Tillmann, Michael: „Das Problem der Religion. Über ’Les religions meurtrières’ von Élie Barnavi und ’Peut-on ne pas croire ? Sur la vérité, la croyance et la foi’ Von Jacques Bouveresse“, 08.03.07

„Das Problem der Religion. Über ’Les religions meurtrières’ Von Élie Barnavi und ’Peut-on ne pas croire ? Sur la vérité, la croyance et la foi’ Von Jacques Bouveresse“, 08.03.07

Von Michael Tillmann

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Dass die Religion international wie innerhalb einzelner Länder wieder als politisch konfliktträchtig wahrgenommen wird, stellt im Ernst kaum jemand in Frage. Dass dies natürlich vor allem auch für die andersgläubigen Minderheiten in den europäischen Ländern gilt, dafür gab es sowohl in Deutschland als auch in Frankreich in den letzten Monaten hinreichend Beispiele. In Frankreich erregte vor allem der Fall des Philosophielehrers und Publizisten Robert Redeker Aufsehen, der im Anschluss an einen kritischen Artikel über eine der islamischen Religion inhärente Gewaltideologie in der Tageszeitung Le Figaro Morddrohungen erhielt und seinen Lehrberuf nicht mehr ausüben kann. Die christliche Zeitschrift La Vie veröffentlicht in ihrer neuesten Ausgabe vom 1. März eine große Untersuchung zur (relativen) Bedeutung der verschiedenen, in Frankreich beheimateten Religionen und zeichnet die aktuelle Karte der Konfessionen. In einem Land, in dem eine strikte Trennung von Kirche und Staat, der Leitgedanke der Laizität zu den Gründungsmythen einer republikanischen Staatsordnung gehört, ist die Religion und die Frage nach ihrem Platz in der öffentlichen Debatte naturgemäß ein hochsensibles Thema. Zwei vor kurzem erschienene Buchpublikationen befassen sich eingehend, allerdings unter zwei unterschiedlichen Gesichtspunkten mit diesem Konfliktphänomen.

In seiner Streitschrift Les religions meurtrières plädiert der Historiker, ehemalige israelische Botschafter in Paris und aktuelle Leiter des wissenschaftlichen Beirats des Brüsseler Europa-Museums, Élie Barnavi, für eine erneuerte und klare Ortsbestimmung der westlichen Zivilisation: “In der Tat scheint es, dass jede Gemeinschaft für ihren eigenen Fortbestand ein überindividuelles Wertesystem benötigt, das ihrer kollektiven Existenz erst Sinn verleiht. Wahrscheinlich liegt genau hierin der wunde Punkt des Westens. Die atomisierte, auf das Individuum und seine unveräußerlichen Rechte ausgerichtete liberale Gesellschaft hat den Sinn für das Heilige (ich sage bewusst nicht: das Religiöse) verloren. Die Menschenrechte sind immer noch das kostbarste Erbe der Aufklärung, aber sie allein können keine Gemeinschaft begründen. Schon der französische Historiker François Furet hatte überzeugend nachgewiesen, dass die Schwierigkeiten der Revolutionspolitiker bei der Schaffung stabiler Institutionen auf den Ruinen des alten Staates gerade auch mit diesem Unvermögen zu tun hatten, einen glaubwürdigen Ersatz für die kollektive Basis des Staates des Ancien Régime zu erfinden. Daraus erklärt sich das Bedürfnis nach einer Zivilreligion, deren einzelne Bestandteile wir kennen: Die Menschenrechte gehören natürlich dazu, darüber hinaus aber auch die Nationalgeschichte, die souveräne Nation, die Verfassung und die Republik. Nach einem mühsam-zögerlichen, mehr als ein Jahrhundert währenden Beginn hat dies insgesamt eher gut funktioniert. Heute jedoch stößt dieses Modell offensichtlich an seine Grenzen. Ob es uns gelingt, eine neue Zivilreligion erstehen zu lassen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich weiß nur, dass es dringend geboten ist, die unerlässlichen Regeln für die Domestizierung des Numinosen „€“ wie es im Fachjargon manchmal heißt „€“ neu zu behaupten, um es innerhalb zivilisierter Grenzen zu halten. Solche Regeln existieren bereits: Man nennt sie Laizität. Diese Laizität, ohne die eine Demokratie gar nicht möglich ist, müssen wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, ohne Einschränkungen und Konzessionen verteidigen.”

