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“Schatten der Vergangenheit”: Schöne Frauen in langweilig verwirrendem Psychodrama

von Juliane Besch

Jeanne (gespielt von Sophie Marceau) lebt in einer perfekten Pariser Familienidylle. Als sie beginnt, nach den Gründen für ihre fehlenden Erinnerungen aus der frühen Kindheit zu suchen, nimmt das Drama seinen Lauf: Sie fängt an, ihre Umgebung und sich selbst verändert wahrzunehmen. Ihre Mutter, ihr Mann und ihre Kinder sehen plötzlich völlig anders aus und auch die Wohnung scheint nicht mehr die alte zu sein.

Der Blick in den Spiegel wird für Jeanne zum Schockerlebnis. Es scheint sich eine Parallelwelt aufzutun. Zunehmend verzweifelt sucht sie Hilfe in der Psychiatrie – jedoch vergeblich. Auf der Suche nach ihrer Vergangenheit reist sie nach Italien. Dort wird sie mit ihrem Kindheitstrauma, einem schweren Autounfall, bei dem ihre Freundin stirbt, konfrontiert, und es gelingt ihr schließlich die Aussöhnung mit dem erlebten Leid. Jeanne kann sich endlich innerlich von der Getöteten trennen und befreit von psychischen Problemen weiterleben.

Die beiden Darstellerinnen, Sophie Marceau und Monica Bellucci, sind ohne Frage eine Augenweide. Auch das Thema der Traumabewältigung ist an sich nicht uninteressant. Zu Beginn nimmt einen die Verzweiflung angesichts der sich verschiebenden Wahrnehmung auch mit. Man fühlt sich wie in einem dieser Albräume, in denen sich die vermeintlich heimatliche Haustür als die einer anderen Familie erweist. Leider wirken die in die Gesichter hineingemorphten fremden Augen kaum gruselig, da sie einfach zu unecht aussehen. Bis auf eine kleine Irritation am Anfang gibt der Effekt nicht viel her. Ab jetzt sieht man Jeanne beim Leiden zu, ohne selbst betroffen zu sein. Der Höhepunkt dieser misslungenen Darstellung einer Metamorphose bildet das skurril wabernde fremde Gesicht (von Monica Bellucci) in Jeannes eigenem. Das erinnert an mittelmäßige Horrorfilme und wirkt hier eher albern.

Innerhalb der Geschichte erscheinen mehrere Aspekte unplausibel, wie zum Beispiel die Tatsache, dass der Psychiater, den Jeanne am Anfang ihrer Erkrankung aufsucht, die offensichtlich schwer verstörte Frau einfach wieder nach Hause schickt. Zudem bleibt die psychische Genesung irgendwie wenig nachvollziehbar. Die Erinnerung an den Unfall selbst scheint Jeanne am Ende zu genügen, um zu heilen.

Insgesamt ist „Schatten der Vergangenheit“ ein Film, den man sich anschauen kann, wenn einem halbgare Metamorphosen zwischen zwei Frauen und die Idee psychischen Wahnsinns ausreichen. Alle, die mehr wollen, werden sich nach spätestens der Hälfte des Films langweilen, da man dann verstanden hat, worauf die Geschichte hinausläuft. Man wartet nur noch ab, bis die Hauptdarstellerin es auch endlich versteht.

Don’t look back – Schatten der Vergangenheit, (Original-Titel: Ne te retourne pas), Frankreich 2009, Laufzeit 106 Minuten, Regie: Marina de Van, mit Sophie Marceau und Brigitte Catillon.

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“Le Havre” – Flache Geschichte, schöne Bilder

von Juliane Besch

In der französischen Hafenstadt Le Havre lebt ein älteres Ehepaar, Marcel und Arletty, mit dem Hund Laika in einem kleinen Haus. Marcel verdient Geld, indem er Schuhe putzt, seine Frau kümmert sich um den Haushalt. Als ein Schiffscontainer mit illegalen Einwanderern entdeckt wird, kann Idrissa, ein schwarzer Junge, fliehen und trifft im Hafen zufällig auf Marcel. Während sich dieser um ihn kümmert – ihn bei sich wohnen lässt und seinen Großvater in England ausfindig macht – liegt Arletty mit einer schweren Krankheit im Krankenhaus. Um Idrissas Fahrt nach England zu finanzieren, veranstalten Marcels Nachbarn ein Konzert. Der Junge entgeht mit ihrer Hilfe den Denunziationen eines anderen Nachbarn. Der Kommissar – eigentlich mit der Ergreifung beauftragt – deckt Idrissa in seinem Versteck auf einem Fischkutter, der ihn nach England bringen soll, als ihn Polizisten suchen. Derweil gesundet Arletty im Krankenhaus wie durch ein Wunder. Mit Marcel kehrt sie in ihr kleines Haus zurück.

