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PRO und KONTRA: “Scheißkerle” vom Roman Maria Koidl

cover

Der vorliegende Titel hat in der Redaktion dermaßen polarisierte Reaktionen ausgelöst, dass wir uns – einmalig in der Geschichte des „besprochen“-Magazins – entschlossen haben, die unterschiedlichen Positionen in einem „Pro“ und einem „Kontra“ wiederzugeben.

KONTRA
Von Daniela Nagorka

frosch

Bereits nach dem ersten Blick auf Cover und Titel von Roman Maria Koidls „Scheißkerle“ weiß man, was man in etwa von diesem Buch zu erwarten hat, nämlich Betrachtungen zur Verdrossenheit von Frauen gegenüber Männern, ironisches Klagen und Anekdoten über Probleme zwischen den Geschlechtern. Schon nach den ersten drei Seiten hat man dann die Gewissheit: Kein Klischee wird ausgelassen, jedes einzelne wird gnadenlos ausgeschlachtet und nervig zugespitzt. Allein das Cover bedient schon drei davon. Die Farbauswahl soll wohl eine Anspielung auf die kitschigen Vorlieben der Frau sein, der Frosch symbolisiert den (manchmal vorübergehend) verwunschenen Prinzen, den sich jede Frau wohl wünscht, und der Titel steht für das (Vor-)Urteil, dass Frauen die meisten bis alle Männer wegen zahlreicher Enttäuschungen einfach scheiße finden. Rein äußerlich lockt das Buch vermutlich tatsächlich mehr weibliche Leserinnen an.

Liest man sich dann doch ein wenig in den Stoff hinein, wirkt der Autor (zumindest auf die der vermutlich angesprochenen Zielgruppe zugehörigen Rezensentin) allerdings nicht unbedingt als Frauenversteher. Eher im Gegenteil: Einige könnten sich ein wenig veräppelt vorkommen. Einem Mann nimmt man das alles irgendwie nicht so ab, weil man sich fragt, ob er selbst überhaupt versteht, worüber er da schreibt. Diesen ganzen Ratschlägen, Erklärungen und Warnungen fehlt es an Überzeugungskraft und auch Ehrlichkeit, die vermutlich eher vorhanden wären, wenn das Buch eine Frau geschrieben hätte, die es nicht nur oberflächlich beurteilen kann, sondern aus dem Inneren, aus selbst erfahrenen Emotionen heraus.

Dieses Buch dient lediglich der Massenunterhaltung einer bestimmten Zielgruppe, nämlich den weiblichen „thirty somethings“ ohne Partner oder mit einem Exemplar Mann an ihrer Seite, das man eigentlich nie haben wollte. Somit eignet es sich zur Eigentherapie, die notgedrungen allerdings erfolglos bleiben wird – es sei denn, man schwört den Männern komplett ab – , denn der Autor selbst lässt kein gutes Haar an seinesgleichen. Er kann auch nicht umhin, die Single-Frau ab 30 als Unbelehrbare mit Helfersyndrom abzustempeln, die immer wieder an die falschen Männer gerät, also beispielsweise an solche, die sich nicht binden wollen und deshalb vorgeben, noch geschädigt und verletzt aus der vorherigen Beziehung zu kommen, oder solche, die eine Basis für ihre Lügen und Betrügereien schaffen, indem sie zunächst Mitleid erwecken.

Jedenfalls wird eine Frau, die auf Partnersuche ist oder in einer ernüchternden Beziehung steckt und sich an einigen Stellen des Buches wiederfindet, selbst mit einer riesigen Portion Galgenhumor und Selbstironie wahrscheinlich nicht über das Geschriebene schmunzeln können, sondern sich eher im Selbstmitleid baden, weil sie sich durch die Parallelen zu ihren eigenen Erfahrungen in ihrem Unglück auch noch bestätigt sieht. Welchen Zweck verfolgt also dieses Buch? Sollen enttäuschte Frauen etwa ihre allerletzten Hoffnungen begraben, doch noch einen beziehungswilligen und -fähigen Partner zu finden, einen Mann, der ehrlich zu lieben imstande ist?

