Keine Standing Ovations

Von Linda Stanke

Welche Erwartungen weckt ein Buch mit dem Titel Picture Coverage of the World. Pulitzer Prize Winning Photos? Die meisten werden wohl einen Bildband vermuten, der mit ergänzenden Hintergrundinformationen zu den Bildern, den Fotografen und vielleicht noch zur Geschichte des „Pulitzer Prize for Press Photography“ ergänzt wird. Je nach wissenschaftlichem oder künstlerischem Anspruch bestimmen Text oder Bilder die äußere Erscheinung des Werkes. Blättert man durch Heinz-Dietrich Fischers 2011 im Lit Verlag erschienenes Buch, ist man sich der Bestimmung nicht sicher. Da der Textanteil überwiegt, kann nicht von einem Bildband gesprochen werden. Man einige sich also auf die wissenschaftliche Lesart.

Fischer beginnt erwartungsgemäß mit einer Einleitung, in der er seine Absicht zu diesem Buch erklärt („The book at hand attempts to document the evolution of this award“) und sein Vorgehen präsentiert, die Gewinnerfotos aus 70 Jahren „Pulitzer Prize for Press Photography“ kulturell und inhaltlich gewissenhaft einzuordnen.

In der Folge werden auf 233 Seiten alle Gewinnerfotos auf jeweils einer Doppelseite vorgestellt. Das Schema ändert sich nicht: Nach der Nennung der Kategorie („Feature Photography Award“ oder „Spot News/Breaking News Photography Award“), des Jahres, des Fotografen und der Tageszeitung, in der das Foto erschienen ist, geht der Autor in vier Absätzen kurz auf die Juryentscheidung ein, benennt weitere Nominierungen, portraitiert den Fotografen und erläutert knapp das Foto. Die Redundanz ist sicherlich dem Chronikcharakter geschuldet und stört an sich nicht, wenn der Leser einen Bildband erwartet hätte. So jedoch fehlt dem Text die Tiefe: historische oder kulturelle Hintergründe zur Entstehung der Bilder werden zwar gegeben, nicht aber in einen wissenschaftlichen Kontext eingeordnet; die Juryentscheidungen werden nicht analysiert oder kritisch hinterfragt. Der gesamt Text kratzt an der Oberfläche, mehr nicht.

Liest man das Buch hingegen als Bildband, fällt als erstes die schlechte Bildqualität auf. Zwar weist Fischer in seiner Einleitung auf Qualitätsunterschiede hin und begründet dies mit fehlendem Archivmaterial. Dieses Argument wird jedoch hinfällig bei Fotografien neueren Datums, die mit allergrößter Wahrscheinlichkeit digital vorliegen und deren Macher mit Sicherheit kontaktiert werden können, um eine bessere Auflösung des Bildes zu liefern.

Die Frage ist nun: Wenn der Verlag schon viel Geld für Bildrechte ausgibt, warum er das Material dann so lieblos abdruckt? Körnige Schwarzweiß-Fotografien können durchaus Charme besitzen, doch hier hat man sich keine Mühe gemacht, die Bildauflösung zu prüfen oder Kontraste nachzubessern. Das Gewinnerfoto „Severely wounded U.S. soldiers in Baghdad“ (John Moore et al.) aus dem Jahr 2005 beispielsweise ist pixelig. Stan Grossfelds „Shiite moslem orphans playing in Lebanon“ von 1984 ist so schlecht reproduziert, dass man auf den ersten Blick keine kleinen Mädchen mit Hoolahoop-Reifen erkennt, sondern behelmte Marsmenschen wie in Tim Burtons „Mars attacks“ vermutet. In unserem digitalen Zeitalter kann man wirklich mehr erwarten.

Der Kommunikationswissenschaftler Heinz-Dietrich Fischer hat schon zahlreiche Bücher zum Pulitzer Prize veröffentlicht. Dieses hier trägt jedoch nicht zu seiner Reputation bei. Die inhaltlichen Mängel könnte man sogar verschmerzen, wenn der Verlag sich für die richtige Präsentation dieser (informativen, aber nicht wissenschaftlichen) Arbeit entschieden hätte. Diese langweilige und billige Darstellung ist enttäuschend und rechtfertigt den hohen Ladenpreis von 89,90 EUR keineswegs.

Heinz-Dietrich Fischer: Picture Coverage of the World. Pulitzer Prize Winning Photos. Lit  Verlag 201, 244 Seiten, Text auf Englisch.

