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“Der Duft von Lavendel”

von Camille Buscot

Quelle: Eurovideo

Ein älterer Mann verliebt sich in eine junge Frau. Nichts Untypisches. Doch was, wenn sich eine in die Jahre gekommene Frau in eine jungen Mann verliebt?

Die zwei alten Schwestern, Ursula und Janet (gespielt von Judi Dench und Maggie Smith) leben in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in einem idyllischen Haus direkt an der Küste von Cornwall. Nach einem Sturm wird ein junger Pole namens Andrzej an den Strand gespült. Die beiden Damen nehmen sich seiner an und pflegen ihn. Trotz der anfänglichen Verständigungsprobleme entwickelt sich eine tiefe familiäre Beziehung zwischen Andrzej und den Schwestern. Der junge Mann bringt Leben in den Alltag der alten Damen, Ursula verliebt sich sogar in Andrzej.
Nach und nach erinnert sich Andrzej an seine Liebe zur Musik und zum Geigenspiel. Als die junge attraktive Malerin Olga von dem Talent Andrzejs hört und ihn fördern möchte, wird Ursula eifersüchtig.

Quelle: Eurovideo

Diese Geschichte, die auf einer Kurzgeschichte von William John Locke beruht, könnte an sich sehr interessant sein, denn die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Mann wird sonst nur selten in Filmen angesprochen.
Doch bleibt in dieser Darstellung das Dramaturgische hinter dem Visuellen zurück. Wie so oft bei britischen Filmen ist der Film geprägt von schönen Landschaftsaufnahmen in weichen Farben und schöner (jedoch nicht besonders origineller) Musik, die der prominente Geiger Joshua Bell eigens für diesen Film komponiert hat. Die Handlung bleibt inhaltlich ziemlich flach und zieht sich in die Länge. Dies liegt leider auch an Daniel Brühl, der hier den begabten Gestrandeten lustlos an der Grenze zum Klischee spielt.
Zum Glück können die anderen Schauspieler das wiedergutmachen. Allen voran die beiden berühmten britischen Schauspielerinnen Judi Dench und Maggie Smith, die durch ihre sensible und facettenreiche Spielweise die Beziehung der beiden Schwestern und den Umgang mit der Eifersucht Ursulas sehr gut darstellen und damit den Film aufwerten. Die energische Haushälterin (sehr gut gespielt von Miriam Margolyes, bekannt aus Harry Potter) sorgt für eine Prise des berühmten britischen schwarzen Humors.

Der Duft von Lavendel ist die erste Regie- und Drehbucharbeit von Charles Dance, der bis dahin nur als Schauspieler tätig war (unter anderem Nebenrollen in „James Bond“-Filmen, „Phantom der Oper“ und „Swimming Pool“). Doch leider schafft er es trotz sehr guter Schauspielern nicht, die Geschichte mit ausreichend Tiefe zu erzählen.

Es ist wunderbar, Maggie Smith und Judi Dench zusammen in einem Film zu sehen, doch wird ihnen „Der Duft von Lavendel“ leider nicht gerecht.

Der Duft von Lavendel. GB 2004. Regie und Buch: Charles Dance. Musik: Joshua Ball. Mit Judi Dench, Maggie Smith, Daniel Brühl, Natasha McElhone.

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Tillmann, Michael: „Über ‚Heymann Steinthal und die Grundlegung der Völkerpsychologie in Deutschland im 19. Jahrhundert‘ von Celine Trautmann-Waller“, 24.11.06

„Über ‚Heymann Steinthal und die Grundlegung der Völkerpsychologie in Deutschland im 19. Jahrhundert‘ Von Celine Trautmann-Waller“, 24.11.06

Von Michael Tillmann

Heymann Steinthal

Dieses Buch über den Linguisten, Anthropologen und Philosophen Heymann Steinthal (1823-1899) und über die Völkerpsychologie, die er mit seinem Freund Moritz Lazarus (1824-1903) begründete, versteht sich als Beitrag zu einer Kulturgeschichte Deutschlands zwischen 1840 und 1900 und zu einer Geschichte der wissenschaftlichen und intellektuellen Soziabilitäten im damaligen Berlin. Es untersucht die Entstehungsgeschichte der Kulturwissenschaften als einen der wesentlichen Aspekte der deutschen Geistesgeschichte im 19. Jahrhundert.