Wissenschaftsphilosophisch, bisweilen auch polemisch und mit der gewohnten sprachlichen Präzision, Stilsicherheit und gedanklichen Klarheit befasst sich der französische Philosoph und Lehrstuhlinhaber am prestigeträchtigen Collège de France, Jacques Bouveresse, in seinem Buch Peut-on ne pas croire ? : Sur la vérité, la croyance & la foi mit der Problematik des Religiösen. In vier älteren, teilweise deutlich überarbeiteten Artikeln kommentiert der in Deutschland vor allem als Musil-Experte bekannte Bouveresse die Wiederkehr des Religiösen und das Machtgleichgewicht zwischen religiösem Glauben und Wissenschaft, das längst nicht mehr so klar zugunsten letzterer ausfällt wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Der vielleicht wichtigste Artikel trägt den Titel “Muss die Religion verteidigt werden?”. Darin analysiert Bouveresse u.a. das Verhältnis zwischen Glaube und Wissen, die Natur der religiösen Erfahrung, die Möglichkeit einer “Glaubensethik”, die Beziehungen zwischen Religion, Wissenschaft, Wahrheit und Demokratie. Es ist nicht weiter überraschend, dass Bouveresse, ein entschiedener Gegner einer oberflächlichen, zu übereilten Relativierungen neigenden Postmoderne, hier alles andere als ein Loblied auf Glauben und Religion anstimmt. Um ein antireligiöses Pamphlet handelt es sich allerdings auch nicht. Vielmehr kommentiert der französische Erkenntnisphilosoph die Thesen und Überlegungen zu der Religionsproblematik, wie sie so ehrwürdige Ahnherren wie Ernest Renan, Sigmund Freud, William James, Bertrand Russell, Jürgen Habermas, William K. Clifford und (natürlich) Ludwig Wittgenstein, einen seiner geistigen Ziehväter, entwickelt haben. Dabei bemüht sich Jacques Bouveresse um den Nachweis, dass der Glaube zwar durchaus begründet sein mag, dass man allerdings oftmals aus den falschen Gründen glaubt, dass manche Formen des Glaubens keinerlei Respekt verdienen, dass falsche religiöse Überzeugungen trotz ihrer nachweisbaren Falschheit eine mächtige Wirkung entfalten können und – vor allem – dass es keinerlei Grund gibt, sich für seinen Unglauben, für eine kritische und rational begründbare Wissenschaft des Denkens und Argumentierens zu schämen.

© passerelle.de, März 2007

BARNAVI, ÉLIE (2006): Les religions meurtrières. Paris, Flammarion, 142 Seiten.
BOUVERESSE, JACQUES (2007): Peut-on ne pas croire ? : Sur la vérité, la croyance & la foi. Marseille, Agone, 286 Seiten.

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Tillmann, Michael: “Wesen und Werden der Soziologie in einem kompakten Überblick. Über ‘La construction de la sociologie’ von Jean-Michel Berthelot”, 31.05.06

“Wesen und Werden der Soziologie in einem kompakten Überblick. Über ‘La construction de la sociologie’ von Jean-Michel Berthelot”, 31.05.06

Von Michael Tillmann

BERTHELOT, Jean-Michel: La construction de la sociologie. Paris, PUF 2005.

La construction de la sociologie

Jean-Michel Berthelot hat mit seiner erstmals 1991 und nun Ende 2005 in überarbeiteter Fassung erschienenen Konstruktion der Soziologie eine kompakte Einführung in die Geschichte des Faches vorgelegt. Dieser Einführungsband zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass hier vor allem das Einigende einer in vielerlei unterschiedliche Forschungsrichtungen zerfallenden Soziologie in den Mittelpunkt gestellt wird. Dabei geht es dem Anfang des Jahres verstorbenen Wissenschaftssoziologen weniger um einen ideengeschichtlichen Abriss. Vielmehr versucht der Autor, das Forschungsprogramm der wichtigsten Autoren in seinen wesentlichen Charakteristika zu skizzieren und dessen Genese mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Bezug zu setzen.