Was eine spannende Geschichte über Flüchtlingspolitik und menschliche Solidarität sein könnte, entpuppt sich als eine Art ruhiges Erwachsenenmärchen in altmodischer Requisite.  Wer eine absolut plausible und vielleicht sogar politisch anspruchsvolle Geschichte sucht, wird enttäuscht werden. Dass Arletty erst schwer krank ist und dann plötzlich gesundet, ist genauso unrealistisch wie die selbstverständliche Hilfe der Nachbarn, Idrissa zu verstecken. Dass es Marcel problemlos gelingt, über andere Flüchtlinge Idrissas Großvater in England zu finden, erscheint mit dem Wissen über reale europäische Flüchtlingspolitik naiv. Es sind diese wundersamen Wendungen, die die Geschichte zu einem Märchen werden lassen: wichtiger als Plausibilität ist die symbolische Kraft der Ereignisse. Arlettys spontane Gesundung am Ende des Films mag unrealistisch sein – sie steht als Symbol für die Überwindung aller Probleme.

Die Charaktere selbst wirken wie Karikaturen. Der Kommissar ist das Klischee eines französischen Polizisten der 70er Jahre, auch sein Peugeot ist stilecht. Zudem werden die Motive und Emotionen der Figuren wenn überhaupt dann metaphorisch gezeigt. So ist der Kommissar von einer Ananas genauso überfordert wie von Idrissa. Warum Marcel den Flüchtlingsjungen überhaupt aufnimmt und warum der Polizist den Jungen dann fliehen lässt, bleiben unklar. Wer tiefere Einsichten in menschliches Handeln sucht, sucht sie in diesem Film vergeblich.

Aber es gelingt Kaurismäki, mit minimalen Mitteln Spannung aufzubauen. Sehr eindrucksvoll sind beispielsweise die Gesichter der Flüchtlinge, als die Tür des Containers geöffnet wird.

Was die Geschichte sympathisch macht, ist der Verzicht auf perfekte Schönheit und Erfolg á la Hollywood. Die Figuren sind alle älter und stehen eher am Rande der Gesellschaft: weder die Kneipenwirtin noch der Gemüsehändler, die Bäckerin oder Marcel haben es wirklich weit gebracht.

Interessant ist der Film, wenn schon nicht durch seine Story, durch Kaurismäkis Stilmittel. Durch sehr statische Bilder wirkt der Film fotografisch und bisweilen wie ein Theaterstück. Selbst in Momenten größter Bewegung, zum Beispiel wenn Idrissa vor der Polizei flieht, bleibt die Einstellung relativ ruhig. Außerdem spielt Kaurismäki intensiv mit Farben, so erscheinen fast alle Räume in Blaugrau, kontrastiert mit dem Gelb eines Kleides und einigen Tupfern Rot.

Insgesamt ist die Geschichte selbst keine Meisterleistung, denn sie erzählt nichts, was man nicht so oder besser wüsste. Wer aber ein eher künstlerisches Interesse am Film hat und sich trotzdem nicht mit einer allzu seichten Geschichte quälen will, ist mit „Le Havre“ gut bedient.

Le Havre.  FIN/F/D 2011.  Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki.  Mit André Wilms, Kati Outinen, Blondin Miguel.

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“Der Duft von Lavendel”

von Camille Buscot

Quelle: Eurovideo

Ein älterer Mann verliebt sich in eine junge Frau. Nichts Untypisches. Doch was, wenn sich eine in die Jahre gekommene Frau in eine jungen Mann verliebt?