Die biographische Laufbahn Steinthals, von dem jüdischen Theologiestudenten bis zum Humboldtianer und zum Sprachwissenschaftler, zum Begründer einer Völkerpsychologie und zum Verteidiger der Ethik, fasst innerhalb einer einzigen Lebensspanne die allgemeine Entwicklung der Geistes- und Sozialwissenschaften im 19. Jahrhundert zusammen, von dem Willen, in der Linguistik eine objektive und positive Methode festzulegen, bis zu den Versuchen, letztere auf den Bereich des kulturellen und sozialen Lebens allgemein auszudehnen. Die Analyse von Steinthals ersten Arbeiten ermöglicht es, seinen Übergang vom Humboldtianismus zu einer psychologischen Linguistik zu verdeutlichen. Letztere fordert eine theoretische Autonomie der Linguistik, die auf der Trennung von Grammatik und Logik beruht. In Paris, wo er sich zwischen 1852 und 1856 aufhielt, führte Steinthal die Infragestellung der Hegemonie des indogermanischen Paradigmas durch sein intensives Studium der chinesischen Sprache weiter. Seine Beteiligung an einer regen deutsch-französischen wissenschaftlichen Soziabilität ließ ihn zur selben Zeit der entstehenden französischen Sozialwissenschaften gewahr werden, die sich in der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Ideologen, dem Werk Auguste Comtes und in den Aktivitäten verschiedener ethnologischer und anthropologischer Gesellschaften herausbildeten.

Die berühmte Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, die 1859 nach der Rückkehr Steinthals aus Paris von ihm und Lazarus gegründet wurde, stellt einen Versuch dar, sämtliche spezialisierte philologische Forschungen zu synthetisieren und verschiedene deutsche Geschichtsphilosophien zu verwissenschaftlichen, d.h. zu “empirisieren” und zu “psychologisieren”. Indem die Zeitschrift Philologen, Linguisten, Ethnologen, Volkskundler und Anthropologen, erste Statistiker und zukünftige Soziologen, Psychologen und Erdkundler, Rechts-, Wirtschafts- und Kunsthistoriker, Romanisten, Slawisten oder Orientalisten versammelte, wollte sie auf die sich steigernde wissenschaftliche Spezialisierung reagieren und den Weg einer mehr erklärenden als deskriptiven Wissenschaft der kollektiven Vorstellungen weisen, die die tief liegenden Gesetze des Kulturlebens ergründen würde. Das ganze Projekt ist nicht zu trennen von der Krise des Idealismus, obwohl es noch viele Remanenzen desselben mit sich trägt. Die Völkerpsychologie von Steinthal und Lazarus, die Elemente der hegelschen Geschichtsphilosophie mit Intuitionen der humboldtschen Anthropologie und Prinzipien der von Johann Friedrich Herbart entwickelten Psychologie verband und an der auch eine gewisse Anzahl der ersten Neukantianer beteiligt waren, verkörpert also weniger eine philosophische Einheit, als die Beteiligung verschiedener philosophischer Tendenzen an einem gemeinsamen Projekt, das auf eine empirische Wissenschaft der Kulturen zielte.

Die genaue Untersuchung der zwanzig Bände, die zwischen 1859 und 1890 erschienen, schließt eine Lücke in der Forschung und erlaubt es, die Dynamik eines Diskursmilieus zu analysieren, das die extensive Philologie von August Boeckh mit der Kunstgeschichte der Schüler Franz Kuglers, der Anthropologie Rudolf Virchows und dessen progressivem Liberalismus, der von Wilhelm Griesinger unternommenen Reform der Psychiatrie, dem Realismus eines Paul Heyses oder eines Berthold Auerbach, der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums oder der Berliner Tradition der Statistik vernetzt. Historisch betrachtet erweist sich die Völkerpsychologie als ein “Durchgangsort”, der zu anderen neuen Disziplinen führte, ein “Durchgangsort”, wo sich auf sehr erhellende Art und Weise die Lebensläufe des Soziologen Georg Simmel und des Neukantianers Hermann Cohen, des Islamologen Ignaz Goldziher und des Begründers der Berliner Ethnologie Adolf Bastian begegnen. Gerade als Übergangserscheinung ist die Völkerpsychologie interessant, doch gerade als solche tendiert sie eben auch dazu, in den intellektuellen Biographien der einen oder anderen oder in den Darstellungen der wichtigsten intellektuellen Strömungen des 19. Jahrhunderts zu verschwinden.