In Kapitel I lässt Berthelot die Vorläufer soziologischen Denkens im 19. Jahrhundert (etwa Le Play, Tocqueville, Marx, Spencer, Comte) Revue passieren, kommt hier allerdings zu dem Schluss, dass trotz einer beeindruckenden Ansammlung an Daten, neu entstandener Erhebungsmethoden oder auch erkenntnisreicher Sozialstudien die epistemologischen Grundlagen einer wirklichen Disziplin noch allzu schwach entwickelt sind. Erst mit Émile Durkheim und Max Weber entsteht ein reflexives soziologisches Denken im eigentlichen Sinne, das im Unterschied zu den Entwicklungen im angelsächsischen Raum theoretischen und epistemologischen Fragestellungen nachgeht. Bei allen – zum Teil nicht unerheblichen – Unterschieden zwischen den Forschungsprogrammen der beiden Autoren zeichnen sich diese durch ihre reflexive Auseinandersetzung mit ihrem Untersuchungsobjekt aus (Kapitel II). Nach dieser Grundsteinlegung folgt eine Phase der Reife, die dem Autor zufolge von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis zu den 50er Jahren reicht. In dieser Zeit entwickelt sich vor allem die empirische Soziologie, und das Zentrum soziologischen Arbeitens verlagert sich von Europa in die Vereinigten Staaten (Kapitel III). In Kapitel IV schließlich werden die “großen Programme der modernen Soziologie”, d.h. Kausalismus, Funktionalismus, Strukturalismus einerseits, phänomenologische Soziologie, symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie andererseits anhand einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen einem “objektivistischen” und einem “subjektivistischen” Foschungspol (vgl. begriffliche Erklärung im Glossar) eingeteilt und in ihren zentralen Besonderheiten vorgestellt. Das letzte Kapitel schließlich weitet den Horizont auf zeitgenössische Entwicklungen von Bourdieu über Habermas und Luhmann bis hin zu der pragmatischen Soziologie um Boltanski und Thévenot. Interessante Leser finden hier sowohl eine Quelle an präzisen Informationen als auch einen gedrängten Überblick über Wesen und Werden eines Faches.

Eine ausführlichere Rezension in französischer Sprache finden Sie auf www.liens-socio.org

© passerelle.de, April 2006

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Tillmann, Michael: “Der vernetzte Kapitalismus. Über ‘Le nouvel esprit du capitalisme’ von Luc Boltanski und Eve Chiapello”, 31.05.06

“Der vernetzte Kapitalismus. Über ‘Le nouvel esprit du capitalisme’ von Luc Boltanski und Eve Chiapello, 31.05.06

Von Michael Tillmann

BOLTANSKI, Luc/CHIAPELLO, Eve: Le nouvel esprit du capitalisme. Paris: Gallimard 1999.

