekt der Gedächtnis- und Erinnerungsproblematik gegen den Strich gelesen wurden.

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Gedächtnis und Erinnerung: Ein interdisziplinäres Handbuch

von Victor Nono

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Gudehus, Christian; Eichenberg, Ariane; Welzer, Harald (Hrsg.): Gedächtnis und Erinnerung: Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2010 (Metzler), ISBN: 978-3-476-02259-2 Pick It! , 364 Seiten, 49,95 EUR

In den letzten Jahren hat sich das Interesse am Diskurs über Gedächtnis und Erinnerung deutlich verstärkt, zum einen, weil Zeitzeugen für zentrale Ereignisse des 20. Jahrhunderts wie den Holocaust, den Nationalsozialismus und den 2. Weltkrieg aus Altersgründen kaum mehr zur Verfügung stehen oder weil die historischen Ereignisse wie die Auflösung der Ost-West-Gegensätze selbst neue Formen der Erinnerungskultur provozieren, und zum anderen weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder Diskurse der unterschiedlichsten Disziplinen differenziertere Analysen als je zuvor ermöglichen.

Bei der großen Anzahl der Veröffentlichungen der letzten Zeit ist es schwierig, den Überblick über einige der grundlegenden Eckpunkte zu behalten, auf die die Diskurse sich immer wieder beziehen.

Das von Christian Gudehus, Ariane Eichenberg und Harald Welzer herausgegebene interdisziplinäre Handbuch zu Gedächtnis und Erinnerung fasst wesentliche Aspekte der Debatte der letzten Jahre über Gedächtnis und Erinnerungskultur zusammen, spiegelt damit durchaus den aktuellen Forschungsstand und leistet vor allem Orientierung in diesem z.T. etwas unübersichtlichen Feld.

Die von den Herausgebern koordinierte Arbeit zahlreicher weiterer Autoren strukturiert das Feld nach vier Aspekten: 1. Es werden zunächst die neurobiologischen und psychologischen Grundlagen von Gedächtnis erörtert um 2. vor allem in Sozial- und Kulturwissenschaften etablierte Vorstellungen von autobiographischem, kollektivem, kulturellem, kommunikativem und sozialem Gedächtnis zu erläutern. Den 3. Punkt bilden die Medien des Erinnerns, die, nach unterschiedlichen Medien von Schrift, Architektur, Literatur, Film und Fernsehen usw. gegliedert, Formen des Erinnerns nachspüren, um dann 4. die unterschiedlichen Schwerpunkte der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung verschiedener Disziplinen von der Geschichtswissenschaft bis hin zur Geschlechterforschung herauszustellen.

Auch wenn die einzelnen Artikel dabei unverbunden bleiben und nicht aufeinander reagieren, ja oft konträre oder abweichende Vorstellungen im Verständnis von Gedächtnis und Erinnerung zeigen, ist doch eine eindrucksvolle Übersicht entstanden, die dem Anspruch eines Nachschlagewerks durchaus gerecht wird. Es erkundet dabei weniger neue Positionen (etwa zur in den letzten Jahren aufgekommenen Diskussion über die Medialität des Erinnerns) und dokumentiert vielmehr vorhandene Debatten. Als solches ist dieses Handbuch ein hilfreiches Instrument für alle, die in dem unübersichtlichen Diskurs über Erinnerungskultur den Überblick behalten wollen.

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Martin Zierold: Gesellschaftliche Erinnerung.

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von Victor Nono

Zierold, Martin: Gesellschaftliche Erinnerung. Eine medienkulturwissenschaftliche Perspektive. Berlin 2006 (de Gruyter), ISBN: 978-3-11-018983-4, 228 Seiten, 94,95 EUR

In den letzten Jahren sehen wir nicht nur eine enorme Ausweitung der Beschäftigung mit Holocaust und Nationalsozialismus in populären Medien, sondern auch eine Vielzahl neuer wissenschaftlicher Studien dieses durch Medien gewandelten Diskurses, der für den Beginn einer neuen Phase der Erinnerungskultur sprechen könnte.

Das Gros der Literatur konzentriert sich dabei auf zwei Aspekte: Zum einen auf die Mediatisierung von Erinnerung, also auf die Tatsache, dass Erinnerung nicht unabhängig von Medien gedacht werden kann und dass Erinnerung gerade an Holocaust und Nationalsozialismus in zunehmendem Maße von Massenmedien aufgegriffen und bearbeitet wird. Zum anderen auf die Frage, in welcher Weise die Mediatisierung von Erinnerungen auf die Zeitzeugen zurückwirken und die Erinnerungen überformen oder bereits bei der Wahrnehmung der Ereignisse präformieren.