Vielleicht eignet sich das Werk eher für Männer, die einmal wissen möchten, wie Frauen über sie denken, um über ihr Verhalten nachzudenken und die Frauen einfach mal mit Anderssein zu überraschen, damit sie nicht mehr nur ein Frosch unter vielen sind – falls er das überhaupt will. Der Autor unterstellt dem Großteil der Männerschaft nämlich Vorsätzlichkeit, wenn es um das Betrügen, Demütigen oder Manipulieren von Frauen geht, um mehrere von ihnen parallel beglücken zu können. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass solch strategisches Vorgehen tatsächlich von ihnen gesteuert wird, weil doch vom Autor häufiger betont wird, dass Männer eher einfach gestrickt und leicht zu durchschauen sind. Übrigens werden Frauen, die auf das betrügerische, sadistische Verhalten solcher Typen hereinfallen, vom Autor verständnisvoll als Opfer bezeichnet – analog zur Rechtsterminologie in Fällen von „seelischer Grausamkeit“.

Sicher mag es all diese Fälle geben, dennoch kann wohl niemand behaupten, dass Affären und Liebesbeziehungen allein aus permanenten Machtspielchen, Unterdrückung, Manipulation und Betrügereien bestehen. Gerade in den mittleren Kapiteln verliert das Buch diesbezüglich nämlich jegliche Komik und Ironie. Stattdessen werden ernst gemeinte Erklärungen in der Kindheit und der Erziehung gesucht. So seien beziehungsmissratenen Männern als Kind einfach keine Grenzen gesetzt worden. Und Frauen hätten in ihren Beziehungen noch immer unter Aufmerksamkeitsdefiziten und Verlustängsten zu leiden, wenn sie vom Vater nicht genügend beachtet wurden. Aha, so simpel ist das also. Und die passende Lösung hält der „Experte“ in seinem „Ratschlag-Katalog“ im Anhang unter der Nummer 17 auch bereit: Da helfe nämlich nur noch der Gang zum Psychologen.

War es nun wirklich nötig, dieses Buch zu schreiben? Sobald man sich in einer der darin geschilderten Situationen befindet, bestimmt meist sowieso das Herz über den Kopf. Man wird sich kaum an die Tipps in diesem Ratgeber erinnern, geschweige denn nach ihnen handeln.
Der Autor hat es sich etwas leicht gemacht: Er hat lediglich sämtliche Klischees, Vorurteile, Enttäuschungen, die jeder kennt und denen man täglich begegnet, gesammelt. Die verbitterten Reaktionen der von ihm interviewten Frauen auf seine Belehrungen hat er in teils gewollt lustige, teils schönsprachige Sätze verpackt. Hin und wieder findet man einen intelligent formulierten Satz, was aber nichts am mäßigen Gesamteindruck dieses Buches ändert. Man gewinnt keinerlei Mehrwert bei der Lektüre dieses Buches, außer vielleicht, der Leser ist ein Mann, der Nachhilfe in dem bekommen möchte, was seine Geschlechtsgenossen nach Meinung des Autors naturgemäß am besten können …

autor koidl

PRO
Von Leif Allendorf

Es wird wohl kaum einen Leser geben, dem beim Lesen dieses Buches nicht auf Anhieb drei Personen im Bekanntenkreis einfallen, die exakt dem von Roman Maria Koidl beschriebenen Muster entsprechen. Gute Freundinnen, die an einem Partner festhalten, über dessen Benehmen ein halbwegs vernünftiger Mensch nur den Kopf schütteln kann, Bekannte, die verzweifelt darauf warten, „dass er sich noch meldet…“. Doch der Autor beschränkt sich glücklicherweise nicht darauf, einen Missstand zu thematisieren und zu beschreiben. Stattdessen geht er minutiös den Verhaltensstrukturen auf den Grund, die es möglich machen, dass kluge attraktive Frauen Mitte dreißig wertvolle Zeit, manchmal sogar Jahre damit verschwenden, einem Mann nachzulaufen, der dies offenbar nicht verdient.

