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Tillmann, Michael: “Individualismus vs. Holismus. Die Abneigung der Intellektuellen gegenüber dem philosophischen Liberalismus. Über ‘Pourquoi les intellectuels n’aiment pas le libéralisme’ von Raymond Boudon”, 31.05.06

“Individualismus vs. Holismus. Die Abneigung der Intellektuellen gegenüber dem philosophischen Liberalismus. Über ‘Pourquoi les intellectuels n’aiment pas le libéralisme’ von Raymond Boudon”, 31.05.06

Von Michael Tillmann

BOUDON, Raymond: Pourquoi les intellectuels n’aiment pas le libéralisme. Paris: Odile Jacob 2004.

Pourquoi les intellectuels n'aiment pas le libéralismeRaymond Boudon ist vielleicht der angelsächsischste der französischen Soziologen. Als brillanter Vertreter des methodologischen Individualismus, der gewöhnlich – zu Unrecht, wie der Autor mit zahlreichen Verweisen auf das methodische Vorgehen Tocquevilles, Durkheims und Webers belegt – einer angelsächsischen Wissenschaftskultur zugeschrieben wird, ficht er in Frankreich oder zumindest in der französischen Öffentlichkeit in der Tat einen einsamen Kampf gegen das – wie er es nennt – holistische Denken eines Bourdieu, Foucault, Girard, gegen die methodologischen Fragwürdigkeiten des Kulturalismus und Relativismus. ((Es sei allerdings angemerkt, dass man kein Verfechter des methodologischen Individualismus zu sein braucht, um bestimmte Fehlentwicklungen – wie einen um sich greifenden Relativismus und eine fadenscheinige Demokratisierung der Wissenschaftslandschaft – kritisch zu bewerten (vgl. etwa Lahire 2005, insbesondere den Aufsatz zur Doktorarbeit von Elisabeth Tessier: Lahire 2005: 351-387).)) Gerade seine letzten Publikationen – ein Interviewband zu seinem intellektuellen Werdegang, seinem Werk und der Lage der Soziologie (2003) und eine soziologische Analyse des oft beklagten Werteverfalls (2002) – zeugen von einem pointierten Gespür für die Formulierung und soziologische Analyse gesellschaftlich relevanter Problematiken.