Neben einer präzisen Zusammenfassung vor allem der von sozialpsychologischer und gesellschaftswissenschaftlicher Seite in den letzten Jahren betonten Veränderung der Erinnerung von Zeitzeugen durch Medien, wie etwa in den Arbeiten von Harald Welzer, plädiert Martin Zierold in seiner Studie für eine medienwissenschaftliche Perspektive, die die Medialität von Erinnerung berücksichtigt.

Zentrale Referenz für erinnerungskulturelle Diskurse ist für die meisten Arbeiten der von Jan und Aleida Assmann in den letzten Jahren entwickelte erinnerungstheoretische Ansatz eines Übergangs von einem kommunikativen zu einem kulturellen Gedächtnis, das erklärt, warum im Verlauf von rund 4 Generationen oder ca. 80 Jahren Erinnerungen aus einer alltäglichen Kommunikation übergehen in kulturell ritualisierte bzw. mediatisierte Erinnerungen.

Martin Zierolds Buch setzt nun gerade bei dieser weitverbreiteten Referenz an, nimmt sie gleichsam als Anlass für eine kritische Auseinandersetzung mit den Unzulänglichkeiten dieses weitverbreiteten Modells: Das beginnt mit der Kritik an einer allzu saloppen Metaphorik, die im Grunde die Frage einer konkreten medialen „Trägerschaft“ eines kollektiven Gedächtnisses ignoriert. Zierold kritisiert etwa: „Wenn nicht geklärt wird, wie das ‘kollektive Gedächtnis’ nach Ansicht der jeweiligen Autoren modelliert ist, legt die geringe theoretische Ausarbeitung vieler Entwürfe Lesarten nahe, die dieses Gedächtnis geradezu als ontologische Entität erscheinen lassen.” (S. 86)

Stattdessen fordert er eine differenziertere Auseinandersetzung mit der Medialität von Gedächtnis und Erinnerung und verweist auf Autoren wie Astrid Erll, die ein ” ‘ausdifferenziertes Mehrebenenmodell der ‘Medien des kollektiven Gedächtnisses” entwickelt, das seines eng an Siegfried J. Schmidts „Medienkompaktbegriff“ (S. 103) anschließt, wie Zierold schreibt.

Aus dieser Sicht wird vor allem der Ansatz von Jan und Aleida Assmann problematisch, der Medien zwar in die Reflexion mit aufnimmt, in ihnen doch zugleich auch einen blinden Fleck zu haben scheint.  So kritisiert Zierold, „dass die Auseinandersetzung mit den aktuellen elektronischen Medien am wenigsten überzeugen kann. Während Argumentationen zu Schriftlichkeit und Buchdruck sich auf eine Fülle von Studien stützen können, bleibt die Analyse gegenwärtiger Medienentwicklungen zurück. Hier ist auch terminologisch erneut zu kritisieren, dass A. Assmann elektronische Medien bedenkenlos im Kontext des ‘kulturellen Gedächtnisses’ behandelt, obgleich der Begriff qua definitionem, wie oben dargelegt, für die Analyse jüngerer Entwicklungen kaum geeignet ist. Doch nicht nur vor diesem Hintergrund ist die Unterscheidung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis für gegenwärtige Gesellschaften höchst zweifelhaft: In wenig differenzierten Gesellschaften mag noch gelten, dass eine qualitative Grenze zu ziehen ist zwischen medial vermittelter Erinnerung an eine absolute Vergangenheit und primär interpersonal vermittelter ‘lebendiger’ Erinnerung an Generationen-Erfahrungen, die über eine Zeitspanne von 80-100 Jahre reichen. Heute jedoch scheint es schon fast banal, darauf hinzuweisen, dass die Mehrheit unserer Kenntnisse stets medial vermittelt ist, ob sie sich auf eine ‘absolute’ Vergangenheit, die Erfahrungen der Elterngeneration oder die aktuelle Gegenwart beziehen.“ (S. 91/92)

Zierold akzeptiert daher auch nicht die von A. Assmann skizzierte Position, die dazu führe, – wie er schreibt – die Massenmedien “als das Ende jeder Erinnerung abzutun.” (S. 92)

Gerade im Hinblick auf die Steigerung der Komplexität der aktuellen Medienlandschaft durch die Multiplikation von Medien ist Zierolds Kritik wohl überfällig und vor allem als Plädoyer für eine differenziertere Beachtung von Medien zu lesen. Eine medienkulturwissenschaftliche Perspektive, wie von ihm vorgeschlagen, ist nicht nur ein Desiderat, sondern wohl eine unverzichtbare Forderung, je mehr wir uns der Gegenwart – also Erinnerungskulturen annähern, die sich erst durch die Analyse ihrer Medialität erschließen.