Indem sie ein Diskursmilieu widerspiegelt, weist die Zeitschrift auch auf eine tiefe Umwandlung der öffentlichen Sphäre, die durch die Entwicklung der deutschen Gesellschaft und des politischen Lebens bedingt war. Wird die Zeitschrift während der ersten Jahre durch den relativen Optimismus der 60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts getragen, so liefert die Allgemeine Ethik (1885) Steinthals das Echo der Krisen, die kurz darauf das liberale Modell affizierten: der Gründerkrach von 1873, die innere Krise / Innenpolitik von 1878/79 und der Antisemitismusstreit. Mit der Ethik Steinthals stehen die letzten Jahre der Völkerpsychologie in Verbindung mit einer weiteren ethischen Bewegung, die versucht hat die reformistischen Sichten der Linksliberalen (Laizismus, Demokratie, Anti-Militarismus, Solidarität, Frauenemanzipation) durchzusetzen und die sich tendenziell den deutschen Sozialisten annäherte. Wenn die Geschichte dieser Bewegung heute wenig bekannt ist, so wohl deshalb weil zur selben Zeit der aufsteigende Antisemitismus ein zentraler Faktor der Volksideologie und der deutschen Politik wurde, indem er, über die Frage der jüdischen Integration hinaus, den liberalen Prinzipien und dem Bildungsideal widersprach. Obwohl die Völkerpsychologie von Steinthal und Lazarus heute oft dem Nationalismus der damaligen Zeit zu entsprechen scheint, litt sie in Wirklichkeit durch die Verteidigung eines universalistischen Humanitätsideals auch unter einem relativ asynchronen Charakter.

Als wichtiger deutscher Moment der Begründung der modernen Geistes- und Sozialwissenschaften und eines modernen Kulturbegriffes in Europa erweist sich diese “Culturwissenschaft” auch in mancher Hinsicht als Ergebnis einer Reihe von Transfers und Differenzierungsprozessen, durch die Deutschland mit einer guten Dosis Kritizismus, Psychologie und Anthropologie französische Modelle integrierte und umwandelte. Steinthal setzt Herbart, Herder, Vico, Humboldt und Ritter gegen die Naturalisierungen, deren sich die französischen Sozialwissenschaften seiner Meinung nach manchmal schuldig machen ein, gegen die rousseauistischen Theorien des Sprachursprungs, des “Contrat social” und des “bon sauvage”, die seiner Meinung nach nicht berücksichtigen, wie sehr die Kultur unabdingbar zum Wesen selbst des Menschen gehört. Diese Studie zeigt, dass Steinthals Kulturwissenschaft, weit davon entfernt hierin ein Hindernis für den Universalismus zu sehen, im Gegenteil versucht letzteren auf pluralistischen Fundamenten aufzubauen.

© Céline Trautmann-Waller für passerelle.de, November 2006

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Tillmann, Michael: „Das Problem der Religion. Über ’Les religions meurtrières’ von Élie Barnavi und ’Peut-on ne pas croire ? Sur la vérité, la croyance et la foi’ Von Jacques Bouveresse“, 08.03.07

„Das Problem der Religion. Über ’Les religions meurtrières’ Von Élie Barnavi und ’Peut-on ne pas croire ? Sur la vérité, la croyance et la foi’ Von Jacques Bouveresse“, 08.03.07