Dasselbe gilt für seine Untersuchung Warum die Intellektuellen den Liberalismus nicht mögen. Auch hier mobilisiert Raymond Boudon das gesamte methodische Arsenal seiner Forschungsrichtung, um der rätselhaften Abneigung weiter Teile der Geisteselite in Frankreich und anderen Ländern gegen den Liberalismus auf den Grund zu gehen. Dabei geht es im Wesentlichen um einen “philosophischen Liberalismus”, d.h. um das Bekenntnis zur Autonomie des Individuums und einer “rationalen” Psychologie. Von einem derart definierten Liberalismus lässt sich das illiberale Denken dadurch abgrenzen, dass eine Alltagspsychologie abgelehnt und das Individuum als heteronom betrachtet wird. Diese Fremdbestimmung kann verschiedene Formen annehmen. Anstatt von einem rational handelnden Akteur auszugehen, der im Sinne der verstehenden Soziologie nachvollziehbare Entscheidungen trifft, ist hier das Individuum sozialen, kulturellen oder tiefenpsychologischen Determinismen unterworfen. Ins Visier geraten hier mit Marx und Freud natürlich die beiden Ahnherren der “Philosophien des Verdachts” sowie Nietzsche als exponierter Vertreter der Boudon zufolge in der französischen Soziologie stark ausgeprägten Verschwörungstheorie. ((Gemeint ist hier vor allem Pierre Bourdieu und die von ihm begründete Forschungsrichtung. Vgl. auch Boudon (2003: 141): Pierre Bourdieu “führte einen politischen Kampf von seinem Katheder aus. Er war fest davon überzeugt, in einer Gesellschaft zu leben, in der es sich nicht atmen lässt. Die ‘Verschwörungstheorie’ ist an sich nichts Neues [...]. Bourdieu hat sie allerdings zur Perfektion gebracht, wie der norwegische Soziologe Jon Elster launig bemerkt: Er analysiert die sozialen Prozesse als Effekt einer ‘Verschwörung ohne Verschwörer’.” Im Übrigen lassen sich die in der Tat völlig unterschiedlichen Ansätze und Ergebnisse der beiden Soziologen anhand ihrer jeweiligen Arbeiten zur schulischen Ungleichheit (Bourdieu/ Passeron 1970; Boudon 1973) miteinander vergleichen. Vgl. zu einer ähnlichen Kritik Boltanski/ Chiapello (1999), speziell Fußnote 40 im allgemeinen Einführungskapitel (dt. Übersetzung: S. 611).)) Dass zumal marxistisch inspirierte Theorien nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich unter den Intellektuellen starke Verbreitung fanden, hat aber natürlich auch etwas mit der spezifischen historischen Situation zu tun, da sich die bürgerlichen Parteien während der Zeit der deutschen Besatzung in den Augen der französischen Intelligenz weit gehend diskreditiert hatten. Aber selbst nachdem die gesellschaftliche Basis des illiberalen Denkens zunehmend ihre Legitimität verlor und sich niemand mehr als marxistischer Denker ausgeben würde, sind Boudon zufolge die dazu gehörigen Deutungsmuster auch heute noch weit verbreitet. In diesem Sinne werden Psychoanalyse, Strukturalismus, Positivismus im Allgemeinen, die Globalisierungskritiker und Relativisten aller Couleur sowie Denker wie Bourdieu, Foucault, Girard – um nur die bekanntesten zu nennen – diesen antiliberalen Strömungen zugeordnet. Ihr Erfolg ist zwar zum Teil auch darauf zurückzuführen, dass sie in der Tat auf wunde Punkte der liberalen Ordnung aufmerksam machen: Fakt ist etwa, dass die Chancengleichheit in der Schule nur sehr bedingt gegeben ist. ((Vgl. hierzu zuletzt Dubet (2004).)) Andererseits sind, wie Boudon betont, die vorgelegten Erklärungen allzu simpel (Determination durch soziales Milieu), da sie das Individuum als zentralen Akteur im Grunde völlig ausblenden. Außerdem genügen sie kaum wissenschaftlichen Ansprüchen, da sie weniger der libido sciendi folgen als gesinnungsethischen Grundsätzen: “Mir scheint, dass der grundlegende Prozess, mit dem sich die Abneigung zahlreicher Intellektueller gegenüber dem Liberalismus erklären lässt, folgendermaßen zusammengefasst werden kann: Seinen Ausgang nimmt dieser Prozess in einer spezifischen Lage, einem soziohistorischen Kontext, der bestimmte, von der Gemeinschaft als auffällig empfundene Sachverhalte erkennbar macht. Daraus ergibt sich sodann eine Nachfrage, der die gesinnungsethischen und insbesondere die organischen Intellektuellen nachzukommen sich bemühen. Wenn diese auffälligen Sachverhalte scheinbar auf Fehlentwicklungen der liberalen Gesellschaften verweisen, sind diese Intellektuellen dazu geneigt, ihre Diagnose auf Erklärungsmuster zu gründen, die von den illiberalen Denktraditionen auf den Markt geworfen wurden. Sobald die Kritik an diesen Fehlentwicklungen einer ‘wohlmeinenden Absicht’ entspringt und die vorgelegte Erklärung einfach erscheint, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie von den Medien aufgegriffen und nicht kritisch hinterfragt wird” (81-82).

Im Kern lautet die These: Der Erfolg methodologisch fragwürdiger, politisch motivierter Theorien sage nichts über ihren Wahrheitsgehalt, sondern lediglich etwas über ihren gesellschaftlichen Nutzen. ((Boudon unterscheidet zwischen wahren und nützlichen Theorien im Sinne Paretos. Dabei haben wahre und nützliche Theorien dieselbe Wahrscheinlichkeit, auf gesellschaftliche Resonanz zu stoßen, wie falsche, aber nützliche Theorien. Wahre Theorien, deren gesellschaftlicher Nutzen jedoch nicht erkannt wird, bleiben demgegenüber – zumindest vorübergehend – im Abseits))

Auf der Nachfrageseite führt Raymond Boudon diesen Erfolg im Wesentlichen auf die Vermassung des Bildungssystems zurück. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Abitur und schließlich die Universität für Bevölkerungsschichten geöffnet, die bisher keinen Zugang zu einem höheren Bildungsabschluss hatten. Damit musste jedoch zwangsläufig auch das Anforderungsniveau gesenkt werden, so dass – folgt man Boudon in seiner Argumentation – hier ein Publikum intellektuell ausgebildet wurde, das keine hinreichende Kenntnisse besaß, um anspruchsvolle soziologische Theorien verstehen zu können, dafür aber ein offenes Ohr für krude Vereinfachungen hatte. Gleichzeitig entwickelten sich ein wissenschaftlicher Werterelativismus des “Anything goes” (Feyerabend) und ein Moralismus des politisch Korrekten, der die derart entstandene Lücke ausfüllte.