Le nouvel esprit du capitalisme

Die Transformationen, die der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten durchlebt hat, sind zumeist als eine Folge der Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen und – zumal in den 80er und frühen 90er Jahren – als eine Konsequenz der Liberalisierung der ihnen zugrunde liegenden Wirtschaftsideologie beschrieben worden. Eine stärkere Involvierung der Mitarbeiter in die Unternehmensgeschäfte, leistungsbezogene Gehälter, eine Individualisierung und Personalisierung der Arbeitsaufgaben, projektbezogenes Arbeiten, netzförmige Organisationsformen usw. ergeben sich aus dieser Perspektive aus dem Siegeszug nahezu frühkapitalistischer Zustände. Demgegenüber – und ohne diese Einflüsse leugnen zu wollen – entwickeln der französische Soziologe Luc Boltanski und die Wirtschaftswissenschaftlerin Eve Chiapello eine Argumentation, die letztlich auf einem dialektischen Wechselverhältnis zwischen “dem” Kapitalismus und seiner Kritik gründet und die Transformationen aus einem Rechtfertigungsimperativ ableitet. Bereits in früheren Schriften hat Luc Boltanski (vor allem 1990) die Kritik als zentrales Element gesellschaftlichen Handelns erkannt und zusammen mit Laurent Thévenot (1991) konzeptuell zu dem Modell der cité ausgearbeitet. Hier nun unterscheiden die beiden Autoren zwischen zwei Formen der Kritik, denen sich der Kapitalismus, d.h. seine gehobenen Repräsentanten in Gestalt von Topmanagern, Unternehmensleitern, Vorstandsvorsitzenden, unternehmensnahen think tanks usw. stellen müssen. Neben einer Sozialkritik (z.B. als Forderung nach Lohnerhöhung oder Arbeitsplatzsicherheit) muss der Kapitalismus auch auf eine so genannte Künstlerkritik reagieren. Dabei geht es weniger um eine Kritik an der materiellen Ausbeutung der Arbeiter und Angestellten als um eine Kritik an fehlenden Freiräumen und einem Mangel an Selbstverwirklichung. Diese Form der Kritik ist also ihrem Wesen nach emanzipatorisch. Die Pariser Mai-Unruhen 1968 sind ein Kristallisationspunkt, in dem sich beide Kritikformen trotz aller Gegensätze und Unterschiede zu einer explosiven Mischung verbinden. Auf diese nicht nur das politische System, sondern auch den kapitalistischen Prozess in seinen Grundfesten bedrohenden (verbal-argumentativen, aber auch physischen) Angriffe müssen die entscheidenden Instanzen reagieren, wollen sie nicht die Unterstützung und das Engagement der Arbeiter- und Angestelltenschaft verlieren. In der Tat gehen die beiden Autoren davon aus, dass der Kapitalismus nicht zukunftsfähig ist, wenn es ihm nicht gelingt, die Wirtschaftsakteure (als Erwerbstätige und als Konsumenten) dauerhaft an die Unternehmen zu binden. Dazu genügt es jedoch nicht, dass der Kapitalismus ihnen ein mehr oder weniger gesichertes Auskommen gewährleistet. Vielmehr bedarf es auch einer gewissen inhaltlichen, ideologischen oder programmatischen Übereinstimmung mit den Zielen des Kapitalismus. Während die Arbeitgeber die Kapitalismuskritik zuallererst als eine Sozialkritik deuten, müssen sie bald erkennen, dass die getroffenen Maßnahmen einerseits nicht die gewünschte Wirkung zeigen und dass sie andererseits große finanzielle Belastungen für die Unternehmer mit sich brachten. So verlagerten sich alsbald die Fronten. Anstatt der Sozialkritik zu genügen, setzten die Arbeitgeber zunehmend auf die Künstlerkritik, der sie durch arbeitsorganisatorische Innovationen entgegenkamen. Diese unterschieden sich deutlich von der standardisierten Massenproduktion des zweiten kapitalistischen Geistes und ließen dem Individuum größere Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten. So entstand den beiden Autoren zufolge ein neuer Geist des Kapitalismus, der auf den Konzepten des Netzes und des Projektes aufbaut. Darüber hinaus ist diese großangelegte Studie über die Entwicklungen des kapitalistischen Geistes jedoch weit mehr als eine zeitkritische Analyse oder gar politische Parteinahme, als die sie in Frankreich oft und in Deutschland ausschließlich verstanden wurde. Sie ist gleichzeitig eine Weiterführung der Theorie der Polisformen, die Luc Boltanski – wie bereits erwähnt – zusammen mit Laurent Thévenot in “De la justification” entwickelt hat. Einer der Kritikpunkte, der diesem Modell zur Analyse der Rechtfertigungslogiken menschlichen Handelns wiederholt vorgeworfen wurde, zielte auf die vermeintliche Statik dieses Modells, mit dem Veränderungen nur schwer zu erklären seien. Insofern kommt den Ergebnissen der Wandlungsprozesse des kapitalistischen Geistes, der nun in ein drittes Stadium eingetreten ist, eine sozialtheoretische Bedeutung hinzu. Nach dem familienweltlich-paternalistischen Kapitalismus und der industrieweltlichen Massenproduktion – und ihren jeweiligen archetypischen Symbolgestalten des Bourgeois und des Firmendirektors – ist nun der vernetzte, projektbezogene Kapitalismus dominant. Dass dieser Veränderungsprozess wohl nicht nur auf den Kapitalismus beschränkt sein dürfte, sondern eine viel allgemeinere Tragweite besitzt und – nicht zuletzt durch die Leitfunktion des Wirtschaftssystems und dessen weitreichende Verästelungen in andere Lebenssphären hinein – eine neuartige Rechtfertigungslogik und gesellschaftliche Wertigkeitsordnung (oder, wenn man so will, Gerechtigkeitsordnung) begründet oder doch begründen könnte, ist keine sehr spekulative Interpretation. Mobilität als zentraler Begriff dieser projektbasierten Rechtfertigungsordnung ist ein allgemeiner gesellschaftlicher Wert geworden, der weit über das rein ökonomische hinausweist. Vgl. zur Soziologie Boltanskis auch das Nachwort des Übersetzers.© passerelle.de , Winter 2002