Von Michael Tillmann

abbildung-barnavi abbildung-bouveresse

Dass die Religion international wie innerhalb einzelner Länder wieder als politisch konfliktträchtig wahrgenommen wird, stellt im Ernst kaum jemand in Frage. Dass dies natürlich vor allem auch für die andersgläubigen Minderheiten in den europäischen Ländern gilt, dafür gab es sowohl in Deutschland als auch in Frankreich in den letzten Monaten hinreichend Beispiele. In Frankreich erregte vor allem der Fall des Philosophielehrers und Publizisten Robert Redeker Aufsehen, der im Anschluss an einen kritischen Artikel über eine der islamischen Religion inhärente Gewaltideologie in der Tageszeitung Le Figaro Morddrohungen erhielt und seinen Lehrberuf nicht mehr ausüben kann. Die christliche Zeitschrift La Vie veröffentlicht in ihrer neuesten Ausgabe vom 1. März eine große Untersuchung zur (relativen) Bedeutung der verschiedenen, in Frankreich beheimateten Religionen und zeichnet die aktuelle Karte der Konfessionen. In einem Land, in dem eine strikte Trennung von Kirche und Staat, der Leitgedanke der Laizität zu den Gründungsmythen einer republikanischen Staatsordnung gehört, ist die Religion und die Frage nach ihrem Platz in der öffentlichen Debatte naturgemäß ein hochsensibles Thema. Zwei vor kurzem erschienene Buchpublikationen befassen sich eingehend, allerdings unter zwei unterschiedlichen Gesichtspunkten mit diesem Konfliktphänomen.

In seiner Streitschrift Les religions meurtrières plädiert der Historiker, ehemalige israelische Botschafter in Paris und aktuelle Leiter des wissenschaftlichen Beirats des Brüsseler Europa-Museums, Élie Barnavi, für eine erneuerte und klare Ortsbestimmung der westlichen Zivilisation: “In der Tat scheint es, dass jede Gemeinschaft für ihren eigenen Fortbestand ein überindividuelles Wertesystem benötigt, das ihrer kollektiven Existenz erst Sinn verleiht. Wahrscheinlich liegt genau hierin der wunde Punkt des Westens. Die atomisierte, auf das Individuum und seine unveräußerlichen Rechte ausgerichtete liberale Gesellschaft hat den Sinn für das Heilige (ich sage bewusst nicht: das Religiöse) verloren. Die Menschenrechte sind immer noch das kostbarste Erbe der Aufklärung, aber sie allein können keine Gemeinschaft begründen. Schon der französische Historiker François Furet hatte überzeugend nachgewiesen, dass die Schwierigkeiten der Revolutionspolitiker bei der Schaffung stabiler Institutionen auf den Ruinen des alten Staates gerade auch mit diesem Unvermögen zu tun hatten, einen glaubwürdigen Ersatz für die kollektive Basis des Staates des Ancien Régime zu erfinden. Daraus erklärt sich das Bedürfnis nach einer Zivilreligion, deren einzelne Bestandteile wir kennen: Die Menschenrechte gehören natürlich dazu, darüber hinaus aber auch die Nationalgeschichte, die souveräne Nation, die Verfassung und die Republik. Nach einem mühsam-zögerlichen, mehr als ein Jahrhundert währenden Beginn hat dies insgesamt eher gut funktioniert. Heute jedoch stößt dieses Modell offensichtlich an seine Grenzen. Ob es uns gelingt, eine neue Zivilreligion erstehen zu lassen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich weiß nur, dass es dringend geboten ist, die unerlässlichen Regeln für die Domestizierung des Numinosen „€“ wie es im Fachjargon manchmal heißt „€“ neu zu behaupten, um es innerhalb zivilisierter Grenzen zu halten. Solche Regeln existieren bereits: Man nennt sie Laizität. Diese Laizität, ohne die eine Demokratie gar nicht möglich ist, müssen wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, ohne Einschränkungen und Konzessionen verteidigen.”