© passerelle.de, Februar 2005

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Tillmann, Michael: “Raymond Boudon: Renouveler la démocratie”, 08.03.07

“Raymond Boudon: Renouveler la démocratie”, 08.03.07

von Michael Tillmann

BOUDON, RAYMOND (2007), Renouveler la démocratie : Eloge du sens commun, www.fondapol.org, Februar 2007.

Ende 2006 hat Raymond Boudon bei Odile Jacob unter dem programmatischen Titel Renouveler la démocratie : Eloge du sens commun eine Untersuchung zu den aktuellen Gefährdungen vor allem der französischen Demokratie veröffentlicht. Dabei handelt es sich um ein Plädoyer für eine Rückkehr zu den eigentlichen, d.h. liberalen Grundwerten der Demokratie, in dem Raymond Boudon – wie immer mit bestechender Klarheit – den Feldzug gegen postmodernen Relativismus und – wie der Untertitel verrät – für den sensus communis, den gesunden Menschenverstand, führt.

Eine Kurzfassung der Schrift mit den wesentlichen Gedanken kann auf dem Internetauftritt der rechtsliberalen Denkfabrik Fondation pour l’innovation politique heruntergeladen werden. Bei dieser Stiftung handelt es sich um einen von dem ehemaligen Berater des amtierenden französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, Jérôme Monod, gegründeten think tank, der ursprünglich von der bürgerlichen Partei UMP finanziert wurde, unterdessen aber institutionell unabhängig ist. Zu den Mitgliedern zählen u.a. so renommierte Wissenschaftler wie Yves Mény, François Ewald, Pascal Perrineau, Marcel Gauchet, Emmanuel Le Roy Ladurie (aus Deutschland sind in den verschiedenen Instanzen Karl Lamers und Arnulf Baring vertreten).

Hier finden Sie Auszüge aus dem einleitenden Kapitel der Kurzschrift in deutscher Sprache: © www.passerelle.de – März 2007.

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Tillmann, Michael: “Abstiegsangst der Mittelschicht. Über ‘Abstiegsangst der Mittelschicht’ von Louis Cauvel”, 10.11.06

“Abstiegsangst der Mittelschicht”, 10.11.06

von Michael Tillmann

CHAUVEL, Louis: Les classes moyennes à la dérive, Paris: Seuil/ République des Idées, 2006. 112 Seiten.

Abstiegsangst der MittelschichtDeutschland hat seine Unterschichtendebatte. Frankreich diskutiert über die Zukunft seiner Mittelschicht. Dass eine solche öffentliche Auseinandersetzung zwangsläufig ihre Unschärfen hat, liegt nicht zuletzt an der Schwammigkeit des Begriffs selber. Allein schon der Umstand, dass der französische Terminus gewöhnlich im Plural gebraucht wird, deutet darauf hin, dass es sich bei dieser Bevölkerungskategorie nicht um einen einheitlichen, monolithischen Block handelt. Dabei rechnen sich einer neueren Umfrage zufolge spontan immerhin 75% aller Franzosen der bzw. den Mittelschichten zu. Zur näheren Bestimmung dieses mittleren Gliedes im gesellschaftlichen Schichtungsgefüge stützt sich Louis Chauvel ((Louis Chauvel hat sich vor allem mit seiner erstmals 1998 erschienenen Studie zur generationenspezifischen Entwicklungsdynamik, Le destin des générations. Structure sociale et cohortes en France au XXe siècle, in Frankreich einen Namen gemacht, in der er das Geburtsjahr als weithin unterschätzten Ungleichheitsfaktor ausmacht und anhand umfangreicher Zahlenreihen anschaulich darstellt. Inzwischen hat sich das Augenmerk der Öffentlichkeit, nicht zuletzt infolge der Ausschreitungen in den französischen Banlieues Ende 2005 und den Studentenprotesten gegen die Aufweichung des Kündigungsschutzes für Jungarbeitnehmer einige Wochen später, zu einem Allgemeinplatz der öffentlichen Debatte entwickelt. Einige seiner kleineren Schriften sind frei zugänglich (vgl. dazu den Internetauftritt von Louis Chauvel).)) in diesem neuen Band der République des Idées auf eine aus drei Kriterien bestehende Definition. Demnach gehören all jene zur Mittelschicht, die über ein durchschnittliches Einkommen verfügen, die zu den Berufsgruppen mit mittlerem Qualifikations- bzw. Kompetenzniveau zählen (d.h. im Großen und Ganzen die von dem französischen Statistikamt als professions intermédiaires eingestuften Berufe) und die sich gleichzeitig in dem für diese Schichten spezifischen Fortschrittsglauben wieder erkennen und ihr Schicksal bzw. das ihrer Kinder mit dieser Klasse identifizieren.