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Tillmann, Michael: “Individualismus vs. Holismus. Die Abneigung der Intellektuellen gegenüber dem philosophischen Liberalismus. Über ‘Pourquoi les intellectuels n’aiment pas le libéralisme’ von Raymond Boudon”, 31.05.06

“Individualismus vs. Holismus. Die Abneigung der Intellektuellen gegenüber dem philosophischen Liberalismus. Über ‘Pourquoi les intellectuels n’aiment pas le libéralisme’ von Raymond Boudon”, 31.05.06

Von Michael Tillmann

BOUDON, Raymond: Pourquoi les intellectuels n’aiment pas le libéralisme. Paris: Odile Jacob 2004.

Pourquoi les intellectuels n'aiment pas le libéralismeRaymond Boudon ist vielleicht der angelsächsischste der französischen Soziologen. Als brillanter Vertreter des methodologischen Individualismus, der gewöhnlich – zu Unrecht, wie der Autor mit zahlreichen Verweisen auf das methodische Vorgehen Tocquevilles, Durkheims und Webers belegt – einer angelsächsischen Wissenschaftskultur zugeschrieben wird, ficht er in Frankreich oder zumindest in der französischen Öffentlichkeit in der Tat einen einsamen Kampf gegen das – wie er es nennt – holistische Denken eines Bourdieu, Foucault, Girard, gegen die methodologischen Fragwürdigkeiten des Kulturalismus und Relativismus. ((Es sei allerdings angemerkt, dass man kein Verfechter des methodologischen Individualismus zu sein braucht, um bestimmte Fehlentwicklungen – wie einen um sich greifenden Relativismus und eine fadenscheinige Demokratisierung der Wissenschaftslandschaft – kritisch zu bewerten (vgl. etwa Lahire 2005, insbesondere den Aufsatz zur Doktorarbeit von Elisabeth Tessier: Lahire 2005: 351-387).)) Gerade seine letzten Publikationen – ein Interviewband zu seinem intellektuellen Werdegang, seinem Werk und der Lage der Soziologie (2003) und eine soziologische Analyse des oft beklagten Werteverfalls (2002) – zeugen von einem pointierten Gespür für die Formulierung und soziologische Analyse gesellschaftlich relevanter Problematiken.