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“Der Duft von Lavendel”

von Camille Buscot

Quelle: Eurovideo

Ein älterer Mann verliebt sich in eine junge Frau. Nichts Untypisches. Doch was, wenn sich eine in die Jahre gekommene Frau in eine jungen Mann verliebt?

Die zwei alten Schwestern, Ursula und Janet (gespielt von Judi Dench und Maggie Smith) leben in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in einem idyllischen Haus direkt an der Küste von Cornwall. Nach einem Sturm wird ein junger Pole namens Andrzej an den Strand gespült. Die beiden Damen nehmen sich seiner an und pflegen ihn. Trotz der anfänglichen Verständigungsprobleme entwickelt sich eine tiefe familiäre Beziehung zwischen Andrzej und den Schwestern. Der junge Mann bringt Leben in den Alltag der alten Damen, Ursula verliebt sich sogar in Andrzej.
Nach und nach erinnert sich Andrzej an seine Liebe zur Musik und zum Geigenspiel. Als die junge attraktive Malerin Olga von dem Talent Andrzejs hört und ihn fördern möchte, wird Ursula eifersüchtig.

Quelle: Eurovideo

Diese Geschichte, die auf einer Kurzgeschichte von William John Locke beruht, könnte an sich sehr interessant sein, denn die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Mann wird sonst nur selten in Filmen angesprochen.
Doch bleibt in dieser Darstellung das Dramaturgische hinter dem Visuellen zurück. Wie so oft bei britischen Filmen ist der Film geprägt von schönen Landschaftsaufnahmen in weichen Farben und schöner (jedoch nicht besonders origineller) Musik, die der prominente Geiger Joshua Bell eigens für diesen Film komponiert hat. Die Handlung bleibt inhaltlich ziemlich flach und zieht sich in die Länge. Dies liegt leider auch an Daniel Brühl, der hier den begabten Gestrandeten lustlos an der Grenze zum Klischee spielt.
Zum Glück können die anderen Schauspieler das wiedergutmachen. Allen voran die beiden berühmten britischen Schauspielerinnen Judi Dench und Maggie Smith, die durch ihre sensible und facettenreiche Spielweise die Beziehung der beiden Schwestern und den Umgang mit der Eifersucht Ursulas sehr gut darstellen und damit den Film aufwerten. Die energische Haushälterin (sehr gut gespielt von Miriam Margolyes, bekannt aus Harry Potter) sorgt für eine Prise des berühmten britischen schwarzen Humors.

Der Duft von Lavendel ist die erste Regie- und Drehbucharbeit von Charles Dance, der bis dahin nur als Schauspieler tätig war (unter anderem Nebenrollen in „James Bond“-Filmen, „Phantom der Oper“ und „Swimming Pool“). Doch leider schafft er es trotz sehr guter Schauspielern nicht, die Geschichte mit ausreichend Tiefe zu erzählen.

Es ist wunderbar, Maggie Smith und Judi Dench zusammen in einem Film zu sehen, doch wird ihnen „Der Duft von Lavendel“ leider nicht gerecht.

Der Duft von Lavendel. GB 2004. Regie und Buch: Charles Dance. Musik: Joshua Ball. Mit Judi Dench, Maggie Smith, Daniel Brühl, Natasha McElhone.

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Tillmann, Michael: „Über ‚Heymann Steinthal und die Grundlegung der Völkerpsychologie in Deutschland im 19. Jahrhundert‘ von Celine Trautmann-Waller“, 24.11.06

„Über ‚Heymann Steinthal und die Grundlegung der Völkerpsychologie in Deutschland im 19. Jahrhundert‘ Von Celine Trautmann-Waller“, 24.11.06

Von Michael Tillmann

Heymann Steinthal

Dieses Buch über den Linguisten, Anthropologen und Philosophen Heymann Steinthal (1823-1899) und über die Völkerpsychologie, die er mit seinem Freund Moritz Lazarus (1824-1903) begründete, versteht sich als Beitrag zu einer Kulturgeschichte Deutschlands zwischen 1840 und 1900 und zu einer Geschichte der wissenschaftlichen und intellektuellen Soziabilitäten im damaligen Berlin. Es untersucht die Entstehungsgeschichte der Kulturwissenschaften als einen der wesentlichen Aspekte der deutschen Geistesgeschichte im 19. Jahrhundert.