Gerade in diesem letzten Punkt unterscheiden sich Louis Chauvel zufolge die französischen Mittelschichten von ähnlichen Klassen in anderen entwickelten Ländern. Letztlich ist die französische Mittelschicht eine im definitorischen Detail sicherlich bestreitbare Realität. Vor allem aber ist sie ein Gesellschaftsprojekt, insofern sie sich selbst gewissermaßen als Inkarnation des Fortschrittsgedankens und der Modernität schlechthin versteht. Die Epoche des rasanten Wirtschaftswachstums in den drei Nachkriegsjahrzehnten jedenfalls vermochte die gesellschaftlichen Kräfte in einer Art und Weise zu binden, dass manche – ähnlich wie in Deutschland – den Traum von einer moyennisation, einer dauerhaften “Vermittelschichtung” der Gesellschaft nähren konnten. Diese nivellierte Mittelstandsgesellschaft französischen Zuschnitts steht nun allerdings vor dem Dilemma, dass nach den “glorreichen” Wachstumsjahren der Trente glorieuses, die ihre innere Einheit zementierten, die “kargen” Wachstumsjahre der Trente piteuses – wie es nur halb spaßhaft heißt – den Zusammenhalt und das Zugehörigkeitsgefühl der Mittelschichten auf eine schwere Belastungsprobe stellen. Die nachwachsenden Generationen haben im Vergleich mit der Wirtschaftswundergeneration durchschnittlich zwar ein höheres Ausbildungsniveau und könnten so zu tatkräftigen Mitstreitern der Mittelschicht heranwachsen. In Wahrheit jedoch erleben sie einen schmerzhaften Prozess der generationenspezifischen Deklassierung – und das in einer Gesellschaft, die lange Zeit felsenfest dem Glauben eines stetigen Fortschritts anhing. Dieser Fluch der späten Geburt nährt soziale Abstiegsängste, die auch politischen Sprengstoff in sich bergen. Während die Mittelschicht mit ihrem “humanistischen Individualismus” als Erbe der 68er Bewegung für darunter liegende Schichten eine ideologische Leitfunktion haben konnte, solange die wirtschaftliche Entwicklung einen stetigen Wohlstandsgewinn verhieß, geht als Folge der weit verbreiteten Deklassierungsängste innerhalb der Mittelschicht, begleitet von sozialräumlichen Abschottungstendenzen wie sie etwa Éric Maurin beschrieben hat, auch deren ideologische Attraktivität verloren – und damit ein den demokratischen Prozess in Frankreich stabilisierendes Element.

© www.passerelle.de, Dezember 2006

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Tillmann, Michael: “Vorsicht Globalisierung! Wissenswertes von Daniel Cohen. Über ‘Trois leçons sur la société post-industrielle’ von Daniel Cohen”, 10.11.06

“Vorsicht Globalisierung! Wissenswertes von Daniel Cohen”, 10.11.06

Von Michael Tillmann


COHEN, DANIEL: Trois leçons sur la société post-industrielle. Paris: Seuil/ Republique des Idées. 2006

Trois leçons sur la société post-industrielleDer französische Wirtschaftswissenschaftler Daniel Cohen ist auch in Deutschland kein Unbekannter. Einige seiner Bücher über sein Steckenpferd – die Globalisierung – sind bereits bei Campus und der Europäischen Verlagsanstalt auf Deutsch erschienen. Der Autor beherrscht in der Tat die seltene und schätzenswerte Kunst, selbst komplexe wirtschaftliche Themen in verständlicher Form einem breiten Publikum näher zu bringen. Dabei bleibt er letztlich stets einem aufklärerischen Ziel verbunden: Ihm geht es um ein besseres Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. Gerade sein Buch über die Globalisierung und seine Feinde ist hierfür ein gutes Beispiel.