Dasselbe gilt für seine Untersuchung Warum die Intellektuellen den Liberalismus nicht mögen. Auch hier mobilisiert Raymond Boudon das gesamte methodische Arsenal seiner Forschungsrichtung, um der rätselhaften Abneigung weiter Teile der Geisteselite in Frankreich und anderen Ländern gegen den Liberalismus auf den Grund zu gehen. Dabei geht es im Wesentlichen um einen “philosophischen Liberalismus”, d.h. um das Bekenntnis zur Autonomie des Individuums und einer “rationalen” Psychologie. Von einem derart definierten Liberalismus lässt sich das illiberale Denken dadurch abgrenzen, dass eine Alltagspsychologie abgelehnt und das Individuum als heteronom betrachtet wird. Diese Fremdbestimmung kann verschiedene Formen annehmen. Anstatt von einem rational handelnden Akteur auszugehen, der im Sinne der verstehenden Soziologie nachvollziehbare Entscheidungen trifft, ist hier das Individuum sozialen, kulturellen oder tiefenpsychologischen Determinismen unterworfen. Ins Visier geraten hier mit Marx und Freud natürlich die beiden Ahnherren der “Philosophien des Verdachts” sowie Nietzsche als exponierter Vertreter der Boudon zufolge in der französischen Soziologie stark ausgeprägten Verschwörungstheorie. ((Gemeint ist hier vor allem Pierre Bourdieu und die von ihm begründete Forschungsrichtung. Vgl. auch Boudon (2003: 141): Pierre Bourdieu “führte einen politischen Kampf von seinem Katheder aus. Er war fest davon überzeugt, in einer Gesellschaft zu leben, in der es sich nicht atmen lässt. Die ‘Verschwörungstheorie’ ist an sich nichts Neues [...]. Bourdieu hat sie allerdings zur Perfektion gebracht, wie der norwegische Soziologe Jon Elster launig bemerkt: Er analysiert die sozialen Prozesse als Effekt einer ‘Verschwörung ohne Verschwörer’.” Im Übrigen lassen sich die in der Tat völlig unterschiedlichen Ansätze und Ergebnisse der beiden Soziologen anhand ihrer jeweiligen Arbeiten zur schulischen Ungleichheit (Bourdieu/ Passeron 1970; Boudon 1973) miteinander vergleichen. Vgl. zu einer ähnlichen Kritik Boltanski/ Chiapello (1999), speziell Fußnote 40 im allgemeinen Einführungskapitel (dt. Übersetzung: S. 611).)) Dass zumal marxistisch inspirierte Theorien nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich unter den Intellektuellen starke Verbreitung fanden, hat aber natürlich auch etwas mit der spezifischen historischen Situation zu tun, da sich die bürgerlichen Parteien während der Zeit der deutschen Besatzung in den Augen der französischen Intelligenz weit gehend diskreditiert hatten. Aber selbst nachdem die gesellschaftliche Basis des illiberalen Denkens zunehmend ihre Legitimität verlor und sich niemand mehr als marxistischer Denker ausgeben würde, sind Boudon zufolge die dazu gehörigen Deutungsmuster auch heute noch weit verbreitet. In diesem Sinne werden Psychoanalyse, Strukturalismus, Positivismus im Allgemeinen, die Globalisierungskritiker und Relativisten aller Couleur sowie Denker wie Bourdieu, Foucault, Girard – um nur die bekanntesten zu nennen – diesen antiliberalen Strömungen zugeordnet. Ihr Erfolg ist zwar zum Teil auch darauf zurückzuführen, dass sie in der Tat auf wunde Punkte der liberalen Ordnung aufmerksam machen: Fakt ist etwa, dass die Chancengleichheit in der Schule nur sehr bedingt gegeben ist. ((Vgl. hierzu zuletzt Dubet (2004).)) Andererseits sind, wie Boudon betont, die vorgelegten Erklärungen allzu simpel (Determination durch soziales Milieu), da sie das Individuum als zentralen Akteur im Grunde völlig ausblenden. Außerdem genügen sie kaum wissenschaftlichen Ansprüchen, da sie weniger der libido sciendi folgen als gesinnungsethischen Grundsätzen: “Mir scheint, dass der grundlegende Prozess, mit dem sich die Abneigung zahlreicher Intellektueller gegenüber dem Liberalismus erklären lässt, folgendermaßen zusammengefasst werden kann: Seinen Ausgang nimmt dieser Prozess in einer spezifischen Lage, einem soziohistorischen Kontext, der bestimmte, von der Gemeinschaft als auffällig empfundene Sachverhalte erkennbar macht. Daraus ergibt sich sodann eine Nachfrage, der die gesinnungsethischen und insbesondere die organischen Intellektuellen nachzukommen sich bemühen. Wenn diese auffälligen Sachverhalte scheinbar auf Fehlentwicklungen der liberalen Gesellschaften verweisen, sind diese Intellektuellen dazu geneigt, ihre Diagnose auf Erklärungsmuster zu gründen, die von den illiberalen Denktraditionen auf den Markt geworfen wurden. Sobald die Kritik an diesen Fehlentwicklungen einer ‘wohlmeinenden Absicht’ entspringt und die vorgelegte Erklärung einfach erscheint, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie von den Medien aufgegriffen und nicht kritisch hinterfragt wird” (81-82).