Zierolds Buch liefert zugleich einen präzise zusammengefassten Überblick über die aktuellen Diskurslinien, angefangen bei jenen über individuelles bis hin zu sozialem, kommunikativem und kulturellem Gedächtnis. Sein Buch ist jedem zu empfehlen, der eine kritische Diskursanalyse der aktuellen Debatten über Erinnerungskulturen sucht ohne die Orientierung verlieren zu wollen.

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Tomeo, Javier: Die Silikonliebhaber

Von Bastian Buchtaleck

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Tomeo, Javier: Die Silikonliebhaber, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010, 144 Seiten, ISBN 978-3-8031-3228-4, EUR 16,90.

Mit dem Roman „Die Silikonliebhaber“ führt der spanische Autor Javier Tomeo den Leser auf leichtfüßige Weise in eine skurrile, doppelbödige Erzählwelt. Eine Welt, in der Sexpuppen aus Silikon nicht nur sprechen können und ein Bewusstsein besitzen, sondern ihren Besitzern beim Liebesakt die Hörner aufsetzen. Mit mehr als 70 Jahren erzeugt Tomeo eine derbe, sexualisierte Welt, die einen ironischen Blick auf die heutige Gesellschaft erlaubt.

Die Liebesbeziehung des alternden Ehepaares Basilio und Lupercia ist derart heftig eingeschlafen, dass sich beide unabhängig voneinander Sexpuppen angeschafft haben – Marilyn und Big John. Zwar erinnert sich das Paar einmal wöchentlich bei einem gemeinsamen Mittagessen daran, “dass sie während einer kurzen Zeitspanne in ihrem Leben einigermaßen glücklich miteinander gewesen waren”, nun aber können sie sich nicht mehr füreinander erwärmen. Sex haben sie nur noch mit ihren Puppen.

Schrille Erzählung als Spiegel der Gesellschaft

Skurril wird die Erzählung, als Basilio und Lupercia ihre Puppen beim Sex erwischen. Big John besorgt es Marilyn richtig, und beide bestehen anschließend darauf, dass dies ihr Recht sei. Die sich in der Folge entspinnenden Ereignisse halten nicht nur Lupercia und Basilio einen Spiegel vor, sondern der heutigen Gesellschaft. Gummipuppen begreifen im Gegensatz zu vielen Menschen, dass „Ficken nicht alles sein kann“, und verlieben sich. Die unterschiedlichen Weltsichten der menschlichen und der dinglichen Protagonisten zeigen: Menschen benehmen sich oft nur menschenähnlich. Lupercia jedenfalls findet es völlig normal, Marilyn eine Schlampe zu nennen und Big John durch ein Loch in der Hülle zu töten, während die Puppen für ein Recht auf freie Entscheidung eintreten.

Zweite Erzählebene: Vom Wahnsinn des Schreibens

Um diese überzeichnete Erzählung herum hat der zu den meistübersetzten spanischen Gegenwartsautoren gehörende Tomeo eine zweite Erzählebene gefügt. In dieser begleitet ein genervter aber geduldiger Lektor einen mäßig begabten Autoren bei dessen Romanprojekt. Bezeichnenderweise heißt der Verfasser des Romans im Roman Ramón. Gegenüber seinem Lektor bezeichnet er sein Werk als einen interaktiven, pornosentimentalen Roman. Dem Lektor bleibt nichts weiter übrig als dem Wahnsinn freien Lauf zu lassen. »Kein Mensch hat das Recht, irgendjemanden daran zu hindern, den Blödsinn, der ihm einfällt, zu Papier zu bringen.« Eine postmoderne, sehr tolerante, eine zeitgenössische Position.

Insgesamt ist „Die Silikonliebhaber“ ein vielschichtiges, verspieltes Buch und auf eine schrille Weise komisch, vergleichbar den Filmen des spanischen Regisseurs Pedro Almodovar. Der stetige Wechsel zwischen den verschiedenen Ebenen; die komischen Effekte durch die die, dem Geschehen entsprechende, derbe Sprache, machen den Reiz des Buchs aus und zugleich die Unterscheidung schwierig, ob die letzte Volte noch eine weitere Sinnebene eröffnet hat oder es sich vielmehr um pittoreskes Beiwerk handelt. Mal liegt die eine, dann wieder die andere Vermutung näher. Treffenderweise nimmt man den Roman zwar gerne in die Hand, kann ihn jedoch ebenso einfach wieder zur Seite legen.

© bastianbuchtaleck.de

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