Die zwei alten Schwestern, Ursula und Janet (gespielt von Judi Dench und Maggie Smith) leben in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in einem idyllischen Haus direkt an der Küste von Cornwall. Nach einem Sturm wird ein junger Pole namens Andrzej an den Strand gespült. Die beiden Damen nehmen sich seiner an und pflegen ihn. Trotz der anfänglichen Verständigungsprobleme entwickelt sich eine tiefe familiäre Beziehung zwischen Andrzej und den Schwestern. Der junge Mann bringt Leben in den Alltag der alten Damen, Ursula verliebt sich sogar in Andrzej.
Nach und nach erinnert sich Andrzej an seine Liebe zur Musik und zum Geigenspiel. Als die junge attraktive Malerin Olga von dem Talent Andrzejs hört und ihn fördern möchte, wird Ursula eifersüchtig.

Quelle: Eurovideo

Diese Geschichte, die auf einer Kurzgeschichte von William John Locke beruht, könnte an sich sehr interessant sein, denn die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Mann wird sonst nur selten in Filmen angesprochen.
Doch bleibt in dieser Darstellung das Dramaturgische hinter dem Visuellen zurück. Wie so oft bei britischen Filmen ist der Film geprägt von schönen Landschaftsaufnahmen in weichen Farben und schöner (jedoch nicht besonders origineller) Musik, die der prominente Geiger Joshua Bell eigens für diesen Film komponiert hat. Die Handlung bleibt inhaltlich ziemlich flach und zieht sich in die Länge. Dies liegt leider auch an Daniel Brühl, der hier den begabten Gestrandeten lustlos an der Grenze zum Klischee spielt.
Zum Glück können die anderen Schauspieler das wiedergutmachen. Allen voran die beiden berühmten britischen Schauspielerinnen Judi Dench und Maggie Smith, die durch ihre sensible und facettenreiche Spielweise die Beziehung der beiden Schwestern und den Umgang mit der Eifersucht Ursulas sehr gut darstellen und damit den Film aufwerten. Die energische Haushälterin (sehr gut gespielt von Miriam Margolyes, bekannt aus Harry Potter) sorgt für eine Prise des berühmten britischen schwarzen Humors.

Der Duft von Lavendel ist die erste Regie- und Drehbucharbeit von Charles Dance, der bis dahin nur als Schauspieler tätig war (unter anderem Nebenrollen in „James Bond“-Filmen, „Phantom der Oper“ und „Swimming Pool“). Doch leider schafft er es trotz sehr guter Schauspielern nicht, die Geschichte mit ausreichend Tiefe zu erzählen.

Es ist wunderbar, Maggie Smith und Judi Dench zusammen in einem Film zu sehen, doch wird ihnen „Der Duft von Lavendel“ leider nicht gerecht.

Der Duft von Lavendel. GB 2004. Regie und Buch: Charles Dance. Musik: Joshua Ball. Mit Judi Dench, Maggie Smith, Daniel Brühl, Natasha McElhone.

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“Es wird alles gut, mein Schatz!” – Paolo Virzis Tragikkomödie “Das ganze Leben liegt vor dir”

Von Ulrike Frenzel

Der italienische Regisseur Paolo Virzi erzählt die tragischkomische Geschichte der frischgebackenen Philosophieabsolventin Marta. Ihr perfekter Abschluss bringt ihr zwar viele lobende Worte ein, ist ihr bei der Arbeitssuche allerdings keine Hilfe. Und so führt Martas Überlebenskampf auf dem Stellenmarkt unerwartet in die schillernde Callcenterabteilung der Firma „Multiple“, für die sie nun halbtags ein fragwürdiges Multifunktionsküchengerät an Hausfrauen verkaufen soll. Marta, charmant und lebensfroh, stürzt sich voll Optimismus auf ihre neue Aufgabe und ist zur eigenen Überraschung so erfolgreich darin, Kundinnen über den Tisch zu ziehen, dass sie schnell zu Multiples bester Telefonistin wird.

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Verwirrt über die eigene Skrupellosigkeit, befremdet von der sektengleichen Leistungsideologie des Callcenters, überfordert von ihrer neuen Rolle als arbeitendes Mitglied der Gesellschaft und mit einem Gesichtsausdruck, als sei sie nicht ganz sicher, ob das nicht alles nur ein großer Scherz ist, durchlebt sie alle Facetten ihrer neuen Arbeit.