Wissenschaftsphilosophisch, bisweilen auch polemisch und mit der gewohnten sprachlichen Präzision, Stilsicherheit und gedanklichen Klarheit befasst sich der französische Philosoph und Lehrstuhlinhaber am prestigeträchtigen Collège de France, Jacques Bouveresse, in seinem Buch Peut-on ne pas croire ? : Sur la vérité, la croyance & la foi mit der Problematik des Religiösen. In vier älteren, teilweise deutlich überarbeiteten Artikeln kommentiert der in Deutschland vor allem als Musil-Experte bekannte Bouveresse die Wiederkehr des Religiösen und das Machtgleichgewicht zwischen religiösem Glauben und Wissenschaft, das längst nicht mehr so klar zugunsten letzterer ausfällt wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Der vielleicht wichtigste Artikel trägt den Titel “Muss die Religion verteidigt werden?”. Darin analysiert Bouveresse u.a. das Verhältnis zwischen Glaube und Wissen, die Natur der religiösen Erfahrung, die Möglichkeit einer “Glaubensethik”, die Beziehungen zwischen Religion, Wissenschaft, Wahrheit und Demokratie. Es ist nicht weiter überraschend, dass Bouveresse, ein entschiedener Gegner einer oberflächlichen, zu übereilten Relativierungen neigenden Postmoderne, hier alles andere als ein Loblied auf Glauben und Religion anstimmt. Um ein antireligiöses Pamphlet handelt es sich allerdings auch nicht. Vielmehr kommentiert der französische Erkenntnisphilosoph die Thesen und Überlegungen zu der Religionsproblematik, wie sie so ehrwürdige Ahnherren wie Ernest Renan, Sigmund Freud, William James, Bertrand Russell, Jürgen Habermas, William K. Clifford und (natürlich) Ludwig Wittgenstein, einen seiner geistigen Ziehväter, entwickelt haben. Dabei bemüht sich Jacques Bouveresse um den Nachweis, dass der Glaube zwar durchaus begründet sein mag, dass man allerdings oftmals aus den falschen Gründen glaubt, dass manche Formen des Glaubens keinerlei Respekt verdienen, dass falsche religiöse Überzeugungen trotz ihrer nachweisbaren Falschheit eine mächtige Wirkung entfalten können und – vor allem – dass es keinerlei Grund gibt, sich für seinen Unglauben, für eine kritische und rational begründbare Wissenschaft des Denkens und Argumentierens zu schämen.

© passerelle.de, März 2007

BARNAVI, ÉLIE (2006): Les religions meurtrières. Paris, Flammarion, 142 Seiten.
BOUVERESSE, JACQUES (2007): Peut-on ne pas croire ? : Sur la vérité, la croyance & la foi. Marseille, Agone, 286 Seiten.

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Tillmann, Michael: “Wesen und Werden der Soziologie in einem kompakten Überblick. Über ‘La construction de la sociologie’ von Jean-Michel Berthelot”, 31.05.06

“Wesen und Werden der Soziologie in einem kompakten Überblick. Über ‘La construction de la sociologie’ von Jean-Michel Berthelot”, 31.05.06

Von Michael Tillmann

BERTHELOT, Jean-Michel: La construction de la sociologie. Paris, PUF 2005.

La construction de la sociologie

Jean-Michel Berthelot hat mit seiner erstmals 1991 und nun Ende 2005 in überarbeiteter Fassung erschienenen Konstruktion der Soziologie eine kompakte Einführung in die Geschichte des Faches vorgelegt. Dieser Einführungsband zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass hier vor allem das Einigende einer in vielerlei unterschiedliche Forschungsrichtungen zerfallenden Soziologie in den Mittelpunkt gestellt wird. Dabei geht es dem Anfang des Jahres verstorbenen Wissenschaftssoziologen weniger um einen ideengeschichtlichen Abriss. Vielmehr versucht der Autor, das Forschungsprogramm der wichtigsten Autoren in seinen wesentlichen Charakteristika zu skizzieren und dessen Genese mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Bezug zu setzen.