Auch bei den drei „Unterrichtseinheiten zur postindustriellen Gesellschaft”, die Daniel Cohen in gedrängter Form auf knapp 100 Seiten in der Reihe der République des Idées vorlegt, drückt man mit großem Vergnügen die Schulbank. So erfährt man etwa, dass die postindustrielle Gesellschaft sich durch fünf Brüche definieren lässt, d.h. durch eine technologische Revolution, eine gesellschaftliche Revolution der Arbeitsorganisation, eine kulturelle Revolution mit individualistischer Stoßrichtung (Mai 1968), eine Revolution der oder besser: durch die Finanzmärkte und schließlich die Globalisierung. Man reibt sich verwundert die Augen, wenn man liest, dass der Arbeiter, der ein Paar Turnschuhe der Marke Nike herstellt, dafür einen Hungerlohn von 2,75 Dollar erhält, dass die komplette, rein materielle Produktion dieser modischen Schuhbekleidung gerade einmal bei 16 Dollar liegt, dass die Kosten sich verdoppeln, um das materielle Produkt mittels gezielter Werbestrategien in eine soziales Objekt (der Begierde) zu verwandeln und dass der verbleibende finanzielle Aufwand auf den Vertrieb entfällt. An diesem Beispiel veranschaulicht Cohen sodann ein charakteristisches Element der zweiten Globalisierung, d.h. die Konzentration der Wirtschaften in den reichen Ländern auf Konzeption und Vertrieb, während die materielle Herstellung den ärmeren Staaten überlassen wird.

Nicht minder erhellend sind Cohens Ausführungen zur demographischen Entwicklung weltweit. Obwohl der Planet nach Vorausberechnungen 2050 neun Milliarden Erdenbürger zählen wird, hat in den meisten Ländern schon ein demographischer Wandel mit sinkenden Geburtenraten eingesetzt. Dieser Wandel lässt sich offenbar mit dem globalisierten, d.h. über das Fernsehen weltweit verbreiteten Stereotyp der westlichen Frau erklären, dem auch in den peripheren Regionen der Welt nachgeeifert wird. Spannend liest sich auch, was Daniel Cohen in der dritten Unterrichtseinheit zur Frage der Existenz eines europäischen Sozialmodells zu sagen hat und den technologischen Rückstand der EU-Länder gegenüber dem Marktführer Vereinigte Staaten auf dem Weg in die Informations- und Wissensgesellschaft. In jedem Fall findet der an wirtschaftlichen Entwicklungen interessierte Leser auf wenig Raum eine Unmenge von Fakten und anschaulichen Deutungen, die der Autor zwar schon an anderer Stelle zum Teil detaillierter vorgelegt hat, die aber einen kompakten Einstieg in das Thema der Globalisierung ermöglichen.

© passerelle.de, Oktober 2006HYPERLINK \l “obe Daniel Cohen (2004): La mondialisation et ses ennemis. Paris: Grasset 2004.

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Tillmann, Michael: “Paradiesisches. Über ‘Que reste-t-il du paradis?’ von Jean Delumeau”, 31.05.06

“Paradiesisches”, 31.05.06

Von Michael Tillman

DELUMEAU, Jean: Une hitoire du paradis vol.3 : que reste-t-il du paradis ?. Paris: Fayard 2000.

Que reste-t-il du paradis?