Liebesbeziehungen rühren an den empfindlichsten und verletzlichsten Teil unseres Selbst. Eine Enttäuschung ist hier notwendig eine Katastrophe, ein Scheitern die totale persönliche Niederlage. Eine Bindung aufzubauen dauert Jahre, sie zu zerstören kann eine Sache von Minuten sein. Außerdem hat sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Zusammenleben nur zum kleineren Teil aus romantischen Momenten besteht – und beiderseits großer Geduld bedarf. Ist es da nicht angemessen, an einer Partnerschaft festzuhalten, auch wenn sie einer längeren Krise unterworfen wird?
Im Prinzip ja. Die Sache wird nur problematisch, wenn hier mit falschen Karten gespielt wird, wenn beispielsweise wie in Koidls Fallstudie die Frau ihrem Partner (oder Verehrer, oder verheiratetem Liebhaber) einen Vertrauenskredit einräumt, den dieser nicht im Traum zurückzuzahlen gedenkt, sondern im Gegenteil vorhat, das Konto so weit wie möglich zu überziehen und sich mit dem Gewinn aus dem Staub zu machen. Diese persönlichen Dramen nachvollziehbar zu machen, in diesen individuellen Schicksalen ganz simple objektiv nachvollziehbare Verdachtsmomente, Indizien und Beweise aufzuzeigen, mit Koidls Worten „Spiele aufdecken und sie beenden“: das ist das große Verdienst von „Scheißkerle“, einem Ratgeber, für den besonders spricht, dass er sich sehr skeptisch zu Ratgeberbüchern äußert.

Über weite Strecken gibt der Autor wider, welche Geschichten er sich von Frauen aus seinem Bekanntenkreis anhören musste und wie die Betroffenen ganz offensichtlich schreckliche Beziehungen schönredeten und auf eindeutig hoffnungslose Fälle setzten. Es folgt die Schilderung vergeblicher Versuche, mit logischen Argumenten das Netz aus Selbstbetrug zu zerreißen. Abschließend versucht Roman Maria Koidl, Erklärungen dafür zu finden, dass kritische Frauen ihre Kritikfähigkeit verlieren, vernünftige Menschen sich in völlig illusorischen Hoffnungen ergehen und Personen, die sich im Leben sonst sehr gut durchzusetzen wissen, sich plötzlich hin- und herschubsen lassen. Da ist der jedem Menschen innewohnende Wunsch, geliebt zu werden und die Angst, einsam zu werden und zu bleiben. In extremen Fällen hat eine verkorkste Beziehung zum Vater die Tochter so sehr geschädigt, dass sie sich unbewusst in aussichtslose Partnerschaften einlässt, um sich in ihrer Verbitterung bestätigt zu sehen.

Natürlich hat Koidls Sammlung von Fallstudien auch Schwächen. So gehört die Vorstellung, dass Männer nur „das eine“ wollen, während es Frauen nur um „das Gefühl“ geht, in die Mottenkiste. Auch die wiederholte Beteuerung, Frauen seien eh die besseren Menschen, bewegt sich irgendwo zwischen Galanterie und Schleimerei. Entscheidend ist, dass Koidl ein nobles Ziel verfolgt: Die Tricks und Kniffe der „Scheißkerle“ kann er als Mann unbefangen öffentlich machen. Würde eine Frau dies tun, so hätte es einen faden Beigeschmack. Und damit erweist Koidl sich wirklich als Kavalier.

Roman Maria Koidl : Scheißkerle. Warum es immer die Falschen sind. Hoffmann und Campe: Hamburg 2010. ISBN: 978-3-455-50154-4, 224 Seiten, 17,00 EUR.

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Rendezvous statt Kampf der Kulturen?

Von Hans W. Giessen

Der französische Originaltitel „Rendezvous der Kulturen“ („Le rendez-vous des civilisations“) ist natürlich eine Reaktion auf Samuel Huntingtons vielbeschworenen „Kampf der Kulturen“ („ Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“) von 1996, dessen vieldiskutierte These besagt, dass die Konfliktlinien auf der Welt entlang kultureller – eigentlich: religiös-ideologischer – Großräume verlaufen. Der 11. September 2001 wurde vielfach als dramatischer Beleg für Huntingtons Szenario empfunden.