Aber sie gehört nie wirklich dazu. Sie versucht, die außerirdische Parallelwelt mit seinen indoktrinierten Verkäufern und eitlen Chefs philosophisch zu ergründen, nutzt ihren philosophischen Überbau letztendlich aber dazu, in diesem System noch effektiver zu funktionieren. Durch ihre Augen beobachtet der Film das Arbeitsleben, ironisiert es, ohne Lösungen anzubieten. Das erfolgsorientierte Callenter ist nicht brutaler als der Rest der Gesellschaft und auch wenn hier am Ende die Lichter ausgehen, ist Multiple in der Filmwelt nur ein kleiner Fisch. Dem Unheil ist nicht beizukommen. Das Gefühl stellt sich erst recht ein, wenn Marta stellvertretend für die ganze Zunft mit den gut gemeinten Hilfsangeboten des engagierten, aber naiven Gewerkschafters Conforti abrechnet. „In Wahrheit verhaltet ihr euch nur großkotzig. Eure Schäfchen sind im Trockenen, ihr kriegt ein festes Gehalt und eure Frauen warten zu Hause.“ Der Niedriglohnsektor ist in seiner Dynamik für althergebrachte Kontrollmechanismen nicht mehr greifbar. „Was erwartest du von ihnen? Für sie ist dieser Drecksjob die einzige Chance, die sie haben“, kommentiert Marta frustriert das Los ihrer leicht manipulierbaren Kolleginnen, die froh sind, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben. Ob das so stimmt, ob sie wirklich keine Wahl haben, bleibt dem Zuschauer überlassen.

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Der Film ist bitter, ohne seinen Optimismus einzubüßen. Sonnige, strahlend helle Filmfarben transportierten eine vernichtende Gesellschaftskritik. Der Schluss ist versöhnlich, wirkt aber höchstens auf den ersten Blick als Happy End. Marta findet weder Schutz in einer sicheren Anstellung noch in einer neuen Liebe. All ihre bis zur Lebensunfähigkeit verblendeten Multiple-Kolleginnen werden lediglich in eine unsichere Freiheit entlassen, mit der sie nichts anzufangen wissen. Kein Hollywood, kein Märchen. In Wahrheit wird nichts abgeschlossen. Und ohne Geld geht es nun mal nicht. Trotz all der Ironie und Absurdität, mit der der Film aufwartet, lässt er einen mit dem unguten Gefühl zurück, dass vieles gar nicht wirklich überspitzt ist. Aber ganz bestimmt wird alles gut …

Das ganze Leben liegt vor dir. Italien 2008. Mit Isabella Ragonese, Sabrina Ferilli u.a.

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Berlin: Die Sinfonie der Großstadt (1927)

Von Marcel Hanke

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Berlin, die Sinfonie der Großstadt, Regie: Walter Ruttmann, Drehbuch: Karl Freund, Walter Ruttmann (u.a.), Musik: Edmund Meisel, Kamera: Robert Baberske (u.a.), Schnitt: Walter Ruttmann