Die biographische Laufbahn Steinthals, von dem jüdischen Theologiestudenten bis zum Humboldtianer und zum Sprachwissenschaftler, zum Begründer einer Völkerpsychologie und zum Verteidiger der Ethik, fasst innerhalb einer einzigen Lebensspanne die allgemeine Entwicklung der Geistes- und Sozialwissenschaften im 19. Jahrhundert zusammen, von dem Willen, in der Linguistik eine objektive und positive Methode festzulegen, bis zu den Versuchen, letztere auf den Bereich des kulturellen und sozialen Lebens allgemein auszudehnen. Die Analyse von Steinthals ersten Arbeiten ermöglicht es, seinen Übergang vom Humboldtianismus zu einer psychologischen Linguistik zu verdeutlichen. Letztere fordert eine theoretische Autonomie der Linguistik, die auf der Trennung von Grammatik und Logik beruht. In Paris, wo er sich zwischen 1852 und 1856 aufhielt, führte Steinthal die Infragestellung der Hegemonie des indogermanischen Paradigmas durch sein intensives Studium der chinesischen Sprache weiter. Seine Beteiligung an einer regen deutsch-französischen wissenschaftlichen Soziabilität ließ ihn zur selben Zeit der entstehenden französischen Sozialwissenschaften gewahr werden, die sich in der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Ideologen, dem Werk Auguste Comtes und in den Aktivitäten verschiedener ethnologischer und anthropologischer Gesellschaften herausbildeten.

Die berühmte Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, die 1859 nach der Rückkehr Steinthals aus Paris von ihm und Lazarus gegründet wurde, stellt einen Versuch dar, sämtliche spezialisierte philologische Forschungen zu synthetisieren und verschiedene deutsche Geschichtsphilosophien zu verwissenschaftlichen, d.h. zu “empirisieren” und zu “psychologisieren”. Indem die Zeitschrift Philologen, Linguisten, Ethnologen, Volkskundler und Anthropologen, erste Statistiker und zukünftige Soziologen, Psychologen und Erdkundler, Rechts-, Wirtschafts- und Kunsthistoriker, Romanisten, Slawisten oder Orientalisten versammelte, wollte sie auf die sich steigernde wissenschaftliche Spezialisierung reagieren und den Weg einer mehr erklärenden als deskriptiven Wissenschaft der kollektiven Vorstellungen weisen, die die tief liegenden Gesetze des Kulturlebens ergründen würde. Das ganze Projekt ist nicht zu trennen von der Krise des Idealismus, obwohl es noch viele Remanenzen desselben mit sich trägt. Die Völkerpsychologie von Steinthal und Lazarus, die Elemente der hegelschen Geschichtsphilosophie mit Intuitionen der humboldtschen Anthropologie und Prinzipien der von Johann Friedrich Herbart entwickelten Psychologie verband und an der auch eine gewisse Anzahl der ersten Neukantianer beteiligt waren, verkörpert also weniger eine philosophische Einheit, als die Beteiligung verschiedener philosophischer Tendenzen an einem gemeinsamen Projekt, das auf eine empirische Wissenschaft der Kulturen zielte.

Die genaue Untersuchung der zwanzig Bände, die zwischen 1859 und 1890 erschienen, schließt eine Lücke in der Forschung und erlaubt es, die Dynamik eines Diskursmilieus zu analysieren, das die extensive Philologie von August Boeckh mit der Kunstgeschichte der Schüler Franz Kuglers, der Anthropologie Rudolf Virchows und dessen progressivem Liberalismus, der von Wilhelm Griesinger unternommenen Reform der Psychiatrie, dem Realismus eines Paul Heyses oder eines Berthold Auerbach, der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums oder der Berliner Tradition der Statistik vernetzt. Historisch betrachtet erweist sich die Völkerpsychologie als ein “Durchgangsort”, der zu anderen neuen Disziplinen führte, ein “Durchgangsort”, wo sich auf sehr erhellende Art und Weise die Lebensläufe des Soziologen Georg Simmel und des Neukantianers Hermann Cohen, des Islamologen Ignaz Goldziher und des Begründers der Berliner Ethnologie Adolf Bastian begegnen. Gerade als Übergangserscheinung ist die Völkerpsychologie interessant, doch gerade als solche tendiert sie eben auch dazu, in den intellektuellen Biographien der einen oder anderen oder in den Darstellungen der wichtigsten intellektuellen Strömungen des 19. Jahrhunderts zu verschwinden.