In der Frage Jean Delumeaus, was vom Paradies noch übrig bleibe, lässt sich eine gewisse Resignation erkennen, die der Leser dieser mit großer Akribie dokumentierten Geschichte der schriftlichen und ikonographischen Paradiesdarstellungen am Ende seiner Lektüre mit Nachdruck beipflichten möchte. Im fortgeschrittenen Stadium der Säkularisierung unserer westlichen Gesellschaften ist nicht allein der Glaube an jenseitige Heilsvorstellungen verloren gegangen. Selbst dort, wo diese noch mit einiger Glaubwürdigkeit gepflegt werden, ist – aus einem sehr einfachen Grunde – der Bildervorrat zur Darstellung des Unsagbaren abhanden gekommen: das Jenseits entzieht sich der Präzision bildlicher Darstellbarkeit. Eine Folge dieser Entwicklung besteht nun gerade darin, dass uns der Symbolgehalt der Paradies-Darstellungen zumeist verschlossen bleibt und wir die himmlischen Gefilde in all ihrer Pracht alles in allem mit einiger Verständnislosigkeit betrachten. Es ist nicht eben das geringste Verdienst Jean Delumeaus, uns wieder mit den Wurzeln der gemeineuropäischen Tradition des Christentums und seiner Bildersprache vertraut zu machen und uns somit die Möglichkeit zu eröffnen, Denkmäler des christlichen Abendlandes mit Gewinn erschließen zu können. Ihren Ausgang nimmt die Untersuchung Jean Delumeaus bei dem Genter Altar (1432) von Jan van Eyck, der dem Autor über die verschiedenen Kapitel hinweg als Referenz dient, erkennt er doch darin ein formvollendetes Werk, das sich mit unnachahmlicher Meisterschaft aus dem Vorrat der paradiesischen Bilderwelt bedient, um das friedliche Himmelsgefilde nach dem Jüngsten Gericht in all seinem Glanz erstrahlen zu lassen. Dabei entgeht dem Verfasser auch keineswegs, dass die Einbettung in einen religiösen Zusammenhang diesem Kunstwerk einen ganz anderen Status im Alltag der gläubigen Christen zuwies als der Blick des nachgeborenen Betrachters zu verstehen im Stande ist. In einem steten Hin und Her zwischen grundlegenden schriftlichen Quellen – von der Genesis über die Apokalypse bis hin zu Dantes “Paradiso” – und einer ikonographischen Beschreibung bildlicher Darstellungen entdeckt der Leser nach und nach den Fundus an für diese Thematik grundsätzlichen Bildelemente und deren Symbolgehalt. So führt uns der Autor beispielsweise in die Geschichte der Farbsymbolik ein, die alles andere als statisch verläuft. Die Farbe Blau hat so zum Beispiel erst im Laufe der Jahrhunderte an Geltung gewonnen, bis sie schließlich in das Reich der edlen Farben aufgenommen wurde. Seitdem erscheint die Jungfrau Maria in samtenes Blau gehüllt. Nach zwei Kapiteln (“Éblouissement”, “Bonheurs”), die im wesentlichen der Rekonstruktion dieser typischen Bildelemente der Paradies-Darstellungen gewidmet sind, wird auf den folgenden Seiten der Eindruck des Statisch-Unveränderlichen, der sich aus den vorangegangen Beschreibungen hätte ergeben können, korrigiert, und diese Geschichte des Paradieses erlangt so ihre eigentlich historische Dimension. In den “Transformations” beschreibt der Autor die Veränderungen, die diese Bilderwelt prägen und die ihren Anstoß teils aus der weltgeschichtlichen Entwicklung, teils aus den Fortschritten und Entdeckungen in Wissenschaft und Kunst beziehen. Perspektivisches Malen und die Trompe-l’oeil-Technik geben den Künstlern nämlich ungeahnte Mittel an die Hand, die Gläubigen in andächtiges Erstaunen zu versetzen. Diese Entwicklung erfährt eine radikale Richtungsänderung, als im Laufe der Jahrhunderte das irdische Königtum an Macht gegenüber der kirchlichen Autorität gewinnt und die ikonographischen Elemente gleichsam in beiden Sphären zur Verklärung irdischer und himmlischer Macht in Konkurrenz zueinander treten. Darüber hinaus brechen heidnisch-mythologische Bilderwelten in die christlichen Paradiesvorstellungen ein, die schließlich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr Schritt zu halten vermögen: “Das Jenseits wird nicht länger im Himmel verortet. Es ist kein eigentlicher Ort mehr. Es verliert seine Farben und Formen. Bedeutet das aber auch, dass es selbst verschwindet? Jesus hat nicht das Paradies beschrieben, sondern von der Wirklichkeit einer ewig andauernden Zukunft des Friedens und des Glücks gesprochen”. Somit scheint spätestens im Laufe des 19. Jahrhunderts der Kampf zwischen zwei, dem Christentum eingeschriebenen, widersprüchlichen Tendenzen entschieden: Die Bilderpracht ist der Vorstellung gewichen, dass Unverstellbares auch undarstellbar zu bleiben habe.

© passerelle.de, Sommer 2001

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