In Kapitel I lässt Berthelot die Vorläufer soziologischen Denkens im 19. Jahrhundert (etwa Le Play, Tocqueville, Marx, Spencer, Comte) Revue passieren, kommt hier allerdings zu dem Schluss, dass trotz einer beeindruckenden Ansammlung an Daten, neu entstandener Erhebungsmethoden oder auch erkenntnisreicher Sozialstudien die epistemologischen Grundlagen einer wirklichen Disziplin noch allzu schwach entwickelt sind. Erst mit Émile Durkheim und Max Weber entsteht ein reflexives soziologisches Denken im eigentlichen Sinne, das im Unterschied zu den Entwicklungen im angelsächsischen Raum theoretischen und epistemologischen Fragestellungen nachgeht. Bei allen – zum Teil nicht unerheblichen – Unterschieden zwischen den Forschungsprogrammen der beiden Autoren zeichnen sich diese durch ihre reflexive Auseinandersetzung mit ihrem Untersuchungsobjekt aus (Kapitel II). Nach dieser Grundsteinlegung folgt eine Phase der Reife, die dem Autor zufolge von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis zu den 50er Jahren reicht. In dieser Zeit entwickelt sich vor allem die empirische Soziologie, und das Zentrum soziologischen Arbeitens verlagert sich von Europa in die Vereinigten Staaten (Kapitel III). In Kapitel IV schließlich werden die “großen Programme der modernen Soziologie”, d.h. Kausalismus, Funktionalismus, Strukturalismus einerseits, phänomenologische Soziologie, symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie andererseits anhand einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen einem “objektivistischen” und einem “subjektivistischen” Foschungspol (vgl. begriffliche Erklärung im Glossar) eingeteilt und in ihren zentralen Besonderheiten vorgestellt. Das letzte Kapitel schließlich weitet den Horizont auf zeitgenössische Entwicklungen von Bourdieu über Habermas und Luhmann bis hin zu der pragmatischen Soziologie um Boltanski und Thévenot. Interessante Leser finden hier sowohl eine Quelle an präzisen Informationen als auch einen gedrängten Überblick über Wesen und Werden eines Faches.

Eine ausführlichere Rezension in französischer Sprache finden Sie auf www.liens-socio.org

© passerelle.de, April 2006

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Tillmann, Michael: “Der vernetzte Kapitalismus. Über ‘Le nouvel esprit du capitalisme’ von Luc Boltanski und Eve Chiapello”, 31.05.06

“Der vernetzte Kapitalismus. Über ‘Le nouvel esprit du capitalisme’ von Luc Boltanski und Eve Chiapello, 31.05.06

Von Michael Tillmann

BOLTANSKI, Luc/CHIAPELLO, Eve: Le nouvel esprit du capitalisme. Paris: Gallimard 1999.