Indem sie ein Diskursmilieu widerspiegelt, weist die Zeitschrift auch auf eine tiefe Umwandlung der öffentlichen Sphäre, die durch die Entwicklung der deutschen Gesellschaft und des politischen Lebens bedingt war. Wird die Zeitschrift während der ersten Jahre durch den relativen Optimismus der 60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts getragen, so liefert die Allgemeine Ethik (1885) Steinthals das Echo der Krisen, die kurz darauf das liberale Modell affizierten: der Gründerkrach von 1873, die innere Krise / Innenpolitik von 1878/79 und der Antisemitismusstreit. Mit der Ethik Steinthals stehen die letzten Jahre der Völkerpsychologie in Verbindung mit einer weiteren ethischen Bewegung, die versucht hat die reformistischen Sichten der Linksliberalen (Laizismus, Demokratie, Anti-Militarismus, Solidarität, Frauenemanzipation) durchzusetzen und die sich tendenziell den deutschen Sozialisten annäherte. Wenn die Geschichte dieser Bewegung heute wenig bekannt ist, so wohl deshalb weil zur selben Zeit der aufsteigende Antisemitismus ein zentraler Faktor der Volksideologie und der deutschen Politik wurde, indem er, über die Frage der jüdischen Integration hinaus, den liberalen Prinzipien und dem Bildungsideal widersprach. Obwohl die Völkerpsychologie von Steinthal und Lazarus heute oft dem Nationalismus der damaligen Zeit zu entsprechen scheint, litt sie in Wirklichkeit durch die Verteidigung eines universalistischen Humanitätsideals auch unter einem relativ asynchronen Charakter.

Als wichtiger deutscher Moment der Begründung der modernen Geistes- und Sozialwissenschaften und eines modernen Kulturbegriffes in Europa erweist sich diese “Culturwissenschaft” auch in mancher Hinsicht als Ergebnis einer Reihe von Transfers und Differenzierungsprozessen, durch die Deutschland mit einer guten Dosis Kritizismus, Psychologie und Anthropologie französische Modelle integrierte und umwandelte. Steinthal setzt Herbart, Herder, Vico, Humboldt und Ritter gegen die Naturalisierungen, deren sich die französischen Sozialwissenschaften seiner Meinung nach manchmal schuldig machen ein, gegen die rousseauistischen Theorien des Sprachursprungs, des “Contrat social” und des “bon sauvage”, die seiner Meinung nach nicht berücksichtigen, wie sehr die Kultur unabdingbar zum Wesen selbst des Menschen gehört. Diese Studie zeigt, dass Steinthals Kulturwissenschaft, weit davon entfernt hierin ein Hindernis für den Universalismus zu sehen, im Gegenteil versucht letzteren auf pluralistischen Fundamenten aufzubauen.

© Céline Trautmann-Waller für passerelle.de, November 2006

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Tillmann, Michael: „Das Problem der Religion. Über ’Les religions meurtrières’ von Élie Barnavi und ’Peut-on ne pas croire ? Sur la vérité, la croyance et la foi’ Von Jacques Bouveresse“, 08.03.07

„Das Problem der Religion. Über ’Les religions meurtrières’ Von Élie Barnavi und ’Peut-on ne pas croire ? Sur la vérité, la croyance et la foi’ Von Jacques Bouveresse“, 08.03.07

Von Michael Tillmann

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Dass die Religion international wie innerhalb einzelner Länder wieder als politisch konfliktträchtig wahrgenommen wird, stellt im Ernst kaum jemand in Frage. Dass dies natürlich vor allem auch für die andersgläubigen Minderheiten in den europäischen Ländern gilt, dafür gab es sowohl in Deutschland als auch in Frankreich in den letzten Monaten hinreichend Beispiele. In Frankreich erregte vor allem der Fall des Philosophielehrers und Publizisten Robert Redeker Aufsehen, der im Anschluss an einen kritischen Artikel über eine der islamischen Religion inhärente Gewaltideologie in der Tageszeitung Le Figaro Morddrohungen erhielt und seinen Lehrberuf nicht mehr ausüben kann. Die christliche Zeitschrift La Vie veröffentlicht in ihrer neuesten Ausgabe vom 1. März eine große Untersuchung zur (relativen) Bedeutung der verschiedenen, in Frankreich beheimateten Religionen und zeichnet die aktuelle Karte der Konfessionen. In einem Land, in dem eine strikte Trennung von Kirche und Staat, der Leitgedanke der Laizität zu den Gründungsmythen einer republikanischen Staatsordnung gehört, ist die Religion und die Frage nach ihrem Platz in der öffentlichen Debatte naturgemäß ein hochsensibles Thema. Zwei vor kurzem erschienene Buchpublikationen befassen sich eingehend, allerdings unter zwei unterschiedlichen Gesichtspunkten mit diesem Konfliktphänomen.