Im Kern lautet die These: Der Erfolg methodologisch fragwürdiger, politisch motivierter Theorien sage nichts über ihren Wahrheitsgehalt, sondern lediglich etwas über ihren gesellschaftlichen Nutzen. ((Boudon unterscheidet zwischen wahren und nützlichen Theorien im Sinne Paretos. Dabei haben wahre und nützliche Theorien dieselbe Wahrscheinlichkeit, auf gesellschaftliche Resonanz zu stoßen, wie falsche, aber nützliche Theorien. Wahre Theorien, deren gesellschaftlicher Nutzen jedoch nicht erkannt wird, bleiben demgegenüber – zumindest vorübergehend – im Abseits))

Auf der Nachfrageseite führt Raymond Boudon diesen Erfolg im Wesentlichen auf die Vermassung des Bildungssystems zurück. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Abitur und schließlich die Universität für Bevölkerungsschichten geöffnet, die bisher keinen Zugang zu einem höheren Bildungsabschluss hatten. Damit musste jedoch zwangsläufig auch das Anforderungsniveau gesenkt werden, so dass – folgt man Boudon in seiner Argumentation – hier ein Publikum intellektuell ausgebildet wurde, das keine hinreichende Kenntnisse besaß, um anspruchsvolle soziologische Theorien verstehen zu können, dafür aber ein offenes Ohr für krude Vereinfachungen hatte. Gleichzeitig entwickelten sich ein wissenschaftlicher Werterelativismus des “Anything goes” (Feyerabend) und ein Moralismus des politisch Korrekten, der die derart entstandene Lücke ausfüllte.

© passerelle.de, Februar 2005

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Tillmann, Michael: “Raymond Boudon: Renouveler la démocratie”, 08.03.07

“Raymond Boudon: Renouveler la démocratie”, 08.03.07

von Michael Tillmann

BOUDON, RAYMOND (2007), Renouveler la démocratie : Eloge du sens commun, www.fondapol.org, Februar 2007.

Ende 2006 hat Raymond Boudon bei Odile Jacob unter dem programmatischen Titel Renouveler la démocratie : Eloge du sens commun eine Untersuchung zu den aktuellen Gefährdungen vor allem der französischen Demokratie veröffentlicht. Dabei handelt es sich um ein Plädoyer für eine Rückkehr zu den eigentlichen, d.h. liberalen Grundwerten der Demokratie, in dem Raymond Boudon – wie immer mit bestechender Klarheit – den Feldzug gegen postmodernen Relativismus und – wie der Untertitel verrät – für den sensus communis, den gesunden Menschenverstand, führt.

Eine Kurzfassung der Schrift mit den wesentlichen Gedanken kann auf dem Internetauftritt der rechtsliberalen Denkfabrik Fondation pour l’innovation politique heruntergeladen werden. Bei dieser Stiftung handelt es sich um einen von dem ehemaligen Berater des amtierenden französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, Jérôme Monod, gegründeten think tank, der ursprünglich von der bürgerlichen Partei UMP finanziert wurde, unterdessen aber institutionell unabhängig ist. Zu den Mitgliedern zählen u.a. so renommierte Wissenschaftler wie Yves Mény, François Ewald, Pascal Perrineau, Marcel Gauchet, Emmanuel Le Roy Ladurie (aus Deutschland sind in den verschiedenen Instanzen Karl Lamers und Arnulf Baring vertreten).

Hier finden Sie Auszüge aus dem einleitenden Kapitel der Kurzschrift in deutscher Sprache: © www.passerelle.de – März 2007.

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