Großstädte versprühen einen gewissen Charme, sei es durch ihre Betriebsamkeit, die Anonymität oder das Vorhandensein verschiedenster Kulturen. Oftmals sind sie die heimlichen Stars in vielen großen Produktionen. Doch schon 1927 stand eine Stadt im Mittelpunkt eines Filmes: „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ von Walter Ruttmann. Es ist eine Dokumentation über einen Tag aus dem Berlin der Dreißiger Jahre, seine Glanz – und Schattenseiten. Der Film beginnt mit einer Zugfahrt. In einer wunderbaren Sequenz aus schnellen Schnitten, nähern wir uns dem morgendlichen Berlin. An uns vorbei fliegen Felder, Häuser und Strommasten. Die Stadt schläft noch, als der Zug im Anhalter Bahnhof ankommt. Es ist 5 Uhr morgens. Die Kamera streift durch leere Straßen und zeigt eine verborgene Schönheit, eine Unschuld, wie man sie im Verlauf des Filmes nicht mehr zu sehen bekommen wird. Nur eine Katze und ein Schutzmann sind auf den Beinen, als die Stadt langsam erwacht und die ersten Personen auf die Straßen strömen. Schon bald ist aus den wenigen Menschen eine Masse geworden, welche sich auf den Bahnsteigen tummelt und ihre Arbeit beginnt. Die Stadt hat zu Leben begonnen. Wie wild fahren nun die Züge und Busse durch die Gegend. Sie sind das System, das Alles am Laufen hält und werden den ganzen Film lang auftauchen. Weitere wunderbar geschnittene Passagen schließen sich an, als mehrere Tore geöffnet werden und nahtlos ineinander fließen. Detailgetreue Ansichten von Maschinen gewähren einen, besonders aus unserer Sicht, nahezu einmaligen und nostalgischen Blick in die Arbeitsverhältnisse der damaligen Zeit. Aber nicht nur das geschäftige Treiben der Arbeiter wird dem Zuschauer näher gebracht, sondern auch das Leben der Frauen und Kinder, wie sie zur Schule strömen, den Einkauf erledigen. Auch hier greift Ruttmann auf schon bekannte Elemente zurück, wie die ineinander laufenden Schnitte. Ein weiteres Highlight im Film ist sicherlich die Sequenz in der Mittagspause, da dort das gesellschaftliche Leben kompakt zusammengefasst wird. Man springt von Tisch zu Tisch. Vom einfachen Essen der Arbeiter, zum dekadenten Mahl der Oberschicht. So gibt es teilweise signifikante Unterschiede in der Gesellschaft und Ruttmann zeigt sie auf: einen Mann, der Zigarettenstummel sammelt; Kinder, die im Dreck spielen – die Armut ist allgegenwärtig. Passend zu diesen gegensätzlichen Szenen gibt es eine Passage im Film, die das Leben in der Großstadt gut widerspiegelt: die Achterbahnfahrt zum Ende des Filmes symbolisiert wunderbar das stetige Auf und Ab in einer Großstadt bzw. im Sein allgemein. Dazu passen auch die eingestreuten Sequenzen vom Selbstmord der Frau, wobei man hier doch davon ausgehen kann, dass diese Szene gestellt sei. Ein Indiz ist sicher der starke close-up auf die Augen, welcher schon expressionistische Züge annimmt und sicherlich nicht so entstanden sein kann, wie die restlichen Aufnahmen. Des Weiteren gibt es noch ein, zwei Einstellungen, die ebenso künstlich gewirkt haben. Man sollte sich jedoch nicht an solchen Kleinigkeiten hochziehen, da man so das Werk ganz klar abwertet, und das hat es nicht verdient. Allein das Herzblut, welches investiert wurde, die eineinhalb Jahre Dreharbeiten; sie zeugen von der Liebe Ruttmanns zu diesem Projekt und verdienen Anerkennung. Natürlich wiederholen sich einige Passagen im Film, aber ist es nicht in der Realität auch so? Natürlich stellt man sich die Frage, warum eigentlich Berlin, da der Film eigentlich genauso gut hätte in Paris, London oder New York gedreht werden können. Doch da liegt der große Reiz in diesem Werk, da „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ ein Film über jede der genannten Großstädte sein könnte, weil sie nach dem gleichen Prinzip funktionieren und am Leben gehalten werden. Es ist die allgemeine Faszination an diesen Schmelztiegeln, seinen Bewohnern, seinen Mechanismen, die diesen Film und die Städte so interessant machen. Verpackt in eine ansprechende musikalische Untermalung, dürfte sich dieses Stück lebendige Geschichte in den Herzen von Filmliebhabern festsetzen. Wenn sich dann der Film, also auch der Tag, dem Ende neigt, und man die Menschen beim abendlichen Tanzen, Speisen und Genießen des Lebens beobachtet, so möchte man meinen, dass der Tag wohl nie enden würde. Doch dann kommen einem die Anfangsszenen ins Gedächtnis und man weiß, dass auch die Stadt bald zur Ruhe kommt und ihren verdienten Schlaf erhält, damit es am nächsten Tag wieder vom Neuen losgehen kann. Sicherlich ist dies kein einfacher Film, da er von seinem Zuschauer Aufmerksamkeit und bei einigen vielleicht auch Durchhaltevermögen fordert, doch man wird nicht enttäuscht sein, und wenn man die Chance hat diesen Film zu sehen, dann sollte man diese auch ergreifen.
© Frankies Filmecke

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