In seiner Streitschrift Les religions meurtrières plädiert der Historiker, ehemalige israelische Botschafter in Paris und aktuelle Leiter des wissenschaftlichen Beirats des Brüsseler Europa-Museums, Élie Barnavi, für eine erneuerte und klare Ortsbestimmung der westlichen Zivilisation: “In der Tat scheint es, dass jede Gemeinschaft für ihren eigenen Fortbestand ein überindividuelles Wertesystem benötigt, das ihrer kollektiven Existenz erst Sinn verleiht. Wahrscheinlich liegt genau hierin der wunde Punkt des Westens. Die atomisierte, auf das Individuum und seine unveräußerlichen Rechte ausgerichtete liberale Gesellschaft hat den Sinn für das Heilige (ich sage bewusst nicht: das Religiöse) verloren. Die Menschenrechte sind immer noch das kostbarste Erbe der Aufklärung, aber sie allein können keine Gemeinschaft begründen. Schon der französische Historiker François Furet hatte überzeugend nachgewiesen, dass die Schwierigkeiten der Revolutionspolitiker bei der Schaffung stabiler Institutionen auf den Ruinen des alten Staates gerade auch mit diesem Unvermögen zu tun hatten, einen glaubwürdigen Ersatz für die kollektive Basis des Staates des Ancien Régime zu erfinden. Daraus erklärt sich das Bedürfnis nach einer Zivilreligion, deren einzelne Bestandteile wir kennen: Die Menschenrechte gehören natürlich dazu, darüber hinaus aber auch die Nationalgeschichte, die souveräne Nation, die Verfassung und die Republik. Nach einem mühsam-zögerlichen, mehr als ein Jahrhundert währenden Beginn hat dies insgesamt eher gut funktioniert. Heute jedoch stößt dieses Modell offensichtlich an seine Grenzen. Ob es uns gelingt, eine neue Zivilreligion erstehen zu lassen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich weiß nur, dass es dringend geboten ist, die unerlässlichen Regeln für die Domestizierung des Numinosen „€“ wie es im Fachjargon manchmal heißt „€“ neu zu behaupten, um es innerhalb zivilisierter Grenzen zu halten. Solche Regeln existieren bereits: Man nennt sie Laizität. Diese Laizität, ohne die eine Demokratie gar nicht möglich ist, müssen wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, ohne Einschränkungen und Konzessionen verteidigen.”

Wissenschaftsphilosophisch, bisweilen auch polemisch und mit der gewohnten sprachlichen Präzision, Stilsicherheit und gedanklichen Klarheit befasst sich der französische Philosoph und Lehrstuhlinhaber am prestigeträchtigen Collège de France, Jacques Bouveresse, in seinem Buch Peut-on ne pas croire ? : Sur la vérité, la croyance & la foi mit der Problematik des Religiösen. In vier älteren, teilweise deutlich überarbeiteten Artikeln kommentiert der in Deutschland vor allem als Musil-Experte bekannte Bouveresse die Wiederkehr des Religiösen und das Machtgleichgewicht zwischen religiösem Glauben und Wissenschaft, das längst nicht mehr so klar zugunsten letzterer ausfällt wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Der vielleicht wichtigste Artikel trägt den Titel “Muss die Religion verteidigt werden?”. Darin analysiert Bouveresse u.a. das Verhältnis zwischen Glaube und Wissen, die Natur der religiösen Erfahrung, die Möglichkeit einer “Glaubensethik”, die Beziehungen zwischen Religion, Wissenschaft, Wahrheit und Demokratie. Es ist nicht weiter überraschend, dass Bouveresse, ein entschiedener Gegner einer oberflächlichen, zu übereilten Relativierungen neigenden Postmoderne, hier alles andere als ein Loblied auf Glauben und Religion anstimmt. Um ein antireligiöses Pamphlet handelt es sich allerdings auch nicht. Vielmehr kommentiert der französische Erkenntnisphilosoph die Thesen und Überlegungen zu der Religionsproblematik, wie sie so ehrwürdige Ahnherren wie Ernest Renan, Sigmund Freud, William James, Bertrand Russell, Jürgen Habermas, William K. Clifford und (natürlich) Ludwig Wittgenstein, einen seiner geistigen Ziehväter, entwickelt haben. Dabei bemüht sich Jacques Bouveresse um den Nachweis, dass der Glaube zwar durchaus begründet sein mag, dass man allerdings oftmals aus den falschen Gründen glaubt, dass manche Formen des Glaubens keinerlei Respekt verdienen, dass falsche religiöse Überzeugungen trotz ihrer nachweisbaren Falschheit eine mächtige Wirkung entfalten können und – vor allem – dass es keinerlei Grund gibt, sich für seinen Unglauben, für eine kritische und rational begründbare Wissenschaft des Denkens und Argumentierens zu schämen.