Youssef Courbage und Emmanuel Todd leugnen den Einfluss Huntingtons auf die öffentliche Meinung im ,Westen’ natürlich nicht, und ebensowenig, dass die islamischen Länder einen speziellen Kulturraum darstellen – ansonsten hätten sie ihren Titel anders wählen beziehungsweise ihr Thema anders einkreisen müssen. Natürlich streiten sie auch nicht den ideologisch begründeten Hass vieler junger Muslime auf den Westen ab. Allerdings gehen die Autoren davon aus, dass die Kultur nur eine unter mehreren Variablen ist, die menschliches Verhalten prägt – in ihren Augen ist sie nicht einmal die wichtigste Variable. Soziale und insbesondere demographische Variablen seien letztlich wichtiger. In ihrer Analyse sozialdemographischer Daten finden Courbage und Todd nun Hinweise, die Huntington (zumindest) die Brisanz nehmen: Auch der islamische Kulturkreis werde von den Kräften der modernen Welt erfasst; dies führe auch dort zu mehr Rationalität – die Globalisierung ist stärker als der Kampf der Kulturen.

Youssef Courbage ist gebürtiger Syrer und arbeitet heute als Forschungsdirektor am Institut National d’Études Démographiques in Paris. Emmanuel Todd, Urgroßcousin des Anthropologen Claude Lévy-Strauss, ist am selben Institut tätig. Ihre demographischen Daten sind eindrucksvoll. Zunächst stellen sie eine Wechselwirkung zwischen Bildung und Geburtenraten fest. Sie können zeigen, dass überall, wo Frauen Lesen und Schreiben lernen konnten, die Geburtenzahl rückläufig ist. Analphabetismus nimmt (auch) in der arabischen Welt deutlich ab; gleichzeitig sinken die Geburten pro Frau vom hohen einstelligen Bereich (sechs bis acht, in vielen Fällen über zehn Kinder) auf durchschnittlich rund zwei Kinder. Die Geburtenraten der islamischen Länder nähert sich also rapide denjenigen an, die wir seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus anderen Kulturkreisen kennen: natürlich aus Europa, aber beispielsweise auch aus Ostasien.

Das Buch ist wichtig, weil es strukturelle Variablen aufwertet, die in kulturwissenschaftlichen Diskussionen häufig übersehen werden – Huntington, um ein letztes Mal seinen Namen zu nennen, berücksichtigte eben nur kulturell-religiös-ideologische Parameter und kommt so nach meinem Dafürhalten zu einer Überbewertung scheinbar unüberwindlicher Gegensätze. (Im Übrigen: Courbage und Todd führen die Auseinandersetzung mit Huntington nicht explizit; vielleicht geht der Titel vom „rendez-vous des civilisations“ lediglich auf Marketingüberlegungen des Verlags zurück.).

Dass gerade demographische Variablen von großer Bedeutung sein können, zeigen komparatistische Beobachtungen zum „youth bulge“, wonach ein überproportionaler Anteil von jugendlichen Männern ohne ökonomische oder auch nur karrieremäßige Perspektive in auffälliger Häufigkeit mit Unruhen, Kriegen, Eroberungen, aber auch Bürgerkriegen und chiliastischen Bewegungen korreliert. Das war im Europa der frühen Neuzeit nicht anders als heute in der islamischen Welt. Wenn also die Demographie eine Abschwächung dieses „youth bulge“ andeutet, ist dies vermutlich ebenfalls nicht ohne Konsequenzen. Ich vermute, dass es doch zu simplifizierend ist, daraus eine kulturelle Konvergenzentwicklung abzuleiten – dass dieses Faktum aber ebenfalls kulturell wirksam ist, scheint ebenso einleuchtend. Darauf hingewiesen und es mit eindrucksvollem Zahlenmaterial illustriert zu haben ist das große Verdienst dieses Buches.

Allerdings scheinen mir Autoren in ihrem Bemühen, durch Aufwertung der früher allzu oft vernachlässigten sozialstrukturellen Variablen die globalen Entwicklungen besser zu verstehen, mitunter ins Gegenteil zu verfallen und kulturell-religiös-ideologische Parameter (oder auch nur den Wechselwirkungen zwischen Kultur und Struktur) zu wenig Bedeutung beizumessen. Ein Beispiel für diese einseitige Überbewertung ist die Annahme, die Alphabetisierung führe quasi zwangsläufig zu einer rationaleren Gesellschaft. Ein simples Gegenbespiel dazu wären die Irrationalismen, die in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts Deutschland beherrscht hatten, ein alphabetisiertes Land, das „Land der Dichter und Denker“. Solche Über- und Fehlbewertungen ändert jedoch nichts daran, dass die Mitberücksichtigung struktureller (soziodemographischer) Variablen eine Erweiterung unseres Verständnisses menschlichen Verhaltens ermöglicht.

courbage todd

Youssef Courbage, Emmanuel Todd, Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. München: Piper 2008, 16,90 Euro, 208 Seiten, ISBN 978-3492051316 Pick It!