Le nouvel esprit du capitalisme

Die Transformationen, die der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten durchlebt hat, sind zumeist als eine Folge der Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen und – zumal in den 80er und frühen 90er Jahren – als eine Konsequenz der Liberalisierung der ihnen zugrunde liegenden Wirtschaftsideologie beschrieben worden. Eine stärkere Involvierung der Mitarbeiter in die Unternehmensgeschäfte, leistungsbezogene Gehälter, eine Individualisierung und Personalisierung der Arbeitsaufgaben, projektbezogenes Arbeiten, netzförmige Organisationsformen usw. ergeben sich aus dieser Perspektive aus dem Siegeszug nahezu frühkapitalistischer Zustände. Demgegenüber – und ohne diese Einflüsse leugnen zu wollen – entwickeln der französische Soziologe Luc Boltanski und die Wirtschaftswissenschaftlerin Eve Chiapello eine Argumentation, die letztlich auf einem dialektischen Wechselverhältnis zwischen “dem” Kapitalismus und seiner Kritik gründet und die Transformationen aus einem Rechtfertigungsimperativ ableitet. Bereits in früheren Schriften hat Luc Boltanski (vor allem 1990) die Kritik als zentrales Element gesellschaftlichen Handelns erkannt und zusammen mit Laurent Thévenot (1991) konzeptuell zu dem Modell der cité ausgearbeitet. Hier nun unterscheiden die beiden Autoren zwischen zwei Formen der Kritik, denen sich der Kapitalismus, d.h. seine gehobenen Repräsentanten in Gestalt von Topmanagern, Unternehmensleitern, Vorstandsvorsitzenden, unternehmensnahen think tanks usw. stellen müssen. Neben einer Sozialkritik (z.B. als Forderung nach Lohnerhöhung oder Arbeitsplatzsicherheit) muss der Kapitalismus auch auf eine so genannte Künstlerkritik reagieren. Dabei geht es weniger um eine Kritik an der materiellen Ausbeutung der Arbeiter und Angestellten als um eine Kritik an fehlenden Freiräumen und einem Mangel an Selbstverwirklichung. Diese Form der Kritik ist also ihrem Wesen nach emanzipatorisch. Die Pariser Mai-Unruhen 1968 sind ein Kristallisationspunkt, in dem sich beide Kritikformen trotz aller Gegensätze und Unterschiede zu einer explosiven Mischung verbinden. Auf diese nicht nur das politische System, sondern auch den kapitalistischen Prozess in seinen Grundfesten bedrohenden (verbal-argumentativen, aber auch physischen) Angriffe müssen die entscheidenden Instanzen reagieren, wollen sie nicht die Unterstützung und das Engagement der Arbeiter- und Angestelltenschaft verlieren. In der Tat gehen die beiden Autoren davon aus, dass der Kapitalismus nicht zukunftsfähig ist, wenn es ihm nicht gelingt, die Wirtschaftsakteure (als Erwerbstätige und als Konsumenten) dauerhaft an die Unternehmen zu binden. Dazu genügt es jedoch nicht, dass der Kapitalismus ihnen ein mehr oder weniger gesichertes Auskommen gewährleistet. Vielmehr bedarf es auch einer gewissen inhaltlichen, ideologischen oder programmatischen Übereinstimmung mit den Zielen des Kapitalismus. Während die Arbeitgeber die Kapitalismuskritik zuallererst als eine Sozialkritik deuten, müssen sie bald erkennen, dass die getroffenen Maßnahmen einerseits nicht die gewünschte Wirkung zeigen und dass sie andererseits große finanzielle Belastungen für die Unternehmer mit sich brachten. So verlagerten sich alsbald die Fronten. Anstatt der Sozialkritik zu genügen, setzten die Arbeitgeber zunehmend auf die Künstlerkritik, der sie durch arbeitsorganisatorische Innovationen entgegenkamen. Diese unterschieden sich deutlich von der standardisierten Massenproduktion des zweiten kapitalistischen Geistes und ließen dem Individuum größere Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten. So entstand den beiden Autoren zufolge ein neuer Geist des Kapitalismus, der auf den Konzepten des Netzes und des Projektes aufbaut. Darüber hinaus ist diese großangelegte Studie über die Entwicklungen des kapitalistischen Geistes jedoch weit mehr als eine zeitkritische Analyse oder gar politische Parteinahme, als die sie in Frankreich oft und in Deutschland ausschließlich verstanden wurde. Sie ist gleichzeitig eine Weiterführung der Theorie der Polisformen, die Luc Boltanski – wie bereits erwähnt – zusammen mit Laurent Thévenot in “De la justification” entwickelt hat. Einer der Kritikpunkte, der diesem Modell zur Analyse der Rechtfertigungslogiken menschlichen Handelns wiederholt vorgeworfen wurde, zielte auf die vermeintliche Statik dieses Modells, mit dem Veränderungen nur schwer zu erklären seien. Insofern kommt den Ergebnissen der Wandlungsprozesse des kapitalistischen Geistes, der nun in ein drittes Stadium eingetreten ist, eine sozialtheoretische Bedeutung hinzu. Nach dem familienweltlich-paternalistischen Kapitalismus und der industrieweltlichen Massenproduktion – und ihren jeweiligen archetypischen Symbolgestalten des Bourgeois und des Firmendirektors – ist nun der vernetzte, projektbezogene Kapitalismus dominant. Dass dieser Veränderungsprozess wohl nicht nur auf den Kapitalismus beschränkt sein dürfte, sondern eine viel allgemeinere Tragweite besitzt und – nicht zuletzt durch die Leitfunktion des Wirtschaftssystems und dessen weitreichende Verästelungen in andere Lebenssphären hinein – eine neuartige Rechtfertigungslogik und gesellschaftliche Wertigkeitsordnung (oder, wenn man so will, Gerechtigkeitsordnung) begründet oder doch begründen könnte, ist keine sehr spekulative Interpretation. Mobilität als zentraler Begriff dieser projektbasierten Rechtfertigungsordnung ist ein allgemeiner gesellschaftlicher Wert geworden, der weit über das rein ökonomische hinausweist. Vgl. zur Soziologie Boltanskis auch das Nachwort des Übersetzers.© passerelle.de , Winter 2002

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