© passerelle.de, März 2007

BARNAVI, ÉLIE (2006): Les religions meurtrières. Paris, Flammarion, 142 Seiten.
BOUVERESSE, JACQUES (2007): Peut-on ne pas croire ? : Sur la vérité, la croyance & la foi. Marseille, Agone, 286 Seiten.

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Tillmann, Michael: “Wesen und Werden der Soziologie in einem kompakten Überblick. Über ‘La construction de la sociologie’ von Jean-Michel Berthelot”, 31.05.06

“Wesen und Werden der Soziologie in einem kompakten Überblick. Über ‘La construction de la sociologie’ von Jean-Michel Berthelot”, 31.05.06

Von Michael Tillmann

BERTHELOT, Jean-Michel: La construction de la sociologie. Paris, PUF 2005.

La construction de la sociologie

Jean-Michel Berthelot hat mit seiner erstmals 1991 und nun Ende 2005 in überarbeiteter Fassung erschienenen Konstruktion der Soziologie eine kompakte Einführung in die Geschichte des Faches vorgelegt. Dieser Einführungsband zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass hier vor allem das Einigende einer in vielerlei unterschiedliche Forschungsrichtungen zerfallenden Soziologie in den Mittelpunkt gestellt wird. Dabei geht es dem Anfang des Jahres verstorbenen Wissenschaftssoziologen weniger um einen ideengeschichtlichen Abriss. Vielmehr versucht der Autor, das Forschungsprogramm der wichtigsten Autoren in seinen wesentlichen Charakteristika zu skizzieren und dessen Genese mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Bezug zu setzen.

In Kapitel I lässt Berthelot die Vorläufer soziologischen Denkens im 19. Jahrhundert (etwa Le Play, Tocqueville, Marx, Spencer, Comte) Revue passieren, kommt hier allerdings zu dem Schluss, dass trotz einer beeindruckenden Ansammlung an Daten, neu entstandener Erhebungsmethoden oder auch erkenntnisreicher Sozialstudien die epistemologischen Grundlagen einer wirklichen Disziplin noch allzu schwach entwickelt sind. Erst mit Émile Durkheim und Max Weber entsteht ein reflexives soziologisches Denken im eigentlichen Sinne, das im Unterschied zu den Entwicklungen im angelsächsischen Raum theoretischen und epistemologischen Fragestellungen nachgeht. Bei allen – zum Teil nicht unerheblichen – Unterschieden zwischen den Forschungsprogrammen der beiden Autoren zeichnen sich diese durch ihre reflexive Auseinandersetzung mit ihrem Untersuchungsobjekt aus (Kapitel II). Nach dieser Grundsteinlegung folgt eine Phase der Reife, die dem Autor zufolge von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis zu den 50er Jahren reicht. In dieser Zeit entwickelt sich vor allem die empirische Soziologie, und das Zentrum soziologischen Arbeitens verlagert sich von Europa in die Vereinigten Staaten (Kapitel III). In Kapitel IV schließlich werden die “großen Programme der modernen Soziologie”, d.h. Kausalismus, Funktionalismus, Strukturalismus einerseits, phänomenologische Soziologie, symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie andererseits anhand einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen einem “objektivistischen” und einem “subjektivistischen” Foschungspol (vgl. begriffliche Erklärung im Glossar) eingeteilt und in ihren zentralen Besonderheiten vorgestellt. Das letzte Kapitel schließlich weitet den Horizont auf zeitgenössische Entwicklungen von Bourdieu über Habermas und Luhmann bis hin zu der pragmatischen Soziologie um Boltanski und Thévenot. Interessante Leser finden hier sowohl eine Quelle an präzisen Informationen als auch einen gedrängten Überblick über Wesen und Werden eines Faches.

Eine ausführlichere Rezension in französischer Sprache finden Sie auf www.liens-socio.org

© passerelle.de, April 2006

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