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“Es wird alles gut, mein Schatz!” – Paolo Virzis Tragikkomödie “Das ganze Leben liegt vor dir”

Von Ulrike Frenzel

Der italienische Regisseur Paolo Virzi erzählt die tragischkomische Geschichte der frischgebackenen Philosophieabsolventin Marta. Ihr perfekter Abschluss bringt ihr zwar viele lobende Worte ein, ist ihr bei der Arbeitssuche allerdings keine Hilfe. Und so führt Martas Überlebenskampf auf dem Stellenmarkt unerwartet in die schillernde Callcenterabteilung der Firma „Multiple“, für die sie nun halbtags ein fragwürdiges Multifunktionsküchengerät an Hausfrauen verkaufen soll. Marta, charmant und lebensfroh, stürzt sich voll Optimismus auf ihre neue Aufgabe und ist zur eigenen Überraschung so erfolgreich darin, Kundinnen über den Tisch zu ziehen, dass sie schnell zu Multiples bester Telefonistin wird.

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Verwirrt über die eigene Skrupellosigkeit, befremdet von der sektengleichen Leistungsideologie des Callcenters, überfordert von ihrer neuen Rolle als arbeitendes Mitglied der Gesellschaft und mit einem Gesichtsausdruck, als sei sie nicht ganz sicher, ob das nicht alles nur ein großer Scherz ist, durchlebt sie alle Facetten ihrer neuen Arbeit.

Aber sie gehört nie wirklich dazu. Sie versucht, die außerirdische Parallelwelt mit seinen indoktrinierten Verkäufern und eitlen Chefs philosophisch zu ergründen, nutzt ihren philosophischen Überbau letztendlich aber dazu, in diesem System noch effektiver zu funktionieren. Durch ihre Augen beobachtet der Film das Arbeitsleben, ironisiert es, ohne Lösungen anzubieten. Das erfolgsorientierte Callenter ist nicht brutaler als der Rest der Gesellschaft und auch wenn hier am Ende die Lichter ausgehen, ist Multiple in der Filmwelt nur ein kleiner Fisch. Dem Unheil ist nicht beizukommen. Das Gefühl stellt sich erst recht ein, wenn Marta stellvertretend für die ganze Zunft mit den gut gemeinten Hilfsangeboten des engagierten, aber naiven Gewerkschafters Conforti abrechnet. „In Wahrheit verhaltet ihr euch nur großkotzig. Eure Schäfchen sind im Trockenen, ihr kriegt ein festes Gehalt und eure Frauen warten zu Hause.“ Der Niedriglohnsektor ist in seiner Dynamik für althergebrachte Kontrollmechanismen nicht mehr greifbar. „Was erwartest du von ihnen? Für sie ist dieser Drecksjob die einzige Chance, die sie haben“, kommentiert Marta frustriert das Los ihrer leicht manipulierbaren Kolleginnen, die froh sind, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben. Ob das so stimmt, ob sie wirklich keine Wahl haben, bleibt dem Zuschauer überlassen.

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Der Film ist bitter, ohne seinen Optimismus einzubüßen. Sonnige, strahlend helle Filmfarben transportierten eine vernichtende Gesellschaftskritik. Der Schluss ist versöhnlich, wirkt aber höchstens auf den ersten Blick als Happy End. Marta findet weder Schutz in einer sicheren Anstellung noch in einer neuen Liebe. All ihre bis zur Lebensunfähigkeit verblendeten Multiple-Kolleginnen werden lediglich in eine unsichere Freiheit entlassen, mit der sie nichts anzufangen wissen. Kein Hollywood, kein Märchen. In Wahrheit wird nichts abgeschlossen. Und ohne Geld geht es nun mal nicht. Trotz all der Ironie und Absurdität, mit der der Film aufwartet, lässt er einen mit dem unguten Gefühl zurück, dass vieles gar nicht wirklich überspitzt ist. Aber ganz bestimmt wird alles gut …

Das ganze Leben liegt vor dir. Italien 2008. Mit Isabella Ragonese, Sabrina Ferilli